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Konflikt zwischen West und Ost Russland und die Nato: Warum die Arktis zu "einer Arena des Großmachtwettbewerbs" werden könnte

Ein US-Soldat nimmt an der internationalen Militärübung Cold Response 22 in Sandstrand nördlich von Norwegen teil
Ein US-Soldat nimmt an der internationalen Militärübung Cold Response 22 in Sandstrand nördlich von Norwegen teil
© Jonathan NACKSTRAND / AFP
Momentan sind die Fronten zwischen Russland und der Nato wegen des Ukraine-Krieges vor allem im Osten Europas verhärtet wie lange nicht. Im eisigen Norden schwelt ein weiterer Konflikt zwischen Russland und dem Westen – mit Auswirkungen auf die Klimaforschung.

"Russlands Krieg gegen die Ukraine ist ein Wendepunkt. Es ist eine neue Normalität für die europäische Sicherheit. Und auch für die arktische Sicherheit." Das sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am 25. März während einer Pressekonferenz. Der Ukraine-Krieg hatte die Sicherheit in Europa zu diesem Zeitpunkt schon ins Wanken gebracht.

In der eiskalten Arktis, weit weg vom Horror und Grauen in der Ukraine, könnte der Konflikt zwischen Russland und der Nato einen neuen Schauplatz finden.

Die Nato sei auch ein arktisches Bündnis, so Stoltenberg, vier von fünf Anrainerstaaten der Arktis sind Nato-Staaten: die USA, Kanada, Grönland (verwaltet von Dänemark) und Norwegen. "Es ist eine Region von strategischer Bedeutung für die Sicherheit des gesamten euro-atlantischen Raums", so der Nato-Generalsekretär. "Und entscheidend für die Kommunikationsverbindungen zwischen Nordamerika und Europa. Es ist auch eine Region mit wachsendem strategischem Wettbewerb. In den letzten Jahren haben wir hier einen deutlichen Anstieg der russischen Militäraktivitäten erlebt."

Russland baut sein Militär in der Arktis aus

Russland habe arktische Stützpunkte aus der Sowjetzeit wieder aufgebaut, sagt Stoltenberg. Die Region sei ein Testgebiet für viele der neuartigen Waffensysteme des Landes. Und sie sei die Heimat der strategischen U-Boot-Flotte Russlands.

"Russlands militärische Aufrüstung ist die ernsthafteste Herausforderung für die Stabilität und die Sicherheit der Alliierten im hohen Norden", ist sich Stoltenberg sicher.

Auch der ukrainische Präsident Selenskyj spricht bei einer Rede im norwegischen Parlament eine Warnung an das Land aus. "Ich denke, dass Sie neue Risiken an Ihren Grenzen zu Russland in der Arktis spüren", sagte er Ende März und betonte, dass Russland in den letzten Jahren eine bedeutende Aufrüstung seiner arktischen Streitkräfte vorgenommen habe. "Sie [Russland] haben dort oben [in der Arktis] eine so große Armee aufgebaut, die sich mit keinem gesunden Menschenverstand erklären lässt", so Selenskyj. "Gegen wen ist sie? Und warum tun sie das?"

Tatsächlich kommt die geopolitische Rolle der Arktis mit dem Krieg in der Ukraine wieder auf die Agenda. Denn die "weitverbreitete militärische Aufrüstung seit 2007 verstärkt das Potenzial für ein Überschwappen eines Konflikts zwischen Russland und mit der Nato verbündeten Staaten auf die Region", analysiert das Fachmagazin "Foreign Policy".

Die Arktis birgt viele Ressourcen

Die Arktis ist für viele der Anrainerstaaten aus mehreren Gründen von großem Interesse. Zum einen sind da die natürlichen Ressourcen wie Gas und Öl, die sich vor allem im russischen Teil der Arktis befinden. Auch wenn Europa sich von fossilen Brennstoffen aus Russland loslösen will, so ist der Kontinent noch davon abhängig.

Aber es geht nicht nur um Gas und Öl. Mineralien, Fischbestände, kürzere Schiffsrouten zwischen Asien und Europa – all das macht die Arktis für viele Staaten interessant. Der Klimawandel und das schmelzende Eis haben die Ressourcen freigelegt – oder werden es in den kommenden Jahren tun. Russlands Präsident Wladimir Putin könnte die russischen Ressourcen auch nutzen, um seine Verbindungen zu China noch weiter auszubauen, das auch auf die arktische Region späht. China, obschon dem Äquator näher als dem nördlichen Polarkreis, habe sich selbst als "Near-Arctic-State" definiert und wolle dort eine Präsenz aufbauen, so Stoltenberg.

Eine Gefahr birgt dabei das militärische Hochrüsten am Nordpol, schreibt "Foreign Policy": "Die zunehmende militärische Aktivität in der Region erhöht weiterhin das Risiko eines Missverständnisses oder eines Übergreifens eines Konflikts von außen auf die Arktis, insbesondere in Ermangelung einer offiziellen Sicherheitsbehörde für nationale Akteure, durch die regionale Verteidigungsfragen angegangen werden könnten."

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Die USA und Kanada rüsten die "Nordflanke" auf

Militärisch hätten der umfangreiche Verteidigungsaufbau Russlands und abwechselnde militärische Übungen sowohl von Russland als auch Nato-Akteuren eine potenziell instabile Region geschaffen. Vor dem Hintergrund anwachsender Spannungen zwischen den USA und Russland und der zunehmenden Entkopplung der US-amerikanischen und chinesischen Wirtschaft entwickle sich die Arktis zu "einer Arena des Großmachtwettbewerbs".

Die USA reagieren bereits. Militär und Homeland Security haben Berichte veröffentlicht, mit Titeln wie "Regaining Arctic Dominance", "Arctic Strategy" oder "A Blue Arctic". Auch Übungen in der Polarregion und Verstärkung des Militärs vor Ort sollen ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, dass auch an Russland adressiert ist. In Norwegen wurde im März die Nato-Übung "Cold Response" abgehalten, an der 27 Mitgliedsstaaten und Partner teilgenommen haben.

Auch der Nachbar Kanada will die "Nordflanke der Nato" nun stärken. Kanadas Chef des Verteidigungsstabs, General Wayne Eyre, warnt davor, dass "viel mehr Anstrengungen" erforderlich seien, um die innere Sicherheit mit einem starken "Fokus auf den Norden" zu stärken, wie der Sender France 24 berichtet. Die Arktis sei dabei eine Region mit besonderem sicherheitspolitischen Fokus.

Eyre merkt wie Nato-Generalsekretär Stoltenberg ebenfalls an, dass Russland im vergangenen Jahrzehnt ehemalige Stützpunkte des Kalten Krieges wieder besetzt habe. "Es ist nicht unvorstellbar, dass unsere Souveränität infrage gestellt werden könnte." Experten wie Michael Byers von der University of British Columbia halten eine russische Invasion in Kanada aber für "völlig irrational für Russland". Die Nato müsse sich eher über die militärische Präsenz im Nordwesten Russlands Sorgen machen, zum Beispiel die atomgetriebenen U-Boote mit ballistischen Raketen, die in Murmansk stationiert sind. Allerdings hat Russland auch Raketen, die Kanada und die USA erreichen könnten.

Der Arktische Rat boykottiert Russland

Ein Problem in der Arktis ist, dass es kein richtiges Verwaltungssystem gibt. Nichts, was der Europäischen Union oder der Uno ähnelt. Zwar gibt es einen Arktischen Rat, der 1996 gegründet wurde. Ziel des Rates ist die Zusammenarbeit und Koordination zwischen den acht Anrainerstaaten sowie indigenen Völkern in der Region. Es werden nationale, regionale und internationale Verträge umgesetzt. Doch die Arbeit im Arktischen Rat liegt derzeit auf Eis.

Sieben der acht Mitglieder des Arktischen Rats verurteilen den russischen Angriffskrieg. Das achte Mitglied ist Russland selbst. Kein anderes Mitglied (das sind Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Schweden und die USA) wolle nach Russland für Treffen des Rats reisen, das derzeit den Vorsitz innehält, wie es in einer gemeinsamen Erklärung der sieben Staaten heißt.

Dieser Schuss könnte aber nach hinten losgehen. Begrenzter Dialog und begrenzte Transparenz in militärischen Fragen, begrenzte Fähigkeit zur Umsetzung von Governance-Vereinbarungen und Spannungen zwischen den arktischen Staaten könnten eine Gelegenheit oder Motivation für Staaten darstellen, Konflikte auf andere Weise als durch regionale Zusammenarbeit, einschließlich militärischer, zu lösen, heißt es in einem Bericht des Think Tanks Rand Corp. aus dem Jahr 2021. Eine Lösung wäre es, den Dialog wieder aufzunehmen, die Transparenz bei militärischen Fragen zu verbessern und "mehr Inklusivität bei arktisrelevanten Entscheidungen [zu] ermöglichen, ohne die Souveränität der arktischen Staaten infrage zu stellen."

Klimaforschung in der Arktis auf Pause

Sorgen gibt es durch die Spannungen in der Arktis auch um die Forschung, besonders die Klimaforschung, aber auch um das Klima selbst. Russland besetzt rund 53 Prozent der arktischen Küstenlinien. Ein Boykott des arktischen Partners hat also erhebliche Auswirkungen auf die Forschung in der Region. Dieser setze nämlich die Bemühungen des Rates vom Klimawandel bis hin zu Ölbohrungen aus, so das Magazin "Scientific American". Das sei ein wichtiges Problem, denn in der Arktis steigen die Temperaturen dreimal schneller als im globalen Durchschnitt. Auch das Problem von Waldbränden in der Arktis wurde in der Vergangenheit vom Rat angegangen; das Problem der auftauenden Permafrostböden sei ebenso wichtig.

Eine längere Unterbrechung der Aktivitäten des Arktischen Rates könnte diese Bemühungen erheblich beeinträchtigen, sagte Michael Sfraga, Vorsitzender des Polar Institute am Woodrow Wilson International Center for Scholars und Vorsitzender der U.S. Arctic Research Commission, dem "Scientific American". Es könne auch die Veröffentlichung von Berichten verzögern, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengefasst und Empfehlungen für künftige Maßnahmen gegeben werden.

Und wie will die Nato reagieren? Mit einem Aufstocken der Militärpräsenz in der Arktis, wie Stoltenberg am 25. März erklärte. In Zukunft werde man noch mehr benötigen. "Wir können uns im hohen Norden kein Sicherheitsvakuum leisten. Es könnte russische Ambitionen schüren, die Nato freilegen und Fehleinschätzungen und Missverständnisse riskieren." Die Präsenz der Nato sei dabei keine Provokation. Vielmehr solle sie einen Konflikt vermeiden und den Frieden wahren. Dennoch: Die Spannungen in der Region, sie werden wohl eher zu- als abnehmen.

Weitere Quellen: BBC, "The Barents Observer", Al Jazeera, "Axios"

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