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Erwarteter Besuch in Kiew Scholz vor Ukraine-Reise: keine zweite Chance für den ersten Eindruck

Bundeskanzler Olaf Scholz
Bundeskanzler Olaf Scholz wird voraussichtlich am Donnerstag gemeinsam mit seinem italienischem und französischem Amtskollegen Mario Draghi und Emmanuel Macron nach Kiew reisen
© Michael Kappeler / DPA
Macron, Draghi, Scholz: Die Reisegruppe EU-Lenker soll (wahrscheinlich) nach Kiew reisen, schon morgen. Besser wäre gewesen: gestern. Denn mit seinem Zögern hat Bundeskanzler Olaf Scholz über Monate hinweg Erwartungen geschürt, die er nicht wird erfüllen können.

Es geschehen noch Wunder. Zumindest lässt sich jetzt daran glauben. Bundeskanzler Olaf Scholz soll am Donnerstag nach Kiew reisen. Offiziell bestätigt ist das zwar noch nicht, alle Zeichen deuten jedoch auf Abfahrt.

Das grelle Rampenlicht wird der leidenschaftlich nüchterne Hanseat wahrscheinlich nicht allein ertragen müssen – mit ihm sollen seine Amtskollegen aus Rom und Paris aufschlagen. Eincremen sollte sich der Kanzler trotzdem. Denn den Druck, der auf ihm lastet, den hat Olaf der Zögerliche in den letzten Monaten eigens aufgebaut. So hat der Bundeskanzler, dessen Umfragewerte weiter auf Talfahrt sind, in Kiew wenig zu gewinnen und viel zu verlieren.

Scholz der Zögerliche: Ein Fototermin ist besser als kein Termin

Ein "kurzes Rein und Raus", einen schlichten Fototermin soll es nicht geben, da war der Kanzler, sonst ein Freund der unklaren Worte, ungewohnt deutlich. Es zeigt aber auch: Scholz unterschätzt offensichtlich die Macht der Bilder. Wie nichtssagend eine gemeinsame Erklärung auch ausgefallen, wie enttäuscht sich Selenskyj im Nachhinein auch gegeben hätte: Ein frühzeitiges Auftreten des Kanzlers in Kiew hätte Einigkeit, Solidarität und Menschlichkeit demonstriert. Ein Lippenbekenntnis vor Ort, egal wie schmallippig es daherkommt, wäre allemal besser gewesen als jenes beinahe affektierte Rumgedruckse, für das sich Scholz stattdessen entschieden hat.

Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als 100 Tagen gegen einen brutalen, völkerrechtswidrigen Angriff eines machthungrigen, Autokraten mit Zarenattitüde. Tausende Menschen haben bereits ihr Leben gelassen, Millionen wurden vertrieben. Dass sich zahlreiche ausländische Amtskollegen und nicht zuletzt auch deutsche Politiker vor dem Kanzler in Kiew haben blicken lassen, ist schlicht peinlich für einen deutschen Regierungschef und bestärkt den internationalen Eindruck der deutschen Zögerlichkeit. Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance – und den hat Scholz vergeigt.

Dabei ist der Scholz'sche Anspruch mit "ganz konkreten Dingen" im Gepäck anzureisen, ja grundsätzlich löblich (was den Kanzler in Kiew erwarten könnte, lesen Sie hier). Doch legt der 64-Jährige seine ganz eigenen Maßstäbe an das Wörtchen "konkret" an, wie die letzten Monate gezeigt haben. Statt Butter bei die Fische reichte Scholz bisher eher (heiße) Berliner Luft. Dass er es bis heute vermieden hat, einen Sieg der Ukraine als klares Ziel zu formulieren, lässt tief blicken.

Selenskyj erwartet von Scholz "persönliche Unterstützung"

Glänzen können wird Scholz in Kiew nicht. Bisher hat es die Bundesrepublik – unter immer neuen Ausreden – nicht geschafft, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern. Auch ein kalter Entzug von russischem Öl und Gas, das Putins Kriegsmaschinerie finanziert, ist weder kurz- noch mittelfristig in Sicht. Schlechter steht nur Macron da: Frankreich hat seinen Import von verbilligtem russischem Gas seit Kriegsbeginn sogar erhöht.

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Teaserbild: Picture Alliance/Sven Simon

Doch Selenskyj gibt die Hoffnung in seinen deutschen Amtskollegen nicht auf. Gut, ihm bleibt auch nichts anderes übrig. Von Scholz erwarte er, dass "er uns persönlich unterstützt und dass er persönlich zuversichtlich ist", dass die Ukraine noch in diesem Monat offiziell zum EU-Beitrittskandidaten ernannt wird, so der ukrainische Präsident im ZDF-Interview. Nun ist diese Forderung so konkret, vielleicht belässt es Scholz da doch lieber beim Fototermin.

yks

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