PALÄSTINA Der Tod - Ein Kinderspiel


Freitagnachmittags gingen sie nicht ins Freibad, sondern zogen in den Krieg. Vier jungen aus Ramallah wollten es den Israelis zeigen. Nun ist einer von ihnen tot, und einer liegt gelähmt im Krankenhaus. Zwei kämpfen immer noch. Aus stern Nr. 26/2001.

Freitagnachmittags gingen sie nicht ins Freibad, sondern zogen in den Krieg. Vier jungen aus Ramallah wollten es den Israelis zeigen. Nun ist einer von ihnen tot, und einer liegt gelähmt im Krankenhaus. Zwei kämpfen immer noch

Es war Herbst, und sie waren zu viert. Sie spielten Fußball, gingen ins Freibad »Panorama« und zum Krieg an den nördlichen Stadtrand. Steine werfen gegen Israels Armee. Nur zu Hause trafen sie sich nie, denn ihre Eltern wussten nicht, was sie tun. Badr, 14, war der Jüngste, der Furchtloseste. Ramzi, 15, der gerade die Prüfung für die Berufsschule bestanden hatte, wusste am besten mit der Steinschleuder umzugehen. Ala?a, 16, war ohnehin selten zu Hause, weil er mit seinem Vater im Streit lag. Jimaan, den sie Jim nennen, war 17 und sagte nie viel.

Jetzt ist Sommer, und sie sind noch zu zweit. Ramzi ist tot. Jim liegt seit Monaten im Krankenhaus. Die Ärzte wagen es nicht, die Kugel aus seinem Rückgrat zu entfernen. Ala?a und Badr spielen weiterhin Fußball, gehen schwimmen und zum Schlachtfeld am Stadtrand: dem »City Inn«, einer Hotelruine zwischen den Fronten. Die vier haben nie jemanden ernsthaft getroffen, kein einziger israelischer Soldat ist am »City Inn« ums Leben gekommen. Aber fast 30 Palästinenser wurden in Ramallah erschossen, seit vergangenen September die zweite Intifada losbrach.

Warum dann Steine werfen, wenn man niemanden trifft? – Treffen? Ala?a schaut irritiert. Wie sollte man diese gepanzerten, schwer bewaffneten Soldaten treffen? Ala?a lacht. Das sei doch unmöglich. Manchmal schaffe es ein Stein bis aufs Blech eines Jeeps, das sei schon gut. Er überlegt. Es gehe darum, keine Angst zu haben.

Der kurze Weg

Der kurze Weg von Jerusalem nach Ramallah führt mindestens durch eine, manchmal durch drei israelische Straßensperren, an denen mal viele, mal gar keine palästinensischen Autos durchgelassen werden. Nach jedem Anschlag auf Israelis werden Gaza und das Westjordanland abgeriegelt, verwandeln sich die Flecken der Autonomiezonen in große Lager. So allgegenwärtig sind die Sperren ihrer Gegner im Leben der Palästinenser, dass sie sogar das hebräische Wort dafür ins Arabische übernommen haben: »Mahzoum«, sagt der Taxifahrer, als er der verkeilten Automasse ansichtig wird, nichts geht mehr, keine Ware erreicht ihren Empfänger, kein Pendler pünktlich seine Arbeitsstätte. Zu Fuß ziehen die Menschen an den drei israelischen Soldaten vorbei.

»Unterwerft ihr euch?«, fragen die sprachlosen Blicke hinter verspiegelten Sonnenbrillen am Checkpoint. Wir zeigen euch jeden Morgen, sagen die Blicke, dass wir bestimmen, wann, wohin und ob ihr fahren dürft. Denn sowenig es beim Steinewerfen darum geht, jemanden zu treffen, sowenig sind die Straßensperren dazu da, Gebiete wirklich abzuriegeln. Es ist die Geste, die zählt, das Ringen um Macht und Unterwerfung.

So wie die Straßen nach Ramallah immer an denselben Stellen abgeriegelt werden, so hat auch die Straßenschlacht in der Stadt ihr Ritual. Sie könnte überall losgehen, aber sie ereignet sich immer am selben Ort, fast immer zur selben Zeit, freitags nach dem Gebet. Es ist Krieg, und mancher geht hin. Dutzende, manchmal Hunderte Jungen ziehen von der Moschee nach Norden. So auch an diesem Freitag.

Zwei Autowracks sind in der Nacht zu einer Barrikade zusammengeschoben worden. Die ersten Steinewerfer haben Geröllhaufen hinter Mauern zusammengetragen. Alle beziehen Stellung, als wären sie miteinander verabredet: die gepanzerten israelischen Militärjeeps, die Steinewerfer, die Ambulanzwagen vom Roten Halbmond, die Zuschauer, zwei Mütter von Gefallenen, die mit Plastiktüten voller feuchter Tücher und Zitronenscheiben die Tränengasopfer versorgen – und der Eisverkäufer, der mit einer pinkfarbenen Kühlbox seine Runden zwischen den Linien drehen wird, denn freitagnachmittags sei hier das beste Geschäft zu machen.

Es geht los

Es geht los. Die Motoren der israelischen Jeeps heulen im Leerlauf auf wie gereizte Tiere. Die Kinder der Intifada zielen sorgfältig, den Arm weit über dem Kopf, leicht nach links gebeugt. Der ganze Körper eine Abschussrampe. Die meisten halten weiten Abstand von der Gegenseite. Badr aber, der 14-Jährige, eine schwere Metallplatte vor dem Körper, schiebt sich nach vorn, streckt den einen, bald den anderen Fuß hervor, tänzelt mit seinem Schild vor den Soldaten, soweit das Tränengas es zulässt. Ramzi war der Stratege, der jede Lücke im gegnerischen Beschuss ausmachte. Badr wagt sich am weitesten vor, und dafür bewundern sie ihn, schauen auf zu ihm, wenn sie in Staub und Deckung liegen, während das trockene »Plopp« der Gummi-ummantelten Stahlgeschosse durch die Luft schneidet. Badr ignoriert die Schüsse. Er kann sie kaum hören.

Seit seiner Geburt, sagt seine Mutter später, und Badr wird misstrauisch herüberschauen, sei er auf dem linken Ohr ganz, auf dem rechten halb taub. Badr hat aufgehört, zur Schule zu gehen, denn dort lachen sie über ihn. An der schmalen Frontlinie aber, an der er antritt im besten Hemd und das Haar voller Gel, dass es glänzt wie eine erstarrte Welle, gibt sein Handicap ihm

Heldenstatus. Seine Mutter kam zweimal, ihn an den Ohren nach Hause zu zerren. Das war nicht gut, sagt sein Blick. Peinlich. Aber warum, Badr, warum dort das Leben riskieren? Die Frage muss man brüllen, um sein Ohr zu erreichen. Weil es eben richtig sei, sagt er, weil Gott auf ihrer Seite stehe. Als gehe es um ein Fußballspiel.

Die vorderste Reihe der Jungen wirft, zieht sich zurück, von hinten rücken die nächsten mit frischer Munition nach. Die Steinewerfer verausgaben sich und treffen niemanden. Die israelischen Schützen treffen oft, irgendwann schießen sie scharf, hinterher werden beide Seiten behaupten, die anderen hätten angefangen. Es ist ein sich ohne Fortschritt wiederholendes Spiel: Wir Israelis zeigen euch, dass wir die Stärkeren sind. Wir Palästinenser zeigen euch, dass uns das gleichgültig ist. In dieses Spiel muss niemand die Jungen schicken. Aber sie sind auch zu nützlich, als dass jemand sie zurückhielte.

Links und Rechts

Links und rechts der Straße geht der Alltag weiter, während der Schlachten kreuzen Autos die Frontlinie. Auf den Baustellen dies- und jenseits der Kampfzone wird weitergearbeitet, so nah, dass ein palästinensischer Schreiner vor ein paar Monaten ins Visier der israelischen Armee geraten konnte. Nicht nah genug aber, um zu erkennen, dass es keine Waffe war, die der Schreiner hielt. Der Schuss traf ihn in den Kopf, er starb mit einer Bohrmaschine in den Händen, und sie trugen ihn als Märtyrer zu Grabe.

City Inn. Wie zum Hohn trägt die Straßensenke diesen Namen, denn hier endet nicht nur Ramallah, hier endet, was ein palästinensischer Staat werden sollte. Hier endet Zone A, jener kleine Bereich der Städte, den Israel vollständig geräumt hat. Auf der anderen Seite der Kreuzung liegt Zone C, wo zwar Palästinenser leben, aber Israels Armee herrscht. Mitten auf der Frontlinie steht die Ruine dessen, was vor vier Jahren eines der luxuriösesten Hotels Ramallahs werden sollte. »City Inn – ein guter Name, dachte ich«, sagt Wefki Kafed, der von seinem Vater das Land an der Straße nach Norden geerbt hatte. Wie viele aus der christlichen Gemeinde Ramallahs war Kafed ausgewandert, 1973 nach Puerto Rico, hatte dort und in New York halbwegs erfolgreiche Firmen aufgebaut und war Mitte der neunziger Jahre zurückgekehrt in das Ramallah des hoffnungssatten Aufbaus: »Jeder glaubte, jetzt kommt endlich Frieden, die Amerikaner, Israelis, Palästinenser, alle dachten so, also habe ich zwei Millionen Dollar Kredit aufgenommen und das Hotel gebaut.«

Seine Familie zog nach, seine fünf Söhne begannen Arabisch zu lernen, und das 1997 eröffnete Hotel lief gut an. Bis im September vergangenen Jahres die neue Intifada losbrach. Bis jene Grenze zwischen Zone A und C, die bis dahin nicht mehr gewesen war als eine von vielen Linien eines schrittweisen israelischen Rückzugs, zur Front wurde. Schon in den ersten Tagen besetzten israelische Scharfschützen das oberste Stockwerk, nachts räumten Plünderer aus, was nicht zerschossen worden war, und heute sitzt Wefki Kafed zusammengesunken in seinem Sessel, will nur fort und kann doch nicht. »Wenn ich gehe, ist alles verloren. Der Kredit ist noch nicht getilgt, und niemand zahlt mir eine Entschädigung.«

Seinen ältesten Sohn hat er zurück nach New York geschickt. »Ich will nicht, dass er Steine wirft. Was richten Steine aus gegen Gewehre? Yaani, no tiene senso«, mischen sich Arabisch und Spanisch in seiner Aufregung: »Das hat doch alles

keinen Sinn.»

Dabei wäre hier vieles leichter gewesen. In Ramallah liegt kein Heiliger begraben wie in Hebron, ist Jesus nicht auferstanden und Mohammed nicht gen Himmel geritten wie in Jerusalem. Kein Ort der verhängnisvollen Sehnsucht Gottes, sondern die reichste Stadt des Westjordanlands, die aufblühte wie keine zweite, als nach den Verträgen von Oslo Frieden möglich schien.

Die Einwohnerzahl schnellte auf fast 100000, Cafés eröffneten, ein Chinarestaurant, einmal spielte sogar eine israelische Jazzband auf, und »Radio Love & Peace« ging hier als erstes palästinensisches Privatradio auf Sendung.

Dann begann die Intifida

Dann begann die Intifada, begannen die tagelangen Abriegelungen, wurde schon in den ersten Tagen ein halbes Dutzend Palästinenser erschossen. Und dann kam jener 12. Oktober, an dem sich zwei israelische Soldaten in die Stadt verirrten. Sie erreichten noch die Polizeistation. Hunderte stürmten das Gebäude, eine Masse völlig von Sinnen. Sie erschlugen die zwei mit Tischen, Stühlen, und das neue Bild von Ramallah waren die zwei blutgetränkten Hände, die einer der Mörder aus dem Fenster streckte.

Nicht Freude, aber auch keine Trauer darüber ist in der Stadt zu finden. Nüchtern verweist man auf die Zahlen, viermal so viele Palästinenser wie Israelis sind umgekommen. Und »Radio Love & Peace« spielt Marschmusik. Es war der fünfte Dezember, nachmittags, als Ramzi vor dem »City Inn« starb. Wer ihn erschoss, weiß keiner und wird keiner ermitteln. Sachlich präzisieren die Termini des Obduktionsberichtes Ramzi Adel Nasir Bayatnehs letzten Moment. Das Geschoss, 7,62 mm, vermutlich israelisches Armeegewehr, zerschlug, nachdem es präzise durchs Auge in den Kopf gerast war, Atemzentrum und Halsschlagader, ein schräg abfallender Winkel der Zerschmetterung, denn der Schuss war nicht von vorn, sondern von oben abgefeuert worden. Wahrscheinlich von einem der Scharfschützen aus den Fenstern der leeren Stockwerke hinter der Front.

Als sie Ramzis Sarg durch die Straßen trugen, begleitete ein Streit seinen letzten Weg, wem dieser Märtyrer gehöre: Arafats Fatah-Bewegung oder der radikal-islamischen Hamas. »Mabruk!«, sagten einige, als sie am Haus des Vaters angekommen waren. »Glückwunsch!« zu der Ehre, Vater eines Märtyrers geworden zu sein. Denn in diesem Kampf, der keinen Sieg gebiert, soll wenigstens die größtmögliche Zahl eigener Opfer der palästinensischen Sache das Mitgefühl der Welt verschaffen. Es ist ein Handel, und seine Währung sind Leben, Märtyrer. Sie sind das Einzige, wovon die Palästinenser so viel mehr aufbieten können als die Israelis.

Am Abend jenes Tages

Am Abend jenes Tages, an dem Ramzi starb, war er berühmt. Auf den Mauern leuchteten die Graffiti: »Dies ist das Viertel von Ramzi, der in der Schlacht fiel! Ramzi, du bist das Morgenrot, der Kämpfer!« Die drei Arbeiter in der Druckerei von Abu Moussa legten eine Nachtschicht ein und hatten Glück, dass noch genug Papier da war. Denn das kauft Abu Moussa, ebenso wie die Farbe, in Israel, und während der Abriegelungen kommt manchmal tagelang kein Nachschub. Das ist dann schlecht für

die israelischen Großhändler dort und die Märtyrer hier, denn wer als solcher stirbt, hat ein Anrecht darauf, dass die Plakate mit seinem Bild, seinem Namen, seinem Heldentum binnen Stunden an die Mauern geklebt werden, noch bevor der Morgen graut.

Nun sind sie ausgeblichen, lösen sich von den Mauern. Nein, sagt Abu Ramzi, der Vater, das Gesicht zerfurcht wie das Land, nein, er habe nicht gewusst, dass sein Sohn fast jeden Tag an der Front beim »City Inn« gewesen sei. »Ich habe ihm immer gesagt: Geh nicht! Und er hatte es mir versprochen.« Auch könne er nicht sagen, weshalb Ramzi sein Leben aufs aussichtslose Spiel gesetzt habe, »wir haben nichts mit Politik zu tun«. Drei Dunum Land, 3000 Quadratmeter, mit Feigen, Wein, Oliven, ernähren die Familie. Ein Bastler sei sein Sohn gewesen, der kaputte Radios, selbst zwei Einwegfeuerzeuge reparierte, die sein Vater nun bewahrt. Nur einmal, erinnert er sich, sei Ramzi dabei gewesen, als israelische Soldaten ihn an einem Checkpoint beschimpften und stundenlang warten ließen. Nichts Dramatisches, aber Ramzi habe immer wieder gefragt: »Wieso dürfen die das? Sind wir weniger wert?«

Der Vater hebt die Schultern. »Was sollte ich sagen?« Umgerechnet 15000 Mark überbrachte ein Offizier der palästinensischen Polizei für den Tod seines Erstgeborenen. Ramzis Vater hat ein Mobiltelefon gekauft. Von Cellcom, einem israelischen Anbieter. Al-Jawal, das palästinensische Netz, habe überall schlechten Empfang. Und da liegt im Kleinen das große Problem: Wie gegen jemanden kämpfen, der nicht nur die besseren Waffen hat, sondern auch die besseren Telefone, die bessere H-Milch, den besseren Jogurt? Und wie kämpfen gegen jemanden, der die besser bezahlten Jobs bietet?

Rami, der kleine Bruder, sagt, er habe geträumt von seinem großen Bruder, und Ramzi habe ihm im Traum befohlen: Geh nicht zum »City Inn«. Das erzählt er, während er neben dem Vater sitzt. Dann verschwindet er hinter dem Haus und übt mit der Steinschleuder im Garten. Ein großes Gefängnis sei es, in dem sie lebten, sagt Abu Ramzi, lächelt und steht auf und öffnet einen Verschlag. 29 Tauben drängeln heraus, sich in die Luft zu erheben. Ramzis Tauben, »seit er klein war, hat er die Vögel geliebt. Nun kümmere ich mich um sie. Ich sehe sie gern fliegen.«

Nach Ramzi traf es Jim

Ein paar Wochen nach Ramzi traf es Jim, und erst dachten alle, er sei tot. Als er sich aber doch regte, brachten sie ihn ins Krankenhaus, wo das zerlesene Exemplar eines Standardwerkes über Schusswunden auf dem Schreibtisch des diensthabenden Arztes liegt. Nicht die Ehrenmaschinerie der Märtyrer startete für Jim, sondern eine Odyssee durch mehrere Krankenhäuser, denn seine Familie konnte die Operationen nicht bezahlen. Bis Jordaniens Regierung ihn schließlich zur Behandlung nach Amman bringen ließ.

Badr und Ala?a aber ziehen weiterhin jeden Freitagnachmittag zum »City Inn«. »Für Jerusalem«, sagt Ala?a, auch wenn er noch nie dort war. Und weil man als Märtyrer ins Paradies komme. Aber was ist das Paradies? »Dann ist mein Bild an allen Wänden.« Und was, wenn mal keine Jeeps kämen? Wenn die mächtige israelische Armee nicht ausrückte? Was sie

gelegentlich tatsächlich tut. »Dann warten wir eine Weile«, sagt Ala?a. Und dann? »Dann gehen wir.« Dann fällt die Schlacht aus. Aber daran scheinen beide Seiten wenig Interesse zu haben.

Eines Nachts, nachdem es mal tagelang ruhig geblieben war, kam ein israelischer Jeep, stoppte vor den ausgebrannten Autowracks der beiseite geschobenen Barrikaden. Ein Soldat stieg aus, begann mit einer Stange aufs Metall zu schlagen, fast einen Rhythmus, und rief auf Arabisch: »Wo bleibt ihr? Wir langweilen uns!« Dann seien sie wieder zurückgefahren, die wenigen hundert Meter bis in ihre Festung, und anderntags sei es wieder losgegangen.

Christoph Reuter


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