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Igor Strelkow: Er war ein mächtiger Führer der Separatisten, er prophezeit Putins Untergang

Einst war er einer der mächtigsten Separatistenführer im Donbass. Doch dann verschwand er von der internationalen Bühne. Nun wagt Igor Strelkow eine Rückkehr und wendet sich gegen Putin - weil der Kreml-Chef ihm nicht radikal genug ist.

Igor Strelkow im Juli 2014: Bevor er nach Russland zurückkehren mussten, war er einer der führenden Separatisten-Kommandeure.

Igor Strelkow im Juli 2014: Bevor er nach Russland zurückkehren musste, war er einer der führenden Separatisten-Kommandeure.

Im Sommer 2014 führte im Donbass kein Weg an Igor Strelkow vorbei: Er leitete die prorussischen Separatisten im Kampf gegen die ukrainische Armee an, koordinierte als "Verteidigungsminister" der selbstproklamierten Volksrepublik Donezk die Einnahme von Skawjansk und wurde in Russland als Kriegsheld gefeiert. Der Mann mit dem Bürstenschnurrbart war lange das Gesicht der Separatisten. 

Doch im August 2014 legte der berühmte Rebellen-Kommandant sein Amt ab und verschwand von der ostukrainischen Bühne. Über die Gründe wird bis heute gerätselt. Der ehemalige russische Offizier, der mit bürgerlichem Namen Igor Girkin heißt, kehrte nach Moskau zurück und schien in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Doch seinen imperialistischen Traum von einer "Vereinigung des russischen Volkes" gab er nicht auf. Nun wagt er wieder den Sprung in die breite Öffentlichkeit - und wendet sich gegen Wladimir Putin.

In einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian" prophezeit er dem russischen Präsidenten eine düstere Zukunft. "Putin und sein Zirkel haben in jüngster Zeit einen Weg eingeschlagen, der meiner Meinung nach unweigerlich zu einem Kollaps des Systems führen wird", sagte er. "Wir wissen noch nicht wie, wir wissen noch nicht wann, aber wir sind uns sicher, dass es zusammenbrechen wird, und das eher früher als später."

Stillstand nach Rubikon-Übertritt

In einer Ende Mai veröffentlichten Deklaration der "All-russischen nationalen Bewegung", deren Vorsitzender Strelkow ist, verweigert er Putin die Gefolgschaft. "Wir weigern uns, das derzeitige politische Regime zu unterstützen", heißt es darin.

Der ehemalige Geheimdienstoffizier wirft Putin Feigheit und Inkonsequenz vor. Mit der Annexion der Krim habe der Kreml-Chef den "Rubikon überschritten", doch dann sei es zu einem unerwarteten und unlogischen Stillstand gekommen. Putin habe sich weder nach vorne getraut, noch einen Rückschritt gewagt. "Er hat keine Ideen und scheint auf ein Wunder zu warten. Er steckt mitten im Sumpf fest", sagte Strelkow über den russischen Präsidenten im Gespräch mit dem "Guardian".

Der Traum vom all-russischen Imperium

Er selbst hätte wohl - Cäsar gleich - keinen Halt beim Rubikon gemacht. Strelkow wäre weiter auf sein Rom marschiert. Sein Ziel: "Die Vereinigung Russlands, der Ukraine, Weißrusslands und anderer russischer Länder zu einem all-russischen Staat und die Transformation des gesamten Gebietes der ehemaligen Sowjetunion zu einer bedingungslosen russischen Einflusszone", so der ehemalige Separatisten-Kommandant in seiner Erklärung.

Für den Traum eines russischen Nationalimperiums kämpfte er auch im Donbass - mit rabiaten Methoden. Selbst vor Hinrichtungen schreckte Strelkow nicht zurück. Plündernde Separatisten-Kämpfer wurden unter seiner Führung erschossen. "Ohne eine strenge Disziplin und ein rächendes Schwert der Gerechtigkeit wäre die Situation unter Kriegsbedingungen nicht kontrollierbar gewesen", rechtfertigte er sich im Gespräch mit dem "Guardian". So aber hätte jeder seiner Soldaten gewusst, dass er für ein Verbrechen ebenso hart bestraft wird wie der Feind, wenn nicht sogar härter.

Igor Strelkow wollte eine russische Invasion

Immer wieder forderte Strelkow Moskau zu einem direkten Einmarsch in die Ukraine auf. Ein Schritt, zu dem Putin offenbar nicht bereit war und ist. 

Wie abhängig der Separatisten-Kommandant von Moskau während seiner Tätigkeit im Donbass war, ist umstritten. Er selbst behauptet, zum größten Teil eine unabhängige Figur gewesen zu sein - für den Kreml vielleicht sogar zu unabhängig. Und zu beliebt. Im Sommer 2014 entwickelte sich Strelkow gewissermaßen zum Nationalheld. In Moskau hingen Plakate, auf denen er für Neurussland warb. Er war derjenige, der an der Front das russische Volk gegen die "ukrainischen Faschisten" verteidigte, während Putin für die Abendnachrichten Leopardenbabys streichelte.

Eine beschädigte Kultfigur

Dann kam die entscheidende Zäsur: Schenkt man den ukrainischen Geheimdiensten Glauben, ist Strelkow derjenige, der den Absturz des MH17-Flugs zu verantworten hat. Kurz nach dem mutmaßlichen Abschuss der Passagiermaschine veröffentlichte die Regierung in Kiew Audiomitschnitte, die ein Gespräch zwischen ihm und einem weiteren Rebellenführer über den Abschuss einer Passagiermaschine dokumentieren sollen. 

An der Authentizität der Aufnahmen gibt es erhebliche Zweifel. Und dennoch: Die Kultfigur war beschädigt. Wenige Wochen nach dem MH17-Absturz verließ Strelkow die Ukraine und kehrte nach Moskau zurück.

Seitdem stehe er auf einer schwarzen Liste, wie er gegenüber dem "Guardian" berichtete. Im russischen Staatsfernsehen würde ihm keine einzige Sendeminute gewährt werden. "Für sie bin ich eine unbequeme Figur. Sie wissen nicht, was sie mit mir anfangen sollen: Bin ich ein Held oder ein Terrorist? Sie können mich nicht festnehmen und ins Gefängnis stecken, denn das würde als Eingeständnis gegenüber dem Westen gelten. Mich auszuzeichnen können sie genauso wenig, also sitze ich zwischen den Stühlen", so der 45-Jährige.

Revolution in Russland?

Die russische Regierung wünsche sich keine unabhängigen Politiker oder frei denkenden Menschen, auch keine frei denkenden Anhänger, ist Strelkow überzeugt. Sein politisches Manifest, das er in der vergangenen Woche zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter veröffentlichte, ist eine seltsam anmutende Mischung aus liberalen Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit, nationalistischer Rhetorik und All-Russland-Fantasien. 

"Unsere Bewegung scheint vielleicht marginal zu sein, aber die Bolschewiki brauchten auch nicht mehr als einen Prozent der Bevölkerung, um 1917 die Geschichte zu verändern", erinnerte in dem Gespräch mit dem "Guardian" Egor Proswrnin, einer der Unterzeichner der Deklaration. 

"Wir planen keine Revolution gegen Putin", beteuerte Strelkow. "Ich weiß, wie es ist, wenn Autoritäten und soziale Gefüge zusammenbrechen. Das will niemand. Aber unglücklicherweise könnte es unausweichlich sein."