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stern-Reportage

Ostafrika: Hunger und Gewalt: Wie die Menschen im Südsudan ums Überleben kämpfen

Es ist nicht die Dürre, die Menschen im Südsudan verhungern lässt. Es sind die blutigen Kämpfe um Macht, Geld und Öl. Eine Reise ins Zentrum der Katastrophe – zu den Notleidenden und denen, die versuchen, zu helfen.

Von Jonas Breng

Südsudan: "Es ist mehr als Bürgerkrieg. Da ist jeder gegen jeden"

Südsudan: Im Flüchtlingslager bei Bentiu im Norden des Südsudan stehen Frauen für Wasser an.

Es gibt diesen Augenblick, da packt er dich wie ein wildes Tier, flüstert Nyatuak. Er reißt dich nieder und lässt dich nicht mehr los. Er frisst deine Arme. Deine Beine. Deinen Kopf. Du kannst das Weinen der dann nicht mehr ertragen, willst aus der Hütte rennen, dir die juckende Haut von den Knochen kratzen, nur damit er aufhört. Und wenn er stoppt, weil sich die Müdigkeit über dich legt wie eine zerlumpte Decke, deine Beine dünn wie Zweige, dein Hals zugeschwollen, im Mund dieser süßliche Geschmack, wenn du so leer bist, dass du nicht einmal die Fliegen verscheuchen kannst, dann weißt du: Jetzt hat er dich besiegt. Buoth, wie die Nuer sagen. Der Hunger.

Nyatuak ist ihm entkommen. Sie hockt auf einer Matte aus Bambus. Eine kleine Frau, über deren dürren Schultern ein Kleid mit schwarzen hängt. Ganz aufrecht sitzt sie da, wie ein schmales Ausrufezeichen, das sagt: Seht her. Ich habe überlebt.

Erst vor Kurzem ist Nyatuak ins Lager gekommen. Zusammen mit ihren vier Kindern und einigen aus dem Dorf. Nyatuaks Dorf liegt in der Nähe der Stadt Leer, vier Tagesmärsche entfernt – mitten in der sogenannten Zone 5, was auf der Skala der Vereinten Nationen für Hungersnot steht. Ein etwas irreführender Begriff. Denn Hunger und Not herrschen überall im . Zone 5 aber heißt: Das Sterben ist außer Kontrolle geraten.

Im Februar 2017 schlugen die Vereinten Nationen deshalb Alarm. Nicht nur für den Südsudan, sondern gleich für mehrere Länder in . Viele Millionen Menschen seien in der Region und im Jemen vom Hungertod bedroht. Die größte humanitäre Katastrophe seit 1945. Doch während in Kenia und Äthiopien eine Dürre für das Sterben verantwortlich ist, sind es im Südsudan die Menschen. Nyatuak sagt: "Die Waffen haben den Hunger gemacht." Im Lager lebt sie mit ihren Kindern in einer Kirche, einem Schuppen aus alten Planen, in dem knapp hundert Menschen Seite an Seite schlafen wie in einem Flüchtlingsboot.

Kirche, Schule, Küche, Schlafraum: 20 Familien leben unter den Planen, mahlen Hirse, schlafen unter Netzen.

Kirche, Schule, Küche, Schlafraum: 20 Familien leben unter den Planen, mahlen Hirse, schlafen unter Netzen.


Nachts, wenn Nyatuak dann wach liegt und dem Atem ihrer einjährigen Tochter lauscht, langsam und gleichmäßig, kommen die Bilder zurück. Sie wehen durch die Ritzen der Hütte wie der Gestank der Holzfeuer und Latrinen. Das Bild der Nachbarin, der alle Haare vom Kopf fielen. Das Baby mit den großen Augen, das an der Brust der toten Mutter saugte. Und die Bilder jener Nacht, in der Nyatuaks altes Leben endete.

Einst feierte die Welt ihr Land

Es war ein gutes Leben gewesen. Nyatuak wohnte gemeinsam mit ihrem Mann Gatduot in einer Hütte am Rande des Dorfes. Gatduot arbeitete auf dem Markt und verlud Lebensmittel. Nyatuak kümmerte sich zu Hause um die Kinder und das Vieh. 100 Kühe und zehn Ziegen besaß die Familie – im Südsudan war das damals nicht viel, aber genug, dass Gatduot seiner Frau manchmal bunte Kleider vom Markt mitbringen konnte. Nyatuak kochte den Kindern abends warme Kuhmilch zum Einschlafen. Sie hatte Hoffnung, auch für ihr Land.

Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs hatte sich der Südsudan im Jahr 2011 vom arabischen Norden abgespalten. 99,57 Prozent der Menschen stimmten für die Unabhängigkeit. Die Welt feierte den jüngsten Staat der Welt. Doch dann kam das Märchen zu einem abrupten Ende. Im Dezember 2013 war ein Streit zwischen dem neuen Präsidenten und seinem ehemaligen Vize Riek Machar eskaliert. Kiir, ein Dinka, und Machar, ein Nuer, entstammen den beiden größten Ethnien des Südsudan; gemeinsam hatten sie im Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Nun, im neuen Staat, saßen aber die Dinka an der Macht. Über den Zwist der Politiker zersplitterte die Armee in mehrere Teile, Hass wurde entfacht. In der Hauptstadt Juba hetzten plötzlich Dinka-Angehörige Nuer durch die Straßen. Es gab Massaker auf beiden Seiten. Nach den ersten Kämpfen in Juba zog sich Rebellenchef Machar mit seinen Soldaten nach Unity zurück, in jenen Staat im Norden, in dem nicht nur Nyatuaks Dorf, sondern auch die Ölfelder des Südsudan liegen. Die Felder könnten diesen Staat reich machen. Es dauerte nicht lange, da brannten auch sie.

Sie begann, Seerosen zu kochen

Für Nyatuak und Gatduot hatte damit der Krieg begonnen. Es war im Frühjahr 2014. Eines Morgens waren die Soldaten der SPLA von Dinka-Präsident Kiir mit ihren Jeeps auf den Dorfplatz gefahren. Die Soldaten, manche fast noch Kinder, schrien herum und schossen mit AK-47 in die Luft. Sie raubten die Kühe und Ziegen, zündeten einige Hütten an und erschossen alle Nuer-Männer, die sie finden konnten. Nyatuak und Gatduot hatten sich gerade noch rechtzeitig mit den Kindern an den Fluss retten können. Hinter Büschen versteckt sahen sie, wie über dem Dorf dunkle Rauchschwaden aufstiegen.

Danach wurde es immer schwieriger, zu überleben. Nyatuak konnte auf dem Markt keine Hirse mehr kaufen, es gab kein Vieh, die Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr. Im Dorf roch man den Gestank von Fieberschweiß, der Hunger kroch in jede Hütte. Nyatuak begann, Seerosen zu kochen, die sie am Ufer des Flusses pflückte. Der Brei schmeckte nach nichts, aber er hielt die Familie am Leben.

Nyatuak und ihre vier Kinder entkamen den brandschatzenden Soldaten. Ihr Mann wurde erschossen.

Nyatuak und ihre vier Kinder entkamen den brandschatzenden Soldaten. Ihr Mann wurde erschossen.

Als auf internationalen Druck Präsident Kiir und sein Widersacher Machar über die Rückkehr des Letzteren verhandelten, hörte Nyatuak dies von einer Nachbarin. Die Nachbarin hatte eingefallene Wangen, ihre Augen traten seltsam hervor. "Vielleicht kann uns das retten", sagte sie. Doch als nach sechs Wochen die Kämpfe erneut entflammten, war die Nachbarin bereits gestorben.

Nyatuak und die anderen Dorfbewohner versteckten sich tagsüber meist am Fluss. Nur in der Nacht glaubten sie, in ihren Hütten vor den Soldaten sicher zu sein. Zumindest bis zu jener Nacht im Februar, als Nyatuak vom Geräusch einer zufallenden Autotür aus dem Schlaf geschreckt wurde. "Wach auf, ich habe etwas gehört", flüsterte sie ihrem Mann Gatduot zu. Das Nächste, was sie hörte, war das Pfeifen der Kugeln, die durch die dünnen Wände schlugen. Zusammen rannten sie hinaus in den Hof. Dort warteten schon die Soldaten der SPLA. Zwei Männer packten Nyatuak an den Oberarmen und zerrten sie auf einen Truck.

Die Erde war noch frisch

Als sie am nächsten Morgen aus der Ohnmacht aufwachte, wagte sie nicht, die Augen zu öffnen. Zu groß waren die Angst und die reißenden Schmerzen im Unterleib. Sie lag allein in einem Hinterhof, die Sonne kroch über den Horizont. Nyatuak fasste sich in den Schritt und sah das Blut an ihren Händen.

Irgendwie schaffte sie es aufzustehen. Als sie sich zurück ins Dorf geschleppt hatte, fand sie die Kinder unversehrt am Fluss. Wo ist Gatduot?, rief sie ihrem ältesten Sohn zu. Der Junge zeigte auf einen Sandhügel nicht weit entfernt. Die Erde war noch frisch.

Zwei Wochen habe es gedauert, bis sie wieder laufen konnte, erzählt Nyatuak. Dann habe sie sich auf den Weg ins Lager gemacht. "Ich musste meine Kinder retten", sagt sie. Im Lager in Bentiu wurden Nyatuaks Wunden versorgt. Sie bekam Hirse, ein paar Bohnen, ein wenig Öl. Es reichte zum Überleben. Zum Leben reicht es nicht.

Nyatuak stemmt sich hoch. Sie klopft den Staub von ihrem Kleid und marschiert los. Quer durch das Flüchtlingslager, vorbei an Fußball spielenden Kindern und endlosen Hütten, die sich unter dem heißen Morgenwind ducken. Das Lager in Bentiu ist das größte des Südsudan. Im Verlauf des Krieges ist es auf über 120 000 Menschen angeschwollen. Fast alle der Flüchtlinge sind Nuer, die vor Übergriffen der SPLA-Soldaten geflohen sind. Nyatuak läuft bis zum Haupttor, wo die Wachen der UN stehen. Für einen Moment sieht es so aus, als zögere sie, bevor sie hinaus auf den Feldweg tritt. Im Gebiet um das Camp herrschen SPLA-Soldaten. Sie lauern Frauen auf, die in der Gegend nach Feuerholz suchen, und vergewaltigen sie. Nyatuak aber braucht das Holz, um es auf dem Markt zu verkaufen. Ich habe keine Wahl, sagt sie, als sie mit schnellen Schritten den Weg durchs Unterholz läuft. Die Lebensmittel reichen nicht aus. Am Himmel ziehen Raubvögel ihre Kreise.

Von einer Sammelstelle schleppen Frauen 50-Kilo-Säcke mit Hirse nach Hause.

Von einer Sammelstelle schleppen Frauen 50-Kilo-Säcke mit Hirse nach Hause.

Auf der anderen Seite des Lagers sitzt ein braun gebrannter Deutscher vor einem klimatisierten Container und saugt an einer Zigarette. Thomas Hoerz, 58, ein halbes Leben Entwicklungshelfer, ein ganzes Leben Schwabe, braucht zwei Hände, um alle Hungersnöte aufzuzählen, in denen er schon Lebensmittel verteilt hat. Wenn er von der Situation im Südsudan spricht, bekommt sein gutmütiges Gesicht einen harten Zug. "Das ist mehr als ein Bürgerkrieg, das ist jeder gegen jeden."

Seit Juli 2016 haben sich die Kämpfe von Unity aus über den gesamten Südsudan ausgebreitet. Nicht nur Rebellen und SPLA-Kämpfer fallen übereinander her. Im Schatten eines zerschossenen Staates hat sich inzwischen eine Vielzahl an Milizen und kriminellen Banden gebildet; bewaffnet durch Jahrzehnte des Bürgerkriegs ziehen sie durch die Dörfer, brandschatzen und töten. "Ein verdammtes Durcheinander", sagt Hoerz. Er arbeitet für die Welthungerhilfe und ist das dritte Mal im Land. Hinter ihm sieht man die Container der vielen Hilfsorganisationen. Mehr als 30 verschiedene Schilder hängen an den Türen. Einige der Organisationen sind bereits seit einem halben Jahrhundert im Land. Kaum ein anderer Ort auf der Welt hängt schon so lange am Tropf der internationalen Hilfe. Unrettbar, sagen manche. Was macht diese Abhängigkeit mit einem Staat?

"Die haben Uniformen gegen Anzüge getauscht"

Die Beziehung zwischen der Regierung und den Helfern sei kompliziert, erzählt Hoerz. Auf der einen Seite wirft die Regierung den Hilfsorganisationen vor, die Rebellen durch Nahrungsmittel am Leben zu halten. Im März kündigte Präsident Salva Kiir an, dass eine Arbeitserlaubnis für Ausländer künftig eine Gebühr von 10 000 US-Dollar kosten solle. Eine Kriegserklärung an die Helfer, auch wenn die Entscheidung auf internationalen Druck zurückgenommen wurde.

Auf der anderen Seite ist das Land auf die Organisationen angewiesen. Sie sind eine der letzten verbleibenden Geldquellen eines Staates, der einen Großteil seiner Mittel für den Krieg ausgibt. Hoerz sagt: "Die haben Uniformen gegen Anzüge getauscht. Aber das heißt nicht, dass sie Politiker sind."

Am nächsten Morgen hockt er auf dem Rücksitz eines Jeeps, der hinter Lebensmitteltransportern herfährt. Der Konvoi ist auf dem Weg nach Nhialdu, einer Stadt etwa zwei Autostunden vom Lager entfernt. Nhialdu war einmal eine Rebellenhochburg, doch nun kontrollieren Truppen der Regierung die Gegend. Hoerz blickt aus dem Fenster auf ausgebrannte Panzer und ausgemergelte Landstriche, ein kleiner Junge pinkelt gegen einen verkohlten Baum. "Hier ging es ganz schön ab", sagt Hoerz.

Es ist das erste Mal, dass sich Mitarbeiter humanitärer Organisationen wieder in die Gegend trauen. Bei Gefechten im Winter wurden 21 Helfer entführt, Hütten wurden angezündet, es gab Tote. Doch weil in wenigen Wochen die Regenzeit beginnt, bleibt für Hoerz und seine Leute nicht mehr viel Zeit. Ab Anfang Mai verwandelt sich die Gegend in einen gewaltigen Sumpf, dann tritt das Wasser über die Ufer der Flüsse, und Feldwege werden unpassierbar. Mit dem Regen wird der Hunger noch schlimmer.

Kein Drängeln, kaum Tuscheln

Der Konvoi hält auf einem Dorfplatz. Hunderte Frauen in bunten Gewändern haben sich versammelt, der heiße Wind drückt ihnen die Augen zu. Hoerz springt aus dem Auto und beginnt, die Verteilpunkte zu organisieren. Zunächst werden die Frauen in Gruppen aufgeteilt, dann folgt die Registrierung. Hoerz läuft zwischen den sechs Stationen hin und her, an denen Helfer die Lebensmittel austeilen. Eine volle Ration beinhaltet jeweils einen Sack Bohnen, CSB – ein Kraftbrei für Kinder –, ein paar Stangen Seife, einen Kanister Öl und 50 Kilo Hirse. Über der Szenerie liegt eine sonderbare Ruhe. Während die Frauen in der Mittagshitze in den Schlangen stehen, gibt es kein Drängeln, kaum Tuscheln. Die Frauen warten, als sei das Warten zu einem Teil von ihnen geworden.

Hoerz drückt einer Frau, unter deren Kleid sich ein Babybauch wölbt, einen Beutel CSB für ihre Kinder in die Hand und lächelt. Nervös schaut die Frau hinüber zu dem gelben Gebäude am anderen Ende des Platzes, wo im Schatten eines Mangobaums einige SPLA-Soldaten dösen. Sie tragen die gleichen Uniformen wie die Männer, die 30 Kilometer weiter ihr halbes Dorf umgebracht haben. Im Morgengrauen ist sie heute von dort aufgebrochen. Zwei Frauen hieven ihr den 50-Kilo-Sack Hirse auf den Kopf. Sie sei besorgt, erzählt die Frau noch, bevor sie aufbricht. Sie sei im achten Monat schwanger, doch das Baby habe sich seit zehn Tagen nicht mehr bewegt. Als sie zwischen den Lkws verschwindet, schaut Hoerz ihr nach. Das erste Mal an diesem Tag sieht er müde aus.

Damit Hoerz und der Konvoi später ihren Weg heil durch den Krieg zurück ins Lager finden, müssen eine Menge Anrufe getätigt werden. Hoerz' Lebensversicherung ist ein kleiner Pakistaner, der rund tausend Kilometer weiter an einem Schreibtisch hockt. Über Augenränder, die aussehen, als seien sie mit einem Filzstift gemalt, starrt Rehan Zahid auf eine Karte des Südsudan. Zahid ist 32 Jahre alt, und wenn man ihn fragt, was er den ganzen Tag so treibt, sagt er: "Troubleshooting." Probleme lösen.

"Du musst die Person im Südsudan vom Problem trennen, sonst drehst du hier durch."

In einem Containerbau am Rande der Hauptstadt Juba leitet er ein Team des World Food Programme. Zahid muss dafür sorgen, dass Männer die Trucks, Hirse, Reis und Bohnen in alle Himmelsrichtungen bringen. Dass sie nicht beschossen, ausgeraubt oder entführt werden. Zahid hat für diesen Job keine Waffen zur Verfügung. Nur knapp 400 Telefonnummern. Den ganzen Tag lang spricht er mit Ministern, Politikern und Generälen. Aber auch mit Rebellenchefs und selbst ernannten Häuptlingen. Mit Männern, die Krieg führen. Zahid sagt: "Du musst die Person vom Problem trennen, sonst drehst du hier durch." Mit seinen dünnen Armen und dem gelangweilten, amerikanischen Akzent erinnert er an einen Collegestudenten. Einer von denen, die kippelnd in der letzten Reihe sitzen und dann nur Einsen schreiben.

Zahid hat Wirtschaftswissenschaften in den USA studiert. Als er 2010 in den Südsudan kam, war er noch jung und enthusiastisch. Es ging um das Märchen vom jüngsten Staat der Welt. Zahid wollte helfen, dieses Land aufzubauen. Heute ziehen sich graue Strähnen durch seine schwarzen Haare. Er wollte den Frieden managen, jetzt hat er den Krieg am Hals.

Wenn er mit dem Helikopter ins Feld fliegt, um mit Kommandeuren der Rebellen oder der SPLA zu verhandeln, rufen sie: "Big mouth, small man." Große Klappe, kleiner Mann. Das ist meist anerkennend gemeint. Zahid sagt, es gehe um Respekt. Die Zwischentöne seien bei den Verhandlungen wichtig. Er müsse am Telefon raushören, was Sache ist. "Wenn mich jemand verarscht, sind unsere Leute in Gefahr."

Ein unterernährtes Kleinkind wird mit seiner Mutter von einem Doktor der "Ärzte ohne Grenzen" betreut.

Ein unterernährtes Kleinkind wird mit seiner Mutter von einem Doktor der "Ärzte ohne Grenzen" betreut.

Als man ihn vor zwei Jahren zum Verhandler machte, las er deshalb jedes Buch über den Südsudan, das er in die Finger bekommen konnte. Er sprach mit Anthropologen und Wissenschaftlern aus Afrika und den USA, traf Minister und Generäle. Zahid wusste, dass er das Land verstehen musste, das er retten sollte. Und er wusste auch, dass das unmöglich ist.

Verloren auf den Kirchenbänken

Heute kann er am Telefon zahlreiche Dialekte auseinanderhalten und wahrscheinlich blind eine Karte des Landes zeichnen. An einem gewöhnlichen Tag sind er und sein Team für 300 Transporte verantwortlich. Die Fahrer sind fast immer Somalis, weil sich sonst kaum einer mehr traut, die Lkws zu fahren. "Das sind die härtesten Jungs, die es gibt", sagt Zahid. Mit an Bord haben sie Schnaps, Geld und Zigaretten. 2000 Euro braucht es momentan, um an den etwa 90 Checkpoints vorbeizukommen, die allein auf der Strecke zwischen Bentiu und Juba liegen.

Wer sie kontrolliert, ist dabei oft schwer zu sagen. Gerade erst sei einer der Lkws in einen Hinterhalt geraten, erzählt Zahid, doch statt irgendwelcher Milizen waren es wütende Dorfbewohner. Etwa hundert Frauen kletterten auf den Truck und plünderten die Nahrungsmittel. "Die hatten keine Waffen, nur Hunger", sagt Zahid und lacht. Aber seine Augen lachen nicht mit. Dann geht sein Telefon. Irgendeine Lieferung macht Probleme. Zahid verschwindet hinter einer verschlossenen Tür.

Im Lager von Bentiu schiebt sich an einem Sonntagmorgen die Sonne in einen verstaubten Himmel. In Nyatuaks Kirche haben sich die Menschen zum Gottesdienst versammelt. Sie halten sich an den Händen und beten mit geschlossenen Augen: "Herr, wir sind so müde vom Krieg, wann schenkst du uns den Frieden?" Von draußen lugen dürre Kinder in den halbdunklen Raum. Auch Nyatuaks Söhne und Töchter sitzen auf den Kirchenbänken, etwas verloren. Nur nach Nyatuak sucht man vergebens. Sie sei früh aufgebrochen an diesem Morgen, um Holz zu sammeln. Wann sie zurück sein wird, kann keiner sagen.

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