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Nordkorea Blüten aus Pjöngjang: Wie Kim Jong-un sein Atomprogramm finanziert

Nordkorea: Blüten und Drogen aus Pjöngjang
Nordkorea: Teures Militär als Basis der Macht. Kim Jong-un bei einer Truppenparade im April 2017.
Falschgeld, Drogen, Versicherungsbetrug. Kim Jong-uns Schurkenstaat Nordkorea finanziert sich mit den Methoden der Mafia.
Von Janis Vougioukas

Als Chen Chiang-liu festgenommen wurde, saß er gerade am einarmigen Banditen. Er hatte 1,9 Millionen Dollar im "Caesars Palace" von Las Vegas verspielt, für den gebürtigen Taiwanesen keine besondere Summe. Die amerikanischen Ermittler hatten herausgefunden, dass er über Jahre zig Millionen Dollar gefälschter Geldnoten in die USA geschmuggelt hatte. Die Blüten waren so gut gemacht, dass sie jahrelang niemandem aufgefallen waren. Sie stammten aus Nordkorea. Die Festnahme im Juli 2007 war das Ende einer dreijährigen Ermittlung, die das FBI "Operation Rauchender Drache" getauft hatte. Angefangen hatte es mit gefälschten Zigaretten, auch sie kamen aus Nordkorea.

Als das FBI irgendwann zwei falsche Hunderter zur Probe bekam, war die erste Antwort der Spezialisten: "Warum habt ihr uns das gegeben? Die sind echt!"

Was klingt wie aus einem John-Grisham-Thriller, ist Teil eines sehr realen und brandgefährlichen Konflikts: des Streits um Nordkorea und sein Atomprogramm. Erst am Sonntag testete das Land erneut eine Rakete, sie hätte – bei anders gewählter Flugbahn – wohl bis zu 4.000 Kilometer zurücklegen können. Für Kims Jong-uns Schurkenstaat ist das Nuklearprogramm eine Überlebensgarantie. Hätte Saddam Hussein die Atombombe gehabt, so die Logik in Pjöngjang, wären die USA niemals in Bagdad einmarschiert.

Wie finanziert Kim das alles?

Rund 70 Prozent der Bauteile für Nordkoreas Langstreckenraketen müssen gegen Devisen importiert werden. Mehrere Milliarden Dollar soll das Land bislang in das Programm gesteckt haben – trotz immer schärferer Sanktionen. Wie finanziert Kim das alles?

Unter anderem durch Falschgeld. Und das seit Jahrzehnten. Bereits 1989 fiel der philippinischen Zentralbank eine sonderbare 100-Dollar-Note auf. Das Papier bestand aus dem gleichen Baumwoll-Leinen-Gemisch wie die Originalnoten. Wasserzeichen und Sicherheitsstreifen waren so gut imitiert, dass der US-Geheimdienst anfing, von „Supernoten“ zu sprechen – ohne allerdings zu wissen, woher sie stammen könnten.

Es dauerte zehn Jahre, bis die Ermittler eine heiße Spur fanden. 1999 besuchte der ehemalige IRA-Anführer Séan Garland Moskau. Dort wurde der Nordire beobachtet, wie er in einen Wagen mit Diplomatenkennzeichen stieg, der ihn zur nordkoreanischen Botschaft brachte. In einem Bahnhofsschließfach fand die Polizei später 66.900 Dollar in falschen Supernoten, die sich Garland zuordnen ließen.

Eine Weile sah es so aus, als würde sich Pjöngjang aus dem Devisengeschäft zurückziehen. Doch im vergangenen Jahr verhaftete die chinesische Polizei in der Grenzstadt Dandong einen Nordkoreaner, der versucht hatte, fünf Millionen Dollar Falschgeld in chinesische Yuan zu tauschen. Nordkoreanische Überläufer berichten, dass sich eine Druckerei in Pjöngsong, nördlich der Hauptstadt, inzwischen auf die Fälschung chinesischer Yuan-Noten spezialisiert habe. Das Falschgeldprogramm könnte einen Umfang von mehreren Milliarden Dollar haben – genaue Schätzungen allerdings sind schwierig: Experten halten es für möglich, dass die Blüten inzwischen so gut geworden sind, dass sie schlicht niemandem mehr auffallen.

Büro 39 untersteht direkt Diktator Kim Jong-un

Gesteuert werden die geheimen Geldgeschäfte aus einem unscheinbaren Betonbau in der Hauptstadt Pjöngjang. Abgeschirmt von der Hauptstraße liegt hier die Zentrale von "Büro 39", einer riesigen Organisation mit Tausenden Mitarbeitern und einem weltweiten Netzwerk aus Tarnorganisationen, Briefkastenfirmen und ausländischen Geheimkonten. Büro 39 untersteht direkt Diktator Kim Jong-un. Seine wichtigste Aufgabe ist es, das Land mit Devisen zu versorgen. Das Portfolio reicht offenbar von Falschgeld über Drogenproduktion bis hin zu Betrug und Geschäften mit Zwangsarbeitern. Das System erinnert an einen Mafiaclan – mit einem entscheidenden Vorteil: Anders als die organisierte Kriminalität ist Nordkorea ein Staat mit einem gewaltigen Geheimdienstapparat und Botschaftsmitarbeitern mit diplomatischer Immunität. Die werden gezielt für illegale Geschäfte eingesetzt: In Venezuela, Ägypten, Russland, China und auch in Deutschland wurden bei nordkoreanischen Diplomaten schon Drogen sichergestellt, produziert von einem staatlichen Pharmakonzern in Pjöngjang.

Experten gehen davon aus, dass dieses Büro 39 jedes Jahr mit legalen wie illegalen Geschäften bis zu sechs Milliarden Dollar erwirtschaften könnte. Das wären mehr als ein Fünftel der auf etwa 28 Milliarden Dollar taxierten Wirtschaftsleistung des Landes – genaue Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt veröffentlicht die Regierung nicht.

Eines der Geschäfte sind Großdenkmäler.
Gern kitschig. Gern in Afrika. Schon Simbabwes Diktator Robert Mugabe ließ in den 80er Jahren einen Platz für die gefallenen Helden des Freiheitskampfs mithilfe von Nordkoreanern bauen. Mittlerweile hat das Land in diesem Bereich große Expertise. 2010 baute das Mansudae Art Studio aus Pjöngjang im Senegal für einen zweistelligen Millionenbetrag das knapp 50 Meter hohe "Monument der afrikanischen Renaissance". Als die Regierung von Namibia sich von Nordkorea ihr Unabhängigkeitsdenkmal errichten ließ, bestellte man gleich noch einen Präsidentenpalast und eine Munitionsfabrik dazu.

Nordkorea: Wichtigstes Scharnier des Systems ist China

Weniger schillernd, aber noch einträglicher ist der Export von Arbeitskräften. Bis zu 200 000 Nordkoreaner, schätzt Korea- Experte Remco Breuker von der niederländischen Universität Leiden, arbeiten im Ausland. Sie schlagen Holz in sibirischen Wäldern, arbeiten in chinesischen Textilfabriken, bauen Hochhäuser in Kuwait oder Wohnungen für die Fußballweltmeisterschaft in Doha.

Die Vereinten Nationen stufen die Männer als "Zwangsarbeiter" ein, viele schuften bis zu 20 Stunden pro Tag und hausen in Baracken hinter Stacheldraht. Dafür bekommen ihre Familien in der Heimat jeden Monat ein paar Dollar – der Rest geht ans Büro 39. "Ich kenne allerdings Arbeiter, die nach Jahren nach Nordkorea zurückgekommen sind, nur um festzustellen, dass sie eigentlich gar nichts verdient hatten. Die Regierung hatte ihnen sogar Schulden aufgebrummt", sagt Kim Seungcheol, der selbst zwei Jahre in Russland verbrachte, bevor ihm die Flucht nach Südkorea gelang.

Nordkorea: Blüten aus Pjöngjang: Wie Kim Jong-un sein Atomprogramm finanziert

Sogar in der Europäischen Union arbeiten die Zwangsarbeiter. 2014 starb ein nordkoreanischer Schweißer in einer Werft im polnischen Gdansk bei einem Unfall.
Als der Vorfall untersucht wurde, kam heraus, dass polnische Firmen Tausende Billigarbeiter aus Nordkorea eingesetzt hatten – beaufsichtigt von Aufpassern aus der Heimat. Der UN-Sonderberichterstatter Marzuki Darusman schätzt, dass Nordkorea allein mit dem Arbeitskräfteexport jedes Jahr bis zu 2,3 Milliarden Dollar verdient.

Wichtigstes Scharnier des Systems ist China. Fast alle legalen Geschäfte laufen über den Nachbarn im Norden. Im vergangenen Jahr etwa hat Nordkorea für eine Milliarde Dollar Steinkohle und für 500 Millionen Textilien nach China exportiert.

In Pjöngjang wächst die Zahl der Hochhäuser ebenso wie die der Autos

Auch bei den illegalen Aktivitäten spielt Peking die entscheidende Rolle. Viele werden über chinesische Banken und Schattenfirmen abgewickelt. Als es der südkoreanischen Marine im vergangenen Jahr gelang, Teile des Antriebs einer nordkoreanischen Rakete aus dem Meer zu fischen, stellte sich heraus, dass viele Komponenten aus ausländischen Teilen gefertigt waren – importiert über China.

Die Großmacht fürchtet einen Zusammenbruch des kleinen Nachbarn und lässt das Land bis zu einem gewissen Grad gewähren. Trotz ständiger Verschärfung der Sanktionen macht Nordkoreas Wirtschaft auch deshalb heute einen stabileren Eindruck als noch vor wenigen Jahren. In Pjöngjang wächst die Zahl der Hochhäuser ebenso wie die der Autos.

"Vielen Menschen geht es besser als früher", sagt Kim Kwang-jin. Bis zu seiner Flucht war Kim einer der wichtigsten Manager des Landes, er leitete eine nordkoreanische Bank in Singapur. "Rund 20 Millionen Dollar habe ich jedes Jahr bar in Pjöngjang abgeliefert", sagt er. "Unser Hauptgeschäft war Versicherungsbetrug."

Einmal hätten Nordkoreas Behörden kistenweise Dokumente über einen fingierten Hubschrauberabsturz fabriziert, um Schadenersatz zu kassieren. "Es gab sogar Fotos vom Unglücksort, doch ich konnte sofort erkennen, dass die Bilder nicht echt waren", sagt Kim. Am Ende aber zahlten die Versicherungen 58 Millionen Dollar. Geld, das – wie die Einnahmen aus anderen Quellen – Kims Herrschaft stabilisieren soll. Und zugleich den Frieden gefährdet.

Die Reportage ist dem aktuellen stern entnommen:

 

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