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Utøya "Schwimm oder stirb" – die Norwegerin Emma Martinovic entkommt dem Terror nur knapp

Emma Martinovic: "Bei der Geburt meines zweiten Kindes, meines Sohnes, habe ich zu der Hebamme gesagt ... Und ich erinnere mich, dass ich ihn vor mir gesehen habe. Ich sagte zu ihr: 'Ich kann Breivik sehen.' Die arme Frau wusste nicht, wer ich war und was mir durch den Kopf ging. Ich erinnere mich noch gut an ihren Gesichtsausdruck: 'Okay, was ist mit dir los?’' Später habe ich ihr erklärt, dass ich 2011 auf Utøya dabei war. Ich konnte ihn sehen und das habe ich ihr gesagt. Ich habe keine Ahnung, warum er mir da erschien. Aber kurz vor Ende der Geburt konnte ich ihn deutlich vor mir sehen."
22. Juli 2011:
Ein Mann in Polizeiuniform schießt mit einem Sturmgewehr auf die Teilnehmer eines Sommercamps der norwegischen Arbeiterpartei auf der Insel Utøya. Der Täter, Anders Behring Breivik, ist ein Rechtsextremist. Mehr als 700 Menschen sind auf der Insel, die meisten im Alter zwischen 16 und 22 Jahren. Emma Martinovic leitet eine Delegation auf dem politischen Jugend-Camp. Als im Zeltlager Panik ausbricht, bekommt Martinovic eine SMS von einem Kollegen: "Schwimmt."
Emma Martinovic: "Als ich die Nachricht meines Kollegen gesehen habe, habe ich gedacht, dass es wahrscheinlich keine andere Möglichkeit gibt: schwimm oder stirb. Ich habe zu den Leuten, mit denen ich unterwegs war, gesagt: 'Wir müssen schwimmen.' Einer von ihnen wollte nicht. Er sagte: 'Nein, ich werde hier nicht schwimmen.' Ich erwiderte: 'Du hast keine Wahl.' Als wir anfingen zu schwimmen ... als wir runter zum Wasser kamen, haben wir links von uns 20 weitere Leute gesehen. Wir wussten das nicht, wir dachten wir wären alleine. Durch die vielen Leute, die losschwammen, wurde es sehr laut. Deswegen ... Breivik hatte sich schon von uns abgewandt. Doch wegen des Lärms kam er zurück in unsere Richtung."
Es dauert über eine Stunde, bis eine Spezialeinheit der Polizei eintrifft und den Attentäter festnimmt. Bis dahin hat er 69 Menschen erschossen. Im Regierungsviertel von Oslo hat er zuvor acht Menschen mit einer Bombe getötet. Die norwegischen Behörden zählen 66 Verletzte und 650 körperlich unversehrte Überlebende beider Anschläge. Emma Martinovic überlebt das Attentat auf Utøya mit einem Streifschuss am Arm.
Emma Martinovic: Während ich schwamm, wahrscheinlich war ich gerade auf der Hälfte ... Er stand oben auf der Klippe und schoss aufs Wasser. Einfach so ... wie sagt man das? Wahllos. Ich hatte Glück. Ein Mädchen wurde getroffen und sie ist kurz nach mir losgeschwommen. Sie wurde getroffen und wirklich schwer verletzt. 
Wie hat der Terroranschlag Ihre Sicht auf Norwegen verändert?
Emma Martinovic: "Es hat mir wirklich ein bisschen die Augen geöffnet. Ich habe verstanden, dass wir wirklich ein Problem mit Leuten haben, die jede Menge Hass in die Welt tragen. Die empfinden so viel Wut auf Menschen, die sie noch nie getroffen haben.  Es macht mir Angst, dass es so viele Leute gibt, die Breivik und seine Ideologien unterstützen. Und all die politischen Ansichten, die er vertritt. Ich glaube, dass wir die Liebe vergessen haben, von der nach Utøya so viel die Rede war. Der Hass blüht mehr denn je. Wir haben vergessen, wie wir einander die Hände reichten. Ich sage nicht, dass dies die Antwort auf alles ist. Aber Norwegen hat sich verändert. Es ist ein wenig kälter geworden."
Wie sollte die Gesellschaft mit der Bedrohung durch den Terror umgehen?
Emma Martinovic: "Ich glaube, dass Terror nicht einfach so passiert. Ich denke, dass es etwas gibt, das es erst möglich macht. Wir Menschen müssen herausfinden, was die Ursachen sind. Warum passiert das? Warum glauben so viele Menschen, dass dies der einzige Weg sei, Aufmerksamkeit für ihre Ansichten zu bekommen?"


Was bedeutet die Insel Utøya heute für Sie?


Emma Martinovic: "Es ist ein besonderer Ort. Ein Ursprung von Demokratie und politischem Denken und Liebe. Wo wichtige politische Fragen ans Licht kommen. Es ist nun auch ein Ort, an dem etwas Schreckliches passiert ist. Ein Mann dachte, er könne die Insel töten. Aber das ist ihm nicht gelungen. Wir haben sie uns zurückgeholt. Sie gehört uns."
Emma hat auf Utøya zehn Freunde verloren.
Emma Martinovic: "Der beste Weg, sich an die Toten zu erinnern, ist, dorthin zurückzugehen. Wieder zu singen, wieder zu tanzen und wieder über Politik zu sprechen." 
Die Tochter bosnischer Kriegsflüchtlinge und weiter aktives Mitglied der norwegischen Arbeiterpartei. Mutter zu werden war für Emma Martinovic auch eine Antwort auf Breiviks Tat.
Emma Martinovic: "Die Gene, die ich an meine Kinder weitergebe ... Das sind die Gene, über die er gesprochen hat. Die Gene, die es nicht verdient haben sollen, in Norwegen zu leben. Also, bitte schön: Hier sind noch zwei Migrantenkinder mehr. Noch zwei Menschen mehr mit muslimischen Wurzeln."
Sobald ihre Kinder alt genug sind, will die 26-Jährige mit ihnen nach Utøya fahren.
Emma Martinovic: "Sie sollen verstehen, dass die Freiheit, die wir in Norwegen haben, nicht etwas ist, das man im Laden um die Ecke kaufen kann."
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Im Jahr 2011 hat Anders Behring Breivik auf Utøya 69 Menschen erschossen. Emma Martinovic ist als Leiterin einer Jugendgruppe auf der Insel, als Breivik das Feuer eröffnet. Sie überlebt leicht verletzt. Bis heute fühlt sie sich in ihrem Land nicht sicher.

Utøya, 22.07.2011: Die ersten Jugendlichen, die den Attentäter sehen, gehen noch auf ihn zu und sprechen ihn an. Schließlich trägt er eine Polizeiuniform. Das weckt Vertrauen. Dann beginnt der blonde Mann aus seinem Sturmgewehr auf die Camper im Sommerlager der norwegischen Arbeiterpartei zu schießen. Manche richtet er aus nächster Nähe hin.

Emma Martinovic hört die Schüsse und erkennt den Ernst der Lage. Sie treibt die Mitglieder ihrer Jugendgruppe zum Strand und treibt sie ins Wasser. Der Attentäter schießt ihnen noch hinterher, doch das sind sie schon weit draußen im Fjord. Andere haben nicht so ein Glück. 69 Menschen sterben an diesem Tag auf der Insel, zehn davon sind Emmas Freunde. 66 werden verletzt. Über 650 bleiben unverletzte aber traumatisiert zurück.

Auch ihr macht das Trauma noch jahrelang zu schaffen. Heute sagt Emma Martinovic: Mutter zu werden habe ihr geholfen, den Terror hinter sich zu lassen.


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