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Wahlen in Russland: Der Erdbeerbaron, der Putin fast zwölf Prozent der Stimmen abtrotzte

Eigentlich sollte Pawel Grudinin bei den Präsidentschaftswahlen lediglich den Sparing-Partner von Wladimir Putin geben. Doch der Kommunist entwickelte sich zu einem überraschend ernst zu nehmenden Gegner - und wendet sich nun gegen den Kreml.

Pawel Grudinin kam mit 11,8 Prozent der Wählerstimmen bei der Präsidentschaftswahl in Russland auf den zweiten Platz

Der Kommunist Pawel Grudinin kam mit 11,8 Prozent der Wählerstimmen bei der Präsidentschaftswahl in Russland auf den zweiten Platz

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Dass Pawel Grudinin am 18. März nicht Präsident werden würde, stand von Vornhinein klar. Dem Kandidaten der Kommunistischen Partei fiel die Rolle des Sparing-Partners von Wladimir Putin zu - vom Kreml auserkoren. Wie schon Wladimir Schirinowski oder Gennadij Sjuganow vor ihm, sollte Grudinin den Schein demokratischer Wahlen wahren und den Rivalen Putins spielen. Doch irgendwann verwandelte der Kommunist das Spiel in Ernst.  

Als Kandidat der sogenannten "Systemopposition" sollte er die Stimmen der unzufriedenen Bürger am linken Flügel binden, ohne jedoch die Politik der Regierung in Frage zu stellen. Doch ersteres gelang Grudinin irgendwann zu gut. Die ewig gestrigen Parolen seiner Partei legte er ab und versprach stattdessen niedrigere Hypothekenzinsen, Preiskontrollen und indexierte Renten. Eine Art kapitalistischer Sozialismus stand auf seinem Wahlprogramm. Damit fischte er jedoch im selben Teich wie Putin, was auch dem Kreml nicht entgehen konnte.

Und so richtete sich der staatliche Medienapparat im Wahlkampf gegen Grudinin. Erdbeerbaron wurde er schnell getauft. Sein Geld verdient der Kommunist nämlich größtenteils mit einer Erdbeer-Farm am Rande Moskaus, einem kapitalistischen Musterbetrieb unter dem irreführenden Namen Lenin-Sowchose. In den vergangenen Wochen präsentierten die Propagandisten des Kremls dem Publikum mal geheime Schweizer Bankkonten Grudinins, mal war von Unregelmäßigkeiten in seinem Betrieb die Rede. Kaum einer der sieben Gegenkandidaten wurde so ins Lächerliche gezogen wie er.

Grudinin holt bis zu 27,3 Prozent in den Provinzen

Doch seiner zunehmenden Beliebtheit tat dies kein Abbruch. Die Hetze der Staatsmedien beflügelte sie wohl sogar, ließ sie ihn doch tatsächlich wie einen Rivalen Putins erscheinen. In den Umfragewerten lag Grudinin zeitweise bei 14 Prozent.

So viel wurde es im Endeffekt nicht. 11,9 Prozent der Stimmen holte er am Sonntag. Angesichts der Kampagne gegen ihn ein erstaunliches Ergebnis. In der Region Jakutien stimmten offiziell sogar 27,3 Prozent der Wähler für ihn, in Chabarowsk 18,4.

"Die schmutzigsten Wahlen im postsowjetischen Raum"

Schon wird in Russland darüber diskutiert, was die politische Zukunft Grudinins sein könnte: Vielleicht der Gouverneursposten der Region Moskau? Oder eine erneute Präsidentschaftskandidatur 2024? 

Grudinin selbst zog nach den Wahlen ein trauriges Fazit: "Das waren die schmutzigsten Wahlen im postsowjetischen Raum in unserer Zeit", sagte er am Montag bei einer Pressekonferenz. "Leider hat es sich gezeigt, dass Alexej Nawalny Recht hatte: Ein und dieselbe Person konnte tatsächlich zwei oder drei Mal abstimmen", prangerte er an. Doch ihm und seine Unterstützern sei es gelungen, trotz des "ganzen Schmutzes, der verbreitet wurde", die Wahlen "in Würde" zu beenden.

Eine Sache bleibt Grudinin aber seinen Wählern noch schuldig. Im Vorfeld der Wahl schloss er mit dem Journalisten Jurij Dudju eine Wette ab: Sollte er nicht mehr als 15 Prozent der Stimmen gewinnen, rasiert er sich den Schnauzbart ab. Diesen trägt er schon sein ganzes Erwachsenenleben. Noch ist der Schnäuzer dran.

ivi