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Russlands größtes soziales Netzwerk: Facebook-Konkurrent im Dienste des Kremls?

Pawel Durow gilt in Russland als Rebell, seit er sich weigerte, oppositionelle Gruppen im sozialen Netzwerk VK zu sperren. Nun soll der Chef des Facebook-Pendants mit der Staatsmacht kooperiert haben.

Von Maxim Kireev, Moskau

Pawel Durow lacht gern öffentlich über andere Menschen. Mal über seinen Konkurrenten Mark Zuckerberg, mal über Geheimdienstler vom FSB. Von seinem Sankt Petersburger Bürofenster aus ließ er einst Papierflieger aus 5000-Rubel-Scheinen, umgerechnet 125 Euro, auf die Passanten fliegen und amüsierte sich darüber, wie die Menschen nach dem Geld schnappten. Während der Proteste gegen die fingierte Parlamentswahl 2011 düpierte er den Inlandsgeheimdienst. Als dieser ihn aufforderte, oppositionelle Gruppen zu sperren, die zu Demonstrationen aufriefen, veröffentlichte der Gründer des sozialen Netzwerks Vkontakte (VK) kurzerhand das Schreiben. In seinem VK-Profil postete er das Bild seines Hundes mit ausgestreckter Zunge. Dies sei seine offizielle Antwort, schrieb er und erntete viel Sympathie dafür.

Die Episode schien längst vergessen, denn auch die Proteste ebbten deutlich ab. Doch nun veröffentlicht die oppositionelle "Nowaja Gazeta" einen vierseitigen Brief, der ein ganz anderes Gesicht von Durow zeigt. Ende 2011 soll ihn der VK-Gründer an den damaligen Chefideologen des Kremls, Wladislaw Surkow, geschrieben haben. Darin bekundet der 28-jährige nicht nur seine Sympathie für die Staatsmacht, sondern zeigt sich auch sehr kooperativ. "Wie sie wissen, arbeiten wir seit Jahren mit dem FSB und dem Innenministerium zusammen, indem wir IP-Adressen, Telefonnummern und andere, zur Identifikation der User notwendige Daten, herausgeben." Er sei besorgt über die mögliche Destabilisierung Russlands und bereit, den Behörden weiterhin dabei zu helfen, Chaos und Gewalt zu verhindern. Der Zeitung zufolge argumentiert Durow, es sei im Interesse der Staatsmacht, die oppositionellen Gruppen nicht sperren zu lassen, weil diese sonst auf Facebook auswichen und sich so der Kontrolle entzögen.

Berichte könnten VK ein echtes Imageproblem bescheren

Ein geschickter Schachzug, sich dem Druck des Kremls zu entziehen? Die Zeitung legte nach. Sie berichtete über ein Schreiben des damaligen Pressesprechers von Vkontakte, Wladislaw Tsypluchin, worin dieser zugegeben haben soll, mit fingierten Gruppen für Streit unter den Oppositionellen sorgen zu wollen. Nach Informationen des Blatts soll Tsypluchin "nahezu Fulltime" im Dienste der Präsidialverwaltung gestanden haben. Durow und Tsypluchin dementierten die Berichte als "völligen Quatsch".

Sollten die Berichte der "Nowaja Gazeta" zutreffen, hätte Durow ein Imageproblem. Das größte russische Netzwerk setzt seit Kurzem auf internationale Expansion, vor allem in Länder mit vielen russischsprachigen Einwandern. Auch Deutschland zählt dazu. In Russland selbst hat VK seine Dominanz erfolgreich gegen Facebook verteidigt. Mit 40 Millionen Besuchern im Monat hat Durows Netzwerk in Russland doppelt so viele wie Facebook. Zahlreiche westliche Unternehmen wie etwa Adidas haben ihre russischen Fanpages lieber bei Vkontakte als auf Facebook. Vor wenigen Tagen legte sich auch der US-Schauspieler Tom Cruise ein Profil bei VK an.

Blogger gehen von einer bezahlten Kampagne aus

Für Andrej Kolesnikow, Autor der kremlkritischen "Nowaja Gazeta", ist die Lage eindeutig. "Vkontakte arbeitet nicht für seine Nutzer, sondern für eine Gruppe von politischen Manipulanten, die sich ihre eigene Fake-Realität im Netz schaffen wollen", poltert er. Die Briefe stammten aus einer verlässlichen Quelle aus den Reihen der Staatsmacht. Er sei sich zu 100 Prozent sicher, dass es sich nicht um eine Fälschung handele.

Russische Medien hingegen melden berechtigte Zweifel an. Die veröffentlichten Screenshots sehen wenig nach einem offiziellen Schreiben aus, ohne Briefkopf und Stempel, merkt der Internetsender Doschd an. Selbst einige oppositionelle Blogger vermuten dahinter eine eher bezahlte Kampagne gegen das Netzwerk. "Die Publikation nutzt jedem, der am Kauf von VK-Anteilen interessiert ist", orakelt Internetexperte Anton Nosik, ohne konkret zu werden.

Vkontakte-Nutzer reagieren entspannt

Auch Ewgenij Trifonow, Autor eines populären Onlinemagazins über IT-Startups und soziale Netzwerke, hat Durows angeblichen Brief analysiert. Einige Passagen seien dem Stil von Durow sehr ähnlich und könnten von ihm stammen, auch wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen seien. "Es ist kein Geheimnis, dass Vkontakte Ermittlungsbehörden bei berechtigten Anfragen Nutzerdaten herausgibt", urteilt Trifonow. So höflich der Brief außerdem auch geschrieben sei, im Grunde sei er eine Absage an die Behörden.

Ähnlich unaufgeregt sehen es offenbar auch die Nutzer selber. Daher erwarten die meisten Experten nicht, dass Facebook von dem Skandal profitiert. Schließlich liegt der Vorteil von Vkontakte nicht in der geschützten Privatsphäre, sondern in der größeren Reichweite - und noch viel wichtiger, in den Unmengen von illegal kopierter Musik und Videos, die jedem Nutzer zugänglich sind. Einer Analyse von Comscore zufolge, schaut der Durchschnittliche VK-User vier Mal länger Videos auf den Seiten des Netzwerks an als durchschnittliche Youtube-Besucher. Grund dafür ist die große Auswahl selbst aktueller Filme bei Vkontakte.

Kein Problem mit "massiven virtuellen Repressionen"

Der Mittelpunkt der politischen Diskussionen im sozialen Netz hat sich dagegen längst zu Facebook verschoben, das vor allem in den Metropolen beliebt ist. Ohnehin hat sich Durow immer dagegen gesträubt, zu den Unterstützern der Opposition zu zählen. "Wir haben uns gegen die Zensur ausgesprochen, weil das für uns einen Wettbewerbsnachteil und einen sicheren Tod bedeutet hätte", schrieb er in einem offenen Brief auf dem Höhepunkt der Protestwelle Ende 2011. "Hätte der Wettbewerb von uns massive virtuelle Repressionen verlangt, so hätten wir sie eingeführt".