Russland und die Wirtschaftskrise Generation Putin am Abgrund


Die Herrschaft von Wladimir Putin beruht auf einem Pakt mit dem Volk: Die Regierung sorgt für Stabilität und Wohlstand, dafür darf sie die Freiheit einschränken. Doch die Finanzkrise hat die Spielregeln verändert - Russlands Mittelschicht droht der Absturz.
Von Andrzej Rybak, Moskau

Was für ein Sauwetter! Der kalte Wind peitscht den Eisregen ins Gesicht, auf dem ungeräumten Bürgersteig versinken die Fußgänger im Schneematsch. Ein Dutzend Menschen warten fluchend auf den Bus, der wieder einmal Verspätung hat. Das ist die Stunde von Juri Jakowlew.

Mit seinem Lada kreuzt er durch die dunklen Straßen der russischen Hauptstadt und hält Ausschau nach Kunden. Immer wieder suchen Leute nach einer Fahrgelegenheit, und weil es in Moskau zu wenig Taxis gibt, werden Privatautos herbeigewinkt, deren Fahrer ihr Gehalt aufbessern wollen.

Wie Jakowlew. Vor drei Monaten hat seine Frau, eine Buchhalterin, ihren Job verloren. Ende Januar erhielt er selbst kein Gehalt, wegen "technischer Probleme", sagte sein Arbeitgeber, werde das Geld später ausgezahlt. Der 54-Jährige ist Professor für Ingenieurwesen an der Offenen Moskauer Staatsuniversität. Nun muss er sehen, wie er seine Familie ernährt. Also fährt er Taxi. Es ist wie ein dunkles Déjà-vu für Jakowlew.

Schon damals, in den chaotischen 90ern nach dem Zerfall der Sowjetunion, hat sich Jakowlew damit über Wasser gehalten. 15 Jahre später wiederholt sich die Geschichte, die Wirtschaftskrise zwingt ihn auf die Straße. "Statt über neue Technologien nachzudenken und Fachliteratur zu lesen, setze ich mich nach den Vorlesungen sofort ans Lenkrad", sagt er bitter. "So wird Russland doch nie weiterkommen."

Bei Ikea einkaufen und Audi fahren

Die Wirtschaftskrise hat nicht nur die Vermögen der Oligarchen vernichtet. Sie droht jene Mittelschicht in Armut zu stürzen, die unter Wladimir Putin aufgestiegen ist. Die "Generation Putin", wie sie von Soziologen genannt wird, war in den vergangenen Jahren zu Wohlstand gekommen. Sie ging bei Ikea einkaufen, fuhr gern Audi und machte an den Stränden Ägyptens und der Türkei Urlaub.

Ihr Verhältnis zu Putin war eine Art Abkommen: Vor neun Jahren war Putin Präsident geworden. Er versprach Stabilität und Wohlstand, im Gegenzug schränkte er die Freiheit ein und unterdrückte die Opposition. Putin hielt sein Versprechen: Seit 2000 ist Russlands Wirtschaft um 70 Prozent gewachsen. Dank der hohen Preise für Öl, Gas und Stahl flossen etwa 1400 Milliarden Dollar ins Land, das reale Durchschnittseinkommen hat sich auf rund 500 Euro fast verdreifacht.

"Es gab in Russland einen Pakt zwischen dem Volk und der Regierung", sagt Michail Deljagin, Direktor des Instituts für Globalisierungsfragen. "Die Regierung kann Wahlen fälschen und im Fernsehen lügen, solange der Lebensstandard wächst." Nun gefährdet die Krise diesen Pakt.

Die Baubranche stürzt ab

Überall sind die Einschläge zu spüren. Allein im November sank das verfügbare Einkommen der Bevölkerung um 6,2 Prozent. Jede vierte Familie hat weniger Geld in der Tasche. Ende Januar gab es sechs Millionen Arbeitslose, zwei Millionen mehr als im Oktober. In diesem Jahr könnte sich diese Zahl verdoppeln, warnen Experten.

Nun zeigt sich, auf welchem Fundament die Herrschaft Putins steht. "Sie wollten Hightechbranchen entwickeln, im ganzen Land Technologieparks für Nano- und Biotech bauen", sagt Jakowlew bitter. "Wir leben aber nach wie vor von Rohstoffexporten. Nichts hat sich geändert."

Während er seinen Lada über die glatten Moskauer Straßen steuert, wird er nachdenklich. "Früher habe ich bedauert, dass ich nicht bei einem Baukonzern angeheuert habe", sagt er. "Dort hätte ich viel mehr verdient. Nun sind aber auch die pleite."

Auf der größten Baustelle Europas, Moskwa City, stehen die Räder seit November still. Der Wolkenkratzer Rossija, der 612 Meter in den Himmel wachsen sollte, wird wegen fehlender Kredite nicht weitergebaut. Auch andere Prestigeprojekte wie der neue Gasprom-Turm in Sankt Petersburg wurden gestoppt. "Für so etwas gibt es derzeit keinen Bedarf", sagt Anton Gerassimow, Entwicklungsleiter bei dem Immobilienunternehmen Interstroi. "Die Mieter versuchen zu sparen und ziehen aus den fertigen Bürohäusern aus. Wir haben überall Leerstand." Anfang Dezember wurde der 46-Jährige in unbezahlten Urlaub geschickt. Für zwei Monate, hieß es. Nun steht Interstroi vor der Pleite. "Wir haben seit drei Monaten nicht mal eine Villa verkauft. Wie sollen wir die Baukredite zurückzahlen?" Gerassimow zuckt mit den Schultern.

Die Baubranche war neben dem Rohstoffexport der Motor des russischen Booms. Die Preise explodierten, vor Ausbruch der Krise wurden in Moskauer Neubauhäusern pro Quadratmeter im Schnitt 6000 Dollar gezahlt, zehnmal mehr als noch im Jahr 2000. Allein in der Hauptstadt haben 800.000 Menschen auf dem Bau gearbeitet - darunter viele Gastarbeiter aus der Ukraine und Zentralasien. Nun sind sie arbeitslos. "Die Kriminalitätsrate steigt bereits an", sagt Gerassimow. "Sie reißen sogar die Eingangstüren in Treppenhäusern raus, um sie als Metallschrott zu verkaufen."

Angst vor den Monostädten

Gerassimow, ein stämmiger Mann, der viele Jahre in Sibirien gelebt hat, gibt sich locker. "Gestern haben wir Kaviar gelöffelt, nun werden wir trockenes Brot essen", lacht er. Die Russen seien nun mal krisenresistent und leidensfähig. "Die pflanzen eher Kartoffeln auf der Datscha, als auf die Straße zu gehen, um ihre Regierung zu stürzen."

Tatsächlich bleibt das Volk trotz des rapiden Absturzes eher passiv. Die Zustimmung für die Regierung ist zwar eingebrochen, doch Putins Popularität verharrt bei gut 70 Prozent. Ab und zu demonstrieren ein paar Tausend Kommunisten auf der Straße. "Putin hat jede Opposition zermalmt", sagt Deljagin. "Es gibt keine Figur, die die Unzufriedenheit kanalisieren könnte."

Die Regierung bleibt dennoch auf der Hut und versucht, potenziellen Unruhen vorzubeugen. Die Lage kann sich jederzeit zuspitzen. "In den Monostädten braut sich gewaltiges Protestpotenzial zusammen", warnt Deljagin. Rund 400 russische Städte hängen von einem Unternehmen ab. Schließt es, haben die Arbeiter keine Zukunft.

Begrabene Träume

Der Rubel hat seit dem Sommer rund 40 Prozent an Wert verloren. Die Inflation dürfte im Jahresmittel auf 20 Prozent steigen. Nicht nur die Oligarchen haben ihre Imperien auf Pump finanziert, auch die Generation Putin hat sich Wohnungen und Autos auf Kredit gekauft. Nun können viele die Raten nicht mehr zahlen. Allein bei der Sberbank, heißt es in Vorstandskreisen, sei ein Drittel aller Kredite faul.

Auch Michail Wetrow wollte einen Kredit aufnehmen, um ein Auto zu kaufen. Dann wurde er plötzlich entlassen. Sein Arbeitgeber, Caroline Engineering, versorgt die russische Bergbauindustrie mit ausländischem Fördergerät. Lange lief das Geschäft prächtig, die Margen waren hoch - wie die Gehälter der Mitarbeiter, die bei 2000 Dollar im Monat lagen. Plötzlich ging den Kunden das Geld aus. "Wir konnten etwa 18 Millionen Dollar an Außenständen nicht eintreiben."

Drei Monatsgehälter stehen nach dem russischen Gesetz einem entlassenen Arbeitnehmer zu. Der 22-jährige Wetrow hat nichts bekommen. "Ich musste unterschreiben, dass ich auf eigenen Wunsch gehe", erzählt er. Einen Streit wollte er vermeiden, denn mit einem schlechten Eintrag in seinen Entlassungspapieren hätte er keine Chance, einen neuen Job zu finden. Wetrow meldete sich beim Arbeitsamt. Dort gibt es derzeit viele von seiner Sorte: kurze Berufserfahrung, Studium, zwei Fremdsprachen.

"Der Vermittler sagte, dass er mir keine Hoffnung machen kann." Dann nannte er die Höhe der staatlichen Unterstützung: 1275 Rubel, knapp 28 Euro. "Das reicht gerade für ein Mal Kaffeetrinken", scherzt Wetrow. Zum Glück wohnt er noch bei seinen Eltern, die ihn nun durchfüttern können.

Die Schuld an der Krise sucht Wetrow allerdings nicht bei der Regierung. Die tue alles, um die "importierte Krankheit" zu bekämpfen. Dennoch muss er seine Träume erst mal begraben: "Ich habe gehofft, eine Wohnung mieten zu können und Karriere zu machen." Nun muss er sich in Geduld üben. Auf bessere Zeiten warten.

FTD

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