VG-Wort Pixel

US-Wahl 2020 Der kurze Blick in die Wähler-Seele: ein paar fast endgültige Wahrheiten über Wahlumfragen

Donald Trump Sieg 2016
Der Moment, den niemand vorhergesehen haben will: Donald Trump nach seiner Wahl zum US-Präsidenten 2016
© Spencer Platt/Getty Images / AFP
Seit dem Jahr 2016 ist der Ruf von Umfragen ramponiert. Weder die Wahl von Donald Trump noch den Brexit sollen sie vorhergesehen haben. Das allerdings stimmt nicht. Die Erwartung an die Demoskopie ist leider die falsche. 

Erklärt Donald Trump nach den Medien nun auch Umfragen für "fake"? Ein aktueller Twitter-Eintrag erweckt diesen Eindruck. Am Sonntag wetterte er verschwörerisch von "wahren Umfragen", die Fox News "unterdrücken" würde. Die Zahlen des US-Senders, auf die er sich bezog, waren nicht einmal neu, sondern einfach nur unvorteilhaft, wie die ganzen vergangenen Monate zuvor auch schon. Nichts Neues eigentlich, aber der Wahlkampf läuft derzeit nicht besonders gut für ihn – bei nur noch 16 Wochen bis zur Abstimmung.

Sind die Umfragen vielleicht doch nicht so gut?

Genau genommen fällt der US-Präsident in den meisten Umfragen durch, seitdem er 2015 mit dem Wahlkampf begonnen hat. Dennoch sitzt er im Weißen Haus. Hat er vielleicht doch recht und die Demoskopen nicht? Oder ist ihre Datenware tatsächlich mangelhaft, wie seit dem Brexit und der US-Wahl 2016 oft behauptet wird?

Die Antwort lautet: nein. Der Teufel steckt meist im Detail beziehungsweise in der Interpretation der Zahlen. Deshalb hier: ein paar Wahrheiten hinter den Umfragen zu US-Wahlen:

Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Wahlprognosen.

Zwar hatte kein US-Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft so schlechte Zustimmungsraten wie Donald Trump, dennoch wurden diese zeitweise von einigen seiner Vorgänger sogar noch unterboten: darunter Ronald Reagan und Barack Obama, die beide trotzdem wiedergewählt wurden.

Bei der letzten Wahl hatte die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, zu diesem Zeitpunkt (also vier Monate vor der Wahl) ihren Umfragevorsprung gegenüber Donald Trump gerade deutlich eingebüßt. Im September dagegen war sie ihm wieder enteilt und am entscheidenden Tag lag sie im Demoskopenschnitt nur noch drei bis vier Prozentpunkte vor Trump. Das entspricht ungefähr den drei Millionen Stimmen, die sie mehr bekommen hat als der New Yorker TV-Star. Zum Sieg reichte es dennoch nicht.

Das Problem mit der US-Wahl

Problem 1: Nicht jeder Präsidentschaftskandidat mit einer Stimmenmehrheit wird Präsident. Denn die Amerikaner wählen in den einzelnen Bundestaaten, die wiederum eine bestimmte Anzahl an Wahlleuten entsendet – meist entsprechend ihrer Bevölkerungsgröße. Das führt dazu, dass die Kandidaten in einigen Regionen, von denen sie annehmen, ohnehin gewählt zu werden, so gut wie nie Wahlkampf machen. Beispiel Michigan und Wisconsin. Die beiden Industriestaaten lagen 2016 hinter der sogenannten "blauen Mauer" – sprich sie galten als sichere Bank für die Demokraten.

Nicht nur die siegesgewisse Hillary Clinton hat sich dort kaum blicken lassen, auch die Demoskopen nicht. Die hatten ihre Befragungen auf Ecken konzentriert, die ihrer Meinung nach umkämpfter waren. Der einzige Kandidat, der dort regelmäßig angetreten war, war Donald Trump. Am Ende gewann er sowohl in Michigan als in Wisconsin – und holte damit die entscheidenden Wahlmännerstimmen, die er für seinen Sieg brauchte. Sein Vorsprung in beiden Staaten betrug zusammengenommen übrigens gerade einmal 33.452 Stimmen.

Problem 2: die Fehlertoleranz. Selbst wenn es mehr oder häufigere Umfragen aus Michigan und Wisconsin gegeben hätte, wäre ihre Aussage wohl gewesen: Es wird knapp. Denn der tatsächliche Vorsprung Trumps vor Clinton betrug gerade einmal 0,2 Prozentpunkte in Michigan und 0,8 Prozentpunkte in Wisconsin. So genau ist keine Umfrage. Üblicherweise rechnen Statistiker mit einer Fehlertoleranz von plus/minus drei Prozent. Gründe: falsche Angaben, statistische Rundungsfehler, Auswertungsmethoden.

Brexit und US-Wahl 2016 waren vor allem knapp

Wie viel (oder wie wenig) plus/minus drei Prozent ist, hat die Brexit-Abstimmung gezeigt. In vielen Umfragen schwankte das Verhältnis von Brexit-Befürwortern und -Gegnern zwischen halb und halb. Letztlich stimmten 51,9 zu 48,1 Prozent der Briten für den Ausstieg aus der EU. Das Ergebnis war so knapp, dass es am Ende sowohl in Fehlertoleranzbereich von Umfragen lag, die ein Nein zum Brexit erwartet hatten, als auch derjenigen die von einem Pro-Brexit-Votum ausgegangen waren.

Die Art der Umfragen

Eine der Umfragen, die Donald Trump regelmäßig sehr gerne zitiert, ist die des Rasmussen Report. Hier schneidet der US-Präsident oft auffallend gut ab, als einer der wenigen Institute errechnet Rasmussen regelmäßig Zustimmungsraten von 50 Prozent und mehr. Die Demoskopen fragen im Monatsrhythmus Amerikaner ab, die planen zur Wahl zu gehen. Dazu bedienen sie sich Anrufmaschinen, die automatisiert Umfrageteilnehmer anrufen. Das ist recht zuverlässig, aber daneben gibt noch zahlreiche andere Methoden, um Menschen zu befragen: am Telefon persönlich, an der Haustür, auf der Straße. Online, per Brief, in Gruppen, einzeln, sortiert nach Parteipräferenz oder Wahlabsicht (in den USA muss man sich für die Abstimmung registrieren lassen).

Anders gesagt: Wer online allgemein nach der Sympathie von Präsidentschaftskandidaten fragt, wird andere Antworten bekommen, als wer von erklärten Wählern auf der Straße wissen will, wem sie den Wahlsieg zutrauen. 2016 etwa kam eine Umfrage des Senders ABC News auf einen Vorsprung Clintons von landesweit zwölf Prozentpunkten, während etwa die University of South California für die "Los Angeles Times" zur gleichen Zeit nur einen Vorsprung Clintons von einem Prozentpunkt errechnet hatte. Rasmussen sah sogar Trump vorne.

Umfragen mit normaler Fehlerquote

Der US-Wahlstatistiker Nate Silver hat 2018 die Umfragen der Präsidentschaftswahl analysiert und mit dem Ausgang verglichen: Im Durchschnitt wichen die landesweiten Umfragen um rund drei Prozent vom Ergebnis ab, was im normalen Fehlerrahmen liegt. Nur die Befragungen auf Bundesstaatenebene waren mit fünf Prozent ungenauer als die Umfragen in den Wahljahren zuvor.

Rasmussen übrigens, wo Donald Trump oft gut wegkommt, kommt auch bei Nate Silver gut weg. Laut seines renommierten "Pollster Ranking" lagen deren Demoskopen bei vergangenen Wahlen so gut, dass sie derzeit auf Platz zwei aller untersuchten Institute rangieren. Eine Umfrage, die bis zum Wahltag oft verlacht wurde, sah Donald Trump lange Zeit als Gewinner und lag damit richtig: die "LA Times". Deren Methodik unterscheidet sich allerdings von den meisten anderen: Sie befragt regelmäßig immer die gleichen Menschen – und kann so auch längerfristige Stimmungen abbilden.

Nur der kurze Blick in die Wähler-Seele

Dass Umfragen nach den beiden historischen Abstimmungen im Jahr 2016 so in Verruf geraten sind, lag sowohl daran, dass die Rennen extrem eng waren und als auch daran, was Experten und Medien daraus gemacht hatten. Da sich Uneindeutigkeiten schlecht verkaufen, haben vor allem Brexit- und Trump-Gegner die Umfragen überhöht und mehr als (erwünschte) Wahlprognosen gedeutet, als das, was sie sind: ein kurzer Blick in die Seele der Wähler.

Quellen: 538.com, Geekwire, Salon.com, Realclearpolitics, USElectionatlas.org, DPA, AFP, Wahlrecht.de, Donald Trump auf Twitter


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker