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Pressestimmen

Proteste in Iran: "Für das Regime geht es ums Überleben und für die Islamische Republik Iran um ihren Bestand"

Die regierungskritischen Proteste in Teheran weiten sich nach dem Abschuss einer Passagiermaschine durch den Iran aus. Das könnte für das Regime "brandgefährlich" werden, kommentieren Medien. Die Pressestimmen.

General Amir Ali Hajizadeh in Teheran

Die Demonstrationen gegen die Regierung im Iran schwellen an – am Wochenende sollen zu einer Protestaktion Tausende Menschen gekommen sein. Bis zu 3000 Menschen demonstrierten  am Sonntag laut der Nachrichtenagentur ILNA auf dem Asadi-Platz in der Hauptstadt und kritisierten auch die Vertuschung von Fakten durch die iranische Führung (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Es gab dem Bericht zufolge Forderungen nach dem Rücktritt aller beteiligten Offiziellen. Polizei und Sicherheitskräfte versuchten laut ILNA, die Proteste zu beenden. US-Präsident Donald Trump stellt sich via Twitter demonstrativ hinter die Demonstranten – zum Ärger des Irans.

"Für die iranische Führung sind die Proteste brandgefährlich", kommentiert etwa das "Handelsblatt". "Das Regime hat seine Glaubwürdigkeit, wenn es diese je gegeben hat, endgültig verloren", meinen die "Westfälischen Nachrichten". Die Pressestimmen.

Das Medienecho zu den Protesten in Iran

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Was für eine Blamage: Vor aller Welt haben die Ajatollahs geleugnet, vertuscht und US-Hinweise als Propaganda des Satans abgestempelt, bis ihr Lügengebäude unter der Last der Beweise zusammenbrach. Die Wut über den Abschuss des Passagierjets ist bei den Iranern besonders groß, die jetzt auf die Straße gehen und den Sturz des Regimes fordern. Noch sind es keine Massen, die protestieren. Doch der Gottesstaat ist weit weniger stabil, als es sich Ajatollah Ali Chamenei und die Revolutionsgarden wünschen. Seit Jahren brodelt es. Im Irak, in Syrien, im Libanon und Jemen hat der Iran seine Machtstellung durch Milizen und Terror ausgebaut. Doch die Wirtschaft liegt darnieder. Immer wieder kommt es zu Protesten junger Iraner, die die Fesseln der Diktatur sprengen wollen. So wie jetzt."

"Handelsblatt" (Düsseldorf): "Für die iranische Führung sind die Proteste brandgefährlich: Waren Tage zuvor noch Millionen für Proteste gegen die USA nach deren Ermordung des iranischen Generals Qassem Soleimani auf die Straßen gegangen und hatten so das System gestärkt, brechen sich nun wieder die Regimegegner Bahn. Viele haben ihre Angst überwunden und für sich entschieden, sie haben nichts mehr zu verlieren. So wird es jetzt bitterernst. Denn für das Regime geht es ums Überleben und für die Islamische Republik Iran um ihren Bestand."

"Westfälische Nachrichten" (Münster): "Im Lichte dieser Ereignisse geben die iranischen Revolutionsgarden und ihre religiösen Führer ein armseliges Bild ab. Das Regime hat seine Glaubwürdigkeit, wenn es diese je gegeben hat, endgültig verloren. Der Volkszorn kocht und richtet sich gegen die 'Lügen'-Herrschaft. Und auch außenpolitisch bleibt Teheran im Nahostkonflikt schwer unter Druck. Donald Trump ist nach den jüngsten Entwicklungen in einer machtpolitisch komfortablen Situation. Der US-Präsident zeigt bereits, dass er jede Gelegenheit nutzen wird, den Ajatollahs in Teheran die Hölle heiß zu machen. Die offene Feldschlacht ist zwar abgesagt, aber hinter den Kulissen tobt ein heftiger Schlagabtausch."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Wahrheit über das Ende von Flug PS 752 ist erschütternd - und sie hat die Wucht, dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran eine neue Wendung zu geben. (...) Bislang sah es so aus, als rücke der ganze Iran gegen den Feind USA zusammen. Nun zeigen die Demonstrationen gegen die eigene Regierung tiefe Risse auch im Iran. US-Präsident Donald Trump hat sich auf die Seite der Protestbewegung gestellt - und ihr damit einen Bärendienst erwiesen. Öffentliche Unterstützung aus Washington, das hat zuletzt das Beispiel Venezuela gezeigt, macht Oppositionellen das Leben nur schwerer."

"Frankenpost" (Hof): "Erst tagelang lügen und dann das Unleugbare eingestehen. 176 Menschen sind gestorben, weil offenbar ein übernervöser Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden den Befehl erteilt hatte, die ukrainische Boeing 737 in Teheran abzuschießen. Doch damit hat er das eigene Regime erschüttert. Die iranischen Machthaber könnten leicht die Nerven verlieren; sie steuern noch immer die Menschenmassen, die sich nicht von kühlen Gedanken, sondern von Emotionen leiten lassen. US-Präsident Trump dreht an der Sanktionsschraube, um den Iran gefügig zu machen. Solange sich nicht die Einsicht durchsetzt, dass nur Geduld und Kompromiss zum Ziel führen, bleiben die Signale auf Eskalation."

"Ludwigsburger Kreiszeitung": "Am Ende war die Beweislage wohl zu erdrückend geworden, als dass der Iran seine Schuld für den Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine hätte weiter leugnen können. Der Vorgang erinnert fatal an das Jahr 1983, als die damalige Sowjetunion mitten im Kalten Krieg ein südkoreanisches Zivilflugzeug mit zwei Raketen vom Himmel holte und sich ebenfalls über Tage mit politischen Nebelkerzen vor einem offiziellen Schuldeingeständnis gedrückt hatte. Fast vier Jahrzehnte nach dieser Tragödie sollte die Menschheit eigentlich weiter sein. Ist sie aber nicht. Im Gegenteil. Das jüngste Drama zeigt einmal mehr, wie schnell die Situation in einem Krisengebiet außer Kontrolle geraten kann"

fs / DPA / AFP