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Michael Streck zu 9/11: "Das ist kein Unfall, das ist ein verdammter Krieg"

Michael Streck war gerade in New York als stern-USA-Korrespondent angekommen, als Terroristen das World Trade Center angriffen. Er erreicht die Zwillingstürme, als die gerade zusammensacken. Hier erzählt er von kaltem Staub und der Zeit, in der sich die Welt veränderte.

Michael Streck

Der Moment, als das zweite Flugzeug ins World Trade Center raste: Ein Anblick, den die Welt nie vergessen wird.

Eine Woche vor den Anschlägen auf das World Trade Center standen wir auf dem Empire State Building und schauten auf das World Trade Center. Die Sonne ging gerade unter, und meine Frau sagte zu unseren Töchtern, damals sieben und neun: "Seht ihr die hohen Türme da drüben? Von da oben kann man an schönen Tagen bis nach Delaware gucken. Und das sehen wir uns nächste Woche an." Die Töchter verstanden damals noch nicht richtig. Sie wussten nichts mit den hohen Türmen anzufangen und erst recht nichts mit Delaware. Wir waren gerade erst angekommen.

Unsere Kleinfamilie erreichte die neue Welt am 26. August 2001. Wir hatten ein Haus gefunden eine gute halbe Stunde von der City entfernt, und in den folgenden Wochen, während unsere Möbel und ein kaputtes Klavier im Container über den Atlantik schipperten, campten wir dort. Wir schliefen auf Luftmatratzen, wir hatten einen Tisch, vier Stühle, vier Teller, vier Gabeln, vier Messer, ein altes Radio.

Der Container kam an einem Montag, und mit dem Container kamen Richard, Samuel und Larry. Drei kräftige, schwarze Möbelpacker, echte Jungs aus dem Leben, Bronx. Sie schleppten ein paar Hundert Kartons und ein kaputtes Klavier ins Haus und bauten Betten und Regale auf und sagten lustige Sachen wie "I hate Ei-kie-ja". Was sich insofern später bewahrheiten sollte, als dass sämtliche Ikea-Regale wackelten und die Betten auch. Ich machte mich aus dem Staub für ein Interview in Harlem. Es sollte meine erste Geschichte als neuer Korrespondent für den stern in den USA werden. Alles sprach damals von der Harlem Renaissance. Ich dachte, das sei ein tolles Thema, die Chefs in Hamburg auch. Niemand konnte ahnen, dass ich diese Geschichte nie schreiben würde.

"Eine Cessna", nichts Großes vermutlich

Dunkle, schwere Regenwolken hingen über New York, als das Handy klingelte und die Frau, an sich eine Seele von Frau, tobte: "Wenn du nicht soooofort nach Hause kommst, packe ich die Möbel gleich wieder ein." Ich versuchte zu beschwichtigen, aber das machte alles nur schlimmer, denn sie sprach: "Die Kinder kamen kotzend aus der Schule, das Klo ist übergelaufen, das Wasser tropft durch die Decke und hat den Strom unterbrochen. Subito nach Haus! Oder..." Ich speichelte noch kleinlaut "Ich verspreche, morgen bin ich dein Sklave!", aber das hörte die Frau schon nicht mehr. Sie hatte aufgelegt. Passend zur familiären Großwetterlage entlud sich ein gewaltiges Gewitter über New York.

Das war am Tag vor dem Tag.

Der Morgen heiß, sonnig und stickig, der Himmel ostküstenblau am 11. September 2001. Im Radio sprachen sie über die Hitze des Tages, das am Abend zuvor wegen des Unwetters abgesagte Baseballspiel der Yankees gegen die Boston Red Sox, die Vorwahlen der Demokraten für das Bürgermeisteramt in New York und eine vermisste Praktikantin aus Washington. "Missing Chandra Levy" und eine eher zufällige Häufung von Hai-Attacken waren die Geschichten des Sommers 2001. Kein aufregender Sommer bis dahin, wirklich nicht. George W. Bush war noch ein harmloser, ein unauffälliger, fast blasser Präsident.

Michael Streck in New York

Adrenalin, Koffein, Nikotin hielten Michael Streck n den Monaten nach dem Anschlag aufrecht.


Wir standen in der Küche, meine Frau und ich. In den Verkehrsnachrichten im Radio das Übliche: Stau auf dem Degan-Expressway, Stau auf dem Westside-Highway und auf der I95 in der Bronx, eine Baustelle, wie immer. Musik auf "Ten Ten Wins". Ein Helikopter meldete Rauch aus dem World Trade Center, ein Loch darin, "wahrscheinlich ein Sportflugzeug, eine Cessna", nichts Großes vermutlich, hieß es. Von diesem Moment an war der Sklave wieder Journalist. Ich nahm den Zug in die Stadt, mein Telefon klingelte, meine Frau war dran und sagte: "Ein zweites Flugzeug ist soeben in den anderen Turm geflogen."

Die Türme kollabierten wie in Zeitlupe 

Ich kam in Downtown an, als die Türme kollabierten. Sie sackten wie in Zeitlupe. Kaskaden aus Stahl, Glas und Beton, 300.000 Tonnen schwer. Ich stand in Höhe Canal Street, nicht sehr weit von den sackenden Türmen, neben einer jungen Frau. Sie rief im Büro an, ihr Handy funktionierte da noch. Sie sagte, die U-Bahn fahre nicht mehr, sie komme später, da sei dieser Unfall, dieser schreckliche Unfall. Ein Typ, Aktenkoffer und Sakko, schrie sie an: "Verdammter Scheiß, siehst du nicht? Das ist kein Unfall, das ist ein verdammter Krieg, siehst du denn nicht?" Vielleicht stand sie nur unter Schock. Vielleicht verstand sie wirklich nicht. Vielleicht wollte sie nicht verstehen.


Andererseits, wer verstand schon? Ein Krieg gegen Amerika in Amerika? Nie gewesen. Pearl Harbor, gewiss. Aber das war vor 60 Jahren im Meer, tausende Meilen entfernt, näher an Japan als den Vereinigten Staaten. Das hier war real, "America under attack", und der Präsident saß in Sarasota, Florida, in einer Grundschule und las Kids aus "The Pet Goat" vor.

Die junge Frau lief fort, alle liefen fort, auch der Sakko-Mann lief, die Polizisten riefen: "Norden, Norden, Norden." Die Polizisten liefen auch Richtung Norden. Dann kam die Staubwolke, und die Wolke war gewaltig und schnell und grau und kalt, und sie machte schmutzig. Das Gefühl für Zeit und Raum ging verloren, und irgendwann - wann auch immer - saß ich im Büro, und die Kollegen aus Deutschland riefen an und bestellten Geschichten, "Sonderausgabe!" Draußen rannten in Panik Hunderte von Menschen die 42. Straße entlang, man konnte ihre Schreie hören, weil irgendwelche Wahnsinnigen, Trittbrettfahrer des Horrors, drohten, den Bahnhof Grand Central Terminal in die Luft zu jagen. Unser Bürogebäude wurde evakuiert; es lag nur einen Block vom Grand Central Terminal entfernt exakt auf der anderen Straßenseite des Chrysler Buildings, und die Behörden fürchteten, dass ..., aber wir ignorierten die Warnung und waren in den folgenden Tage sehr einsam in unserem Wolkenkratzer. 

T-Shirts mit Bin Ladens Kopf in einer Zielscheibe

Als der Abend kam, legte sich eine nie erlebte Stille über die Stadt. Später habe ich diese Stille nur noch einmal ähnlich erlebt, als ein gigantischer Schneesturm New York zur Ruhe zwang. Kein Auto fuhr, kaum ein Bus, kein Hupen, nichts. Stille. Sie hatte etwas Gespenstisches. Die ersten Zahlen kursierten. Bis zu 30.000 Tote, hieß es. Die Stunden vergingen im Zeitraffer, die Tage in Trance. Adrenalin, Koffein, Nikotin hielten den Körper aufrecht.

Der Tag danach, die Sonne klar, der Himmel ostküstenblau, Indian Summer. Der 12. September war ein wunderschöner Tag. Er war wie der 11. September. Aber die Welt war eine andere.

New York City: Die Twin Tower, der Anschlag, das Comeback
World Trade Center Zwillingstürme 1974

Die New Yorker Skyline 1974 - sachlich und stattlich ragen die Türme des World Trade Centers in den Himmel - ein Anblick aus längst vergangenen Zeiten. Der gesamte Komplex wurde zwischen 1966 und 1987 erbaut, zwei Jahre lang waren die berühmten Zwillingstürme die höchsten Gebäude der Welt.


Auf Ground Zero, Sperrgebiet, dampften die Trümmer, die Leute vom Roten Kreuz verteilten Atemschutzmasken an Helfer und Journalisten. Sie sagten: "Asbest." Jahre später litten Tausende von Feuerwehrleuten und Freiwilligen und Arbeitern an Lungenkrankheiten. Am Union Square liefen Debatten. Die beiden Lager hießen "Why do they hate us?" und "Nuke them". Die Lager standen sich gegenüber, junge Leute, aber sie debattieren irgendwann nicht mehr, sie brüllten sich an. Die Szenerie am Union Square war verknappt und exemplarisch exakt das, was Amerika in den Jahren danach erleben sollte: Diskussion, Stillstand, Zwist. Aber zunächst schwappte ein Patriotismus durch das Land, "United we stand", und die meisten Amerikaner versammelten sich unter der Flagge und ihrem Präsidenten und wir Europäer in der Stadt, die Deutschen zumal, staunten nur über die Flaggen und Aufkleber. Fliegende Händler verkauften T-Shirts mit Bin Ladens Kopf in einer Zielscheibe. Es sollte noch fast zehn Jahre dauern, bis amerikanische Spezialeinheiten den Al-Kaida-Führer im pakistanischen Abbottabad stellten und töteten.

Zwei Kriege begonnen und keinen gewonnen

Amerika hat nach jenem 11. September zwei Kriege begonnen und keinen gewonnen. Iraker, Afghanen und Syrer leiden bis heute. Und Amerika hat gelitten, jenseits der 3000 Toten jenes Morgens. Das wird auf dieser Seite des Atlantiks leicht und gerne übersehen, dass das amerikanische Volk die Rückkehr einer imperialen Präsidentschaft erlebte. Es wurde gefoltert und gequält im Namen dieser großen Nation. Die Ausläufer von 9/11 reichen tief bis ins Heute.

Drei Tage nach den Attacken kam ich nach Hause zum Rasieren, Duschen und Wechseln der Klamotten, in denen feiner, weißer Staub hing und ein süßlich-fauliger Geruch. David und Myra, unsere neuen Nachbarn, schauten vorbei. Sie rechneten jeden Moment mit weiteren Angriffen, sie horteten Wasser, hoben Bargeld ab, betankten ihr Auto. Als sie gingen, sagte ich zu meiner Frau: "Manchmal spinnen sie, die Amis."

Familie

Eine Aufnahme von Familie Streck, kurz vor Weihnachten im Jahr 2002


Die Töchter, zweite und vierte Klasse, ahnten nur, was passiert war, Kinder beide noch: "Wer ist bin Laden"?, fragte die Ältere. Und: "Warum hängen hier überall Fahnen?" Einmal, zwei Monate nach den Anschlägen trafen wir einen Vater mit seinen beiden Söhnen. Seine Frau, Elaine Gentul, hatte im Nordturm erst 40 Menschen das Leben gerettet. Als sie sich selbst retten wollte, war es zu spät. Die Töchter spielten mit den Jungs, sie lachten gemeinsam, sie verständigten sich ohne große Worte. Später fragte die Jüngere: "Warum konnten Robin und Alex lachen?" Sie fragt das heute im Abstand von vielen Jahren noch manchmal. Sie waren Kinder, als wir kamen. Und als wir gingen, fast sieben Jahre später, waren Teenager aus ihnen geworden, die englisch wie deutsch sprachen, aber englisch bevorzugten. Die Jüngere hat vor kurzem für die Uni ein Essay über 9/11 schreiben müssen. Elaine Gentul kam auch darin vor.

Zwischen unserer Ankunft in New York und dem Angriff auf das World Trade Center lagen zwei Wochen. Wir haben es nie aufs Dach geschafft, um von dort nach Delaware zu gucken. Das Telefon zu Hause klingelte ständig, Freunde, Verwandte, Bekannte, Kollegen erkundigten sich nach uns. Sie machten sich Sorgen. Alle, wirklich alle, fragten "Wann kommt ihr zurück nach Deutschland, wann kommt ihr nach Hause?" Und meine Frau antwortete allen und wahrheitsgemäß: "Wir sind zu Hause."

Dieser Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung eines Kapitels aus dem Buch „Stars & Stripes und Streifenhörnchen“ von Michael Streck und Til Mette, das 2008 im Malik-Verlag erschien.


kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(