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Kommentar

Nationalratswahl: Österreich hat gewählt – oder: Der Verlust der Würde

Der schmutzigste Wahlkampf, den die Alpenrepublik je erlebt hat, ist vorbei. Was bei vielen bleibt, ist der Wunsch, dass sich die politische Dreckspirale nicht noch weiter nach unten dreht. Doch damit es nicht dazu kommt, ist das ganze Volk gefragt. 

Meine Stimme ist wahrscheinlich noch gar nicht ausgezählt. Ich habe mittels einer der rund 890.000 ausgegebenen Wahlkarten abgestimmt, deren Auszählung bis zum Donnerstag dauern wird. Was heute bereits losgeht, das sind die Spekulationen, Verhandlungen und Schuldzuweisungen. Die Sieger werden im Lichtkegel stehen, umschwirrt von den eilig herbeigeflogenen Motten. Auf der Verliererseite werden alle noch einmal übereinander herfallen und bereits angesägte Stuhlbeine endgültig zusammenkrachen. Koalitionsmodelle werden verhandelt werden und jede Partei wird darüber nachdenken, welche Variante für sie, nicht für die Wähler, die beste ist. Es wird im Grunde zugehen wie an jedem Wahlabend, und doch ist diesmal etwas anders in Österreich.

Österreich: Alles liegt in Scherben

Alles liegt in Scherben. Nach dem bereits zweiten von Hass und Schmutzkampagnen getragenen Wahlkampf innerhalb von zwei Jahren (auch die Wahl zum Bundespräsidenten war von Verlogenheit und "dirty campaigning" geprägt) ist das Vertrauen der österreichischen Wähler in die Politik dahin. Der einstige Grundrespekt vieler Politiker vor ihren Mitbewerbern, ja selbst die Achtung eines Wählers vor dem anderen ist an so vielen Orten Aggression und Ekel gewichen, und das einzige, worin sich alle noch einig sind, ist ihr Hass auf die Medien.

Es wird in diesen Tagen in Österreich viel darüber gesprochen, was die Politik "wieder" brauche. Anstand. Transparenz. Eine Vision. Mehr Politik, weniger Show. Das ist alles richtig, aber am Anfang steht die Würde des Menschen, die unantastbar ist, und somit immer da, bereit wahrgenommen zu werden – in einem Amt, in einem Kommentar, in einem selbst, im noch so erbittert bekämpften Gegner. Ohne Würde ist der Mensch bloß eine Summe von Aktion und Reaktion, von Gier, Angst, Machstreben und Gehorsam. Ohne Würde ist Politik, also die Organisation unserer Gesellschaft und ihrer Werte, sinnlos.

Die österreichische Politik hat ihre Würde verloren

Die österreichische Politik und mit ihr das Volk hat diese Würde verloren. Wer zuerst und wann genau, das lässt sich nicht mehr feststellen. Geschah es mit dem Einzug der Gratiszeitungen und ihrer Erpressungsgeschäfte der Sorte "Berichterstattung für Anzeigen"? Mit den Sozialen Medien? Mit dem Einzug der Beratersöldner, der Stylingcoaches und Eventprofis in die Parteizentralen, mit der Ablöse von Prinzipien durch Resultate aus den Fokusgruppen? 

Vielleicht war es in Wirklichkeit nie anders. Die österreichische Politik war immer schon grauslich und gewonnen hat immer der mit dem frischesten Lack, diesmal eben mit Türkis. Auf Facebook, Twitter und in Onlinekommentaren – sei es nun, dass diese als Instrument verwendet werden (siehe Silberstein-Affäre) oder als Ventil (siehe AG-Leaks) – wird nur verstärkt, was stets zu unserer Kultur gehörte. Vielleicht haben wir unsere Würde also gar nicht verloren, sondern nie gesucht. Eines muss uns allen jedoch klar sein: Entweder, wir - die Menschen an den Wahlurnen und ihre Alter Egos im Netz, die Bediener der Schalthebel in der Politik und in den Medien - entweder wir alle also finden einen Weg, die Würde in unserem Tun (neu) zu entdecken. Oder wir werden eine noch ekelerregendere Politik und einen noch unerträglicheren nächsten Wahlkampf erleben. Selbst, wenn wir uns das nach dem jetzigen nicht vorstellen können.