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Mammutprojekt Rawabi: Wie sich ein Hügel im Westjordanland in eine Stadt verwandelt

40.000 Menschen sollen hier einmal leben, erste Familien sind bereits da: die Planstadt Rawabi auf einem Hügel im Westjordanland. Das größte Bauprojekt in der Geschichte der Palästinensergebiete nimmt langsam Gestalt an.

Moderne Wohntürme auf einem Hügel zehn Kilometer nördlich von Ramallah: Rawabi Ende April letzten Jahres.

Moderne Wohntürme schießen auf einem Hügel zehn Kilometer nördlich von Ramallah aus dem Boden: Rawabi Ende April letzten Jahres.

Die erste Tür links führt nach Liliput. Kleine Menschen bewegen sich hinter kleinen Fenstern in neunstöckigen Häusern, die keine zwei Meter hoch sind. Wie auf "Gullivers Reisen" laufen alle, die in Rawabi eine Wohnung kaufen möchten, durch diesen Modell-Straßenzug. Hinter einzelnen Fenstern projizieren kleine Bildschirme, wie die modernen Wohnungen und Geschäfte der ersten palästinensischen Planstadt aussehen sollen. Das Gesamtbild präsentiert ein sechsminütiger 3D-Film, bevor potenzielle Käufer durch die Panorama-Fensterfront des Vorführungsraums einen realen Blick auf die größte Baustelle der Palästinensischen Autonomiegebiete werfen können. Mehr als 600 Wohnungen sind bereits fertig - wer direkt einziehen möchte, kann noch im Vorführungsraum mit drei Banken über eine Finanzierung verhandeln.

Seit fünf Jahren wird auf dem Hügel zehn Kilometer nördlich von Ramallah gebaut. So langsam aber sicher nimmt die Stadt Gestalt an, deren Name auf Arabisch einfach Hügel bedeutet. Es gibt eine Straße, Wasserversorgung und Elektrizität - alles Punkte, über die lange mit dem israelischen Militär verhandelt werden musste. Doch die Verzögerungen machen das Projekt teurer. "Wir wären froh, wenn wir nur 100 Millionen Dollar verlieren", sagt Baschar Masri. Der Leiter des privaten Mammutprojekts muss mit den Geldgebern aus Katar neu verhandeln, im Moment wird nur mit mittlerer Geschwindigkeit gebaut. Masri ist zuversichtlich: "Es ist keine Frage mehr, ob Rawabi fertig wird, sondern nur noch, wann."

Der palästinensisch-amerikanische Investor Baschar Masri auf der Baustelle. Er leitet das Mammutprojekt Rawabi.

Träumt von einem palästinensischen Silicon Valley: Der palästinensisch-amerikanische Investor Baschar Masri


"In fünf Jahren gibt es in Rawabi allen Luxus"

Die Stadt soll einmal Raum für 40.000 Menschen bieten. Vor einem Monat hat der erste Supermarkt eröffnet, die Schule startet zum neuen Schuljahr im September. Rawabi ist bereits offiziell als Stadt anerkannt, steht aber erst ab 2017 im Haushalt der Palästinensischen Autonomiebehörde. Solange trägt Masris Firma Massar Ltd. die Kosten für die Infrastruktur. 5000 Arbeitsplätze sollen dauerhaft bleiben, vor allem im IT-Bereich. Unternehmer Baschar Masri träumt von einem palästinensischen Silicon Valley. Aktuell gilt es, europäische Modeketten ins Stadtzentrum zu locken, die bislang nur in Israel oder Jordanien Filialen betreiben. "In zwei, drei Jahren gibt es in Rawabi alles, was man zum Leben braucht. In fünf Jahren dann auch allen Luxus", sagt Masri.

Die Freilichtbühne von Rawabi mit 15.000 Sitzplätzen ist wie ein römisches Amphitheater gestaltet

Konzerte, Theatervorstellungen, Festivals: Die Freilichtbühne im Stil eines römischen Amphitheaters soll Rawabi zu einem kulturellen Zentrum werden lassen


Architektonisch erinnern einige Elemente an alte Palästinenserstädte wie Nablus oder Jericho. Die mit 15.000 Sitzplätzen größte Freilichtbühne der ganzen Region ist wie ein römisches Amphitheater gestaltet und soll mit Großveranstaltungen Menschen aus der ganzen Region nach Rawabi locken.

Glasfaser-Internet und zentrale Warmwasserbereitung

"Wir bauen mit Rawabi eine von Grund auf moderne palästinensische Stadt", sagt die Ingenieurin Amal Abu Nimreh, die den Baufortschritt mit überwacht. Elektrizität, Gas, Wasser und Glasfaser-Internet wurden unterirdisch verlegt, sogar die Klimaanlagen sollen sichtgeschützt hinter Gittern verschwinden. "Wir versuchen, erst gar keine Verschandelungen entstehen zu lassen", sagt Abu Nimreh. So gibt es auch eine zentrale Warmwasserbereitung statt Tanks auf jedem Dach, wie es sonst in den üblich ist.

Familie Kamal ist im August 2015 in eine der ersten fertigen Wohnungen gezogen. In ihrem Haus sind mittlerweile drei von 30 Wohnungen belegt, insgesamt leben bisher rund 200 Familien in der Stadt. "Hier ist es schön, sauber und ruhig, nicht wie in Ramallah", sagt Mutter Hannah Kamal. Sie haben sich eine Wohnung im sechsten Stock ausgesucht: "Mein Mann wollte nach oben, weil er Angst vor Katzen und Insekten hat", sagt Hannah Kamal. Dann zeigt sie ihren liebsten Ort der Wohnung: Den Balkon. Bei klarer Sicht kann man die Hochhäuser des 40 Kilometer westlich liegenden Tel Aviv erkennen.

Hannah Kamal (l.) und ihre Töchter Huda und Tuka (r.) auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung in Rawabi

"Mein Mann wollte nach oben, weil er Angst vor Katzen und Insekten hat": Hannah Kamal (M.) mit ihren Töchtern Huda (l.) und Tuka auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung

"Palästina kann trotz der Besatzung so etwas schaffen"

Viel näher, auf dem gegenüberliegenden Hügel, liegt die jüdische Siedlung Ateret. Als in Rawabi die ersten Bagger rollten, gab es Probleme mit den Siedlern. Mittlerweile seien die Palästinenser klar in der Überzahl, sagt Baschar Masri. Und es gibt zahlreiche Überwachungskameras. Einmal wurde sogar gefilmt, wie Siedler die große palästinensische Flagge beim Vorführungsraum klauten. "Ich bin froh über die Kameras, das gibt ein Gefühl von Sicherheit", sagt der Taxifahrer Mohammad Al-Dschabarin, der mit seiner Frau eine Wohnung in Rawabi gekauft hat.

Bereits fertiggestelltes Stadtviertel von Rawabi, aufgenommen Ende März

Ein bereits fertiggestelltes Stadtviertel, aufgenommen Ende März. Architektonisch erinnern einige Elemente in Rawabi an alte Palästinenserstädte.

Größere Sorgen als die benachbarte Siedlung macht die dauerhaft angespannte politische Lage. Die Steine für die Baustelle werden komplett im benachbarten Steinbruch gewonnen, aber Zement und manche Baustoffe kommen von außerhalb. Damit die Arbeiten auch bei einer Straßensperre weitergehen können, gibt es am Rand der Stadt eine riesige Lagerhalle. Baschar Masri will mit seinem Großprojekt auch beweisen: "Palästina kann trotz der Besatzung so etwas schaffen." Und er träumt schon von Rawabi Nummer zwei, drei und vier.

mad/David Ehl, DPA

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