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Italien: Silvio Berlusconi ist wieder da - und will zurück an die Macht

Er galt als politisch tot. Rechtskräftige Verurteilung, Rauswurf aus dem Senat, Herzinfarkt. Jetzt grinst Silvio Berlusconi wieder von den Titelblättern. Italiens skandalumwitterter Ex-Premier will zurück an die Macht.

Rieccomi, da bin ich wieder: Silvio Berlusconi ist zurück auf der politischen Bühne

"Rieccomi" - "Da bin ich wieder": Silvio Berlusconi ist zurück auf der politischen Bühne

Im Juni dieses Jahres wurde in Italien ein weißer Pudel in ein blaues TV-Studio getragen, in die Arme eines alten Mannes im Anzug gedrückt - und wollte nur noch weg. Das Tier strampelte mit den Beinen, zappelte wild, versuchte den Händen des Alten zu entkommen, die nach ihm fassten, immer wieder. "Noch kennt er mich nicht", erklärte sich der Mann, der das Tier umklammert hielt die Fluchtversuche. "Jetzt streichle ich ihn und schon kommen wir klar." Das Publikum klatschte, allein der Plan ging nicht auf: Es lag am Hund, der nicht stillhalten wollte. Dieser weiße Pudel, schrieb die Zeitung "Fatto Quotidiano" nach der Sendung, symbolisiere, wie sich Millionen Italiener in den vergangenen 23 Jahren gefühlt hätten. Im Klammergriff dieses einen Mannes. Der Mann, der den Pudel in der Sendung "Porta a Porta" von Bruno Vespa halten sollte, heißt Silvio Berlusconi. 

ist zurück. Nicht nur im TV, sondern überhaupt. Seit dem Wochenende grinst er wieder aus den Zeitungen, Medien schreiben von einem "Comeback", nennen ihn den "Ewigüberlebenden", titeln "Auferstehung". Tatsächlich schien Berlusconi schon vor Jahren politisch tot, am Ende, weg vom Fenster, für immer. Sieht man ihn heute lachen, stellt man sich mehrere Fragen. Einige davon: Wie lange noch? Ist der zurück oder war der nie weg? Das vom Ende - hatte man das damals ernsthaft geglaubt?

Silvio Berlusconi kommt 1994 - und geht nicht mehr

Im Januar vor 23 Jahren verkündete ein Bau- und Medienunternehmer aus der norditalienischen Lombardei in einem Neun-Minuten-Video, er müsse jetzt Italien retten. Für die Aufnahmen hatte sich Silvio Berlusconi vor ein Bücherregal in seiner Villa in Arcore bei Mailand gesetzt und warnte mit bedeutungsschwerer Stimme vor "unreifen Kräften", die er an eine "katastrophale politische und wirtschaftliche Vergangenheit geknüpft" sah. Wenige Wochen nach diesem Video errang Berlusconis neugegründete Partei "Forza Italia" 21 Prozent bei den Parlamentswahlen, er selbst wurde Ministerpräsident. Zum ersten Mal, drei weitere Male sollten folgen. 

Silvio Berlusconi war damals 57 Jahre alt, wirkte aber deutlich jünger. In seinem Bewerbungsvideo sprach er langsam und besonnen wie ein Geistlicher. Im Regal hinter ihm blitzten Bilderrahmen: die Lieben goldig glänzend eingefasst. 

Mitte-Rechts siegt auf Sizilien

So brav, wie Berlusconi in jenen Tagen vor der Kamera saß, war er schon damals nicht, vermutet heute die Staatsanwaltschaft von Florenz. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass sie gegen Berlusconi ermittelt, schon wieder. Als die Mafia 1992 und 1993 tödliche Bombenanschläge verübte, um zu destabilisieren und den Boden für eine neue Politik zu bereiten, soll Berlusconi darin verstrickt gewesen sein, so der Vorwurf.

In Mailand läuft unterdessen bereits ein weiterer Prozess: Laut Anklage schmierte Berlusconi die Gäste seiner ausschweifenden Sex-Partys - die "Bunga, Bunga"-Abende hatten ihn weltweit bekannt und Italien zum Gespött gemacht - mit Bargeld, Autos, Wohnungen oder anderen Geschenken, damit sie als Zeugen vor Gericht zu seinen Gunsten aussagten. Allein rund sieben Millionen Euro soll Karima El-Mahroug alias Ruby erhalten haben, die als damals Minderjährige Sex mit Berlusconi gehabt haben soll. Sie bestritt dies, Berlusconi will seinerseits nicht das Alter der damals 17-Jährigen gekannt haben, der letztinstanzliche Freispruch erging 2015. Heute gehen die Ermittler davon aus, dass Berlusconi und seine Anwälte systematisch Zeugen in dem Prozess bestochen haben.

Karima El Marough alias „Ruby“ auf einer Party

Karima El Marough alias „Ruby“ auf einer Party

Doch Silvio Berlusconi bringen Verfahren, Ermittlungen, Anklagen schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Er habe bereits mehr als 70 Prozesse gegen ihn oder gegen eine seiner Firmen gezählt, sagt er. Gewisse Kreise in Justiz, Politik und Medien seien parteiisch und würden ihn kriminalisieren. Doch die Italiener seien anders. Die glaubten das nicht, dafür seien sie zu schlau. 

Zu "den Italienern" nach Berlusconi-Definition zählt auch die Mehrheit der Wähler, die am Sonntag auf Sizilien ihre Stimme abgegeben haben. Das Mitte-Rechts-Bündnis, zu dem Berlusconis "Forza Italia" zählt, gewann die Regionalwahl auf der Insel hauchdünn vor der im politischen Spektrum kaum einzuordnenden Bewegung Cinque Stelle. Der Sieg auf Sizilien gilt für Berlusconi als perfekter Testlauf, als geglückte Generalprobe, war es doch die letzte große Wahlschlacht, die es vor der italienischen Parlamentswahl im kommenden Jahr zu schlagen galt. 2018 geht die Legislaturperiode in Italien zu Ende, regulär wohlgemerkt, obwohl sie mit Enrico Letta, Matteo Renzi und dem amtierenden Paolo Gentiloni drei Ministerpräsidenten kannte. Letta, Renzi, Gentiloni sind Sozialdemokraten, Männer einer Partei, die eh am Ende sei, findet Berlusconi und bringt sich einmal mehr selbst in Stellung. Dabei kann er - Stand heute - gar nicht gewählt werden.

Silvio Berlusconi: Verurteilung, Sozialdienst, Herzattacke

Im Leben Silvio Berlusconis ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Zum vierten Mal Ministerpräsident kippte im Sommer 2011 seine Regierung, zurück blieb ein Italien in finanziell höchst prekärer Lage. 2013 wurde Berlusconi dann wegen Steuerbetrugs zum ersten Mal rechtskräftig verurteilt, daraufhin aus dem Senat geworfen, der Pass wurde ihm abgenommen. Der Haftstrafe entkam er, leistete stattdessen Sozialdienst in einer Senioreneinrichtung. Bis November 2019 darf Berlusconi jetzt nicht mehr gewählt werden. Sein Tiefpunkt, hieß es damals, das war's.

Zu den politischen und gerichtlichen Problemen gesellten sich private: Seine Frau trennte sich von ihm und erhält von ihrem Ex-Mann nun knapp 50.000 Euro Unterhalt - pro Tag. Im vergangenen Jahr machte dann auch der Körper des Medienmoguls nicht mehr mit: Berlusconi, der seit über zehn Jahren einen Herzschrittmacher trägt, wurde in eine Mailänder Klinik eingeliefert. Leichte Herzbeschwerden, hieß es zunächst, später sprach sein Arzt von einer schweren Herzattacke und Lebensgefahr.

Schlank und scheinbar jung wie nie

Das Gesicht, das Berlusconi ein Jahr später in die Fernsehkameras hält, erzählt nichts mehr von diesem schweren Eingriff am Herzen - vielmehr von vielen anderen kosmetisch-chirurgischer Natur. Im Sommer begab sich Berlusconi zur Kur nach Meran, Südtirol, speckte einige Kilos ab. "Ich habe alle gesundheitlichen Tests gemacht und den Sport, den ich schon lange treibe, mit einer Ernährungsumstellung ergänzt." Jeden Morgen spaziere er fünf Kilometer, schwimme dann eine halbe bis ganze Stunde. Und: Er, 81, will heiraten: sie, Francesca Pascale, 32. Passt doch, sagen wohlwollende Begleiter, Berlusconi sehe jünger aus denn je. Kontrahent Beppe Grillo, Gründer von Cinque Stelle, sagt, er sehe aus wie Tutanchamun. 

Silvio Berlusconi ist 81

Nahaufnahme von Silvio Berlusconi vom Oktober 2017

Grillos Protestbewegung ist in aktuellen Umfragen die führende Einzelpartei in Italien, die Partito Democratico von Ex-Premier Matteo Renzi kommt auf Rang 2. Silvio Berlusconi sagt von seiner Forza Italia, die Partei könne bei der Wahl 2018 auf 30 Prozent der Stimmen kommen und damit stärkste Kraft werden. Dumm nur, dass ihm bis dahin noch immer das passive Wahlrecht fehlt. Deshalb klagt der Ex-Premier aktuell vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Er fordert, das Gericht solle sein Ämterverbot aufheben. Ob die Richter noch vor der Italien-Wahl ihr Urteil sprechen, gilt als mehr als ungewiss. "Sie müssten es tun", sagt Berlusconi. "Aber wie dem auch sei: Auf unserem Parteilogo wird 'Berlusconi Presidente' stehen." Schon bevor ein Wahltermin in Italien feststeht, sieht sich Silvio Berlusconi selbst wieder da, wo er aus seiner Sicht hingehört, am Gipfel der Macht. Anfang Oktober reiste er nach Moskau, Wladimir Putin feierte seinen 65. Geburtstag. Berlusconi schenkte Putin eine Bettdecke, darauf abgedruckt: Putin und Berlusconi, Handschlag. Ein Foto von früher. Weißt du noch, Wladimir, damals. 

Berlusconi will wieder retten

Am Montag dieser Woche scheint tatsächlich wieder vieles wie damals, ganz früher, 1994. Silvio Berlusconi steht wieder vor einer Kamera, das Filmchen erscheint am Abend auf Facebook. Darin sagt er: "Sizilien hat sich für einen echten, ernsthaften und konstruktiven Wandel entschieden, basierend auf Ehrlichkeit, Kompetenz und Erfahrung." Er dankt "aus der Tiefe seines Herzens". Auch in diesem Video warnt Berlusconi, nur sind es dieses Mal nicht die Kommunisten, die Linken, die das Land in den Abgrund führen würden, sondern die Populisten der Cinque Stelle, die laut Berlusconi "noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben".


Berlusconi will wieder retten, so wie damals. Auch eine Bücherwand ist da und - da, hinter ihm - die Lieben in den glänzenden Rahmen. Bei "Porta a Porta" nahm Moderator Bruno Vespa Berlusconi den Pudel einfach weg, als das Tier nicht aufhörte, sich zu wehren und die Aufnahmen nicht süß, sondern peinlich wurden. Im wahren Leben lässt Silvio Berlusconi nicht los.