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Terror von Nizza Mutter und Tochter werden vom Lkw des Attentäters überrollt – sie überleben nur mit viel Glück





Hager Ben Aouissi: "Als ich mich dazu entschieden habe, mich unter den Truck zu werfen, um Kenza zu beschützen, habe ich gedacht: Entweder habe ich Glück und werde überleben oder sie finden sie unter meiner Leiche. Aber ich werde sie beschützt haben."
14. Juli 2016: Am französischen Nationalfeiertag fährt ein Attentäter mit einem Lkw durch eine Menschenmenge in Nizza. Tausende Menschen flanieren an diesem Sommerabend auf der Promenade des Anglais, Nizzas palmenbestandener Prachtstraße am Meer. Hager Ben Aouissi steht mit ihrer vierjährigen Tochter Kenza an einem Süßigkeitenstand, als sie den Truck auf sich zurasen sieht. Sie reagiert instinktiv und wirft sich schützend über das kleine Mädchen.
Hager Ben Aouissi: "Wir konnten nicht wegrennen, der Lkw war zu schnell. Ich konnte nicht nach rechts ausweichen, weil da die ganzen Stände waren. Hinter mir standen Menschen in einer Schlange an. Also die einzige Lösung zu diesem Zeitpunkt war ... Ich habe kurz gecheckt, ob der Truck hoch genug ist und dann habe ich mir gesagt, dass ich meine Tochter mit meinem Körper beschützen und mich mit ihr unter den Truck werfen muss."
Der Laster überrollt sie. Die Mutter erleidet eine leichte Schnittverletzung am Ohr, das kleine Mädchen bleibt unverletzt.
Hager Ben Aouissi: "Wir waren die einzigen, die wieder aufgestanden sind. Und das bedeutet ... Ich meine, was das Kind an diesem Abend gesehen hat, darüber käme niemand hinweg. Da waren Menschen ohne Gliedmaßen ... da waren ... naja. Und da ich am Ohr verletzt war, eine Verletzung am Kopf, habe ich stark geblutet. Ich war voller Blut. Das erste, was Kenza gesehen hat, war, dass ich blutete wie die anderen auch."
Das Trauma jenes Sommerabends mit 86 Toten und mehr als 400 Verletzten wirkt bis heute nach.
Hager Ben Aouissi: "Alles hat sich verändert. Wir gehen nicht mehr raus. Wir gehen nicht mehr auf die Promenade des Anglais. Früher sind wir da sonntags immer joggen gegangen. Es gibt bestimmte Orte, die wir meiden. Sobald wir eine Polizei- oder Feuerwehrsirene hören ... Wir kommen heute schon besser damit zurecht, aber es bleibt ein stressiges Gefühl."
Wie geht es Kenza heute?
Hager Ben Aouissi: Sie kann nicht alleine schlafen, also schläft sie bei mir. Aber sie akzeptiert, dass ich sie neben mich lege. Sie schläft schon viel besser als früher. Aber sie hat jede Nacht Albträume. In den vergangenen zwei Jahren haben wir den Mittagsschlaf wieder eingeführt  – bis letzten Sommer. Ihre Albträume sind so intensiv, dass sie ins Bett macht. Wenn sie ein Motorrad sieht, das auf den Bürgersteig fährt, pinkelt sie sich in die Hosen.
In ihrem ersten Schuljahr war es sehr schwer, Kenza zur Grundschule zu bringen. Wir wohnten noch nicht nebenan, also mussten wir die Straßenbahn nehmen. Wir sind immer am Platz der Freiheit vorbeigekommen. Dort findet jeden Morgen ein Markt statt. Dort gibt es viele Lkw, die den Markt beliefern. Immer wenn wir dort vorbeikamen, bekam Kenza große Angst und fing an zu schreien. Also habe ich eine Wohnung direkt gegenüber der Schule versucht zu bekommen. Dort leben wir seit anderthalb Jahren, weil der Weg zur Schule nicht mehr zu bewältigen war.
Der Attentäter hatte tunesische Wurzeln und war Muslim, wie Sie auch. Viele Europäer bringen den Islam heute mehr denn je mit Terror in Verbindung. Wie erklären Sie das Ihrer Tochter?
Hager Ben Aouissi: "Für sie hat das nichts mit Religion zu tun. Sie ist nie davon ausgegangen, dass es sich um ein Problem handelt, das mit Religion in Verbindung gebracht wird. Ich rede aber viel mit ihr über dieses Thema. Zu Karneval hat ein kleiner Junge in ihrer Schule Konfetti in die Luft geworfen und dabei Allahu Akbar gerufen hat. Dafür wurde er bestraft. Also fragte sie mich: 'Aber Mama, Opa sagt auch Allahu Akbar, wenn er betet. Warum wurde der Junge bestraft?' Da habe ich zu ihr gesagt: 'Weißt du, Kenza, die bösen Terroristen, die Terroristen sagen das, wenn sie böse Dinge tun.'"
Hager Ben Aouissi und ihre Tochter leben weiter in Nizza. Die 34-Jährige arbeitet als Präventions-Spezialistin in der Maison des Victims, einem Zentrum für Terror-Überlebende, das die Stadt nach dem Anschlag vom 14. Juli 2016 gegründet hat. Seit dem vergangenen Jahr kann Kenza wieder zum Unterricht gehen, ohne dass ihre Mutter im Schulgebäude bleibt
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Vor drei Jahren rast ein Attentäter mit einem LKW auf eine Menschenmenge in Nizza. Hager Ben Aouissi steht mit ihrer Tochter Kenza auf der Promenade des Anglais, als der Terrorist auf sie zurast. Sie reagiert instinktiv und wirft sich schützend über das Mädchen. Im Interview spricht sie über ihr Leben nach dem Überleben.

Nizza, 14.07.2016: Das Feuerwerk zum Nationalfeiertag ist gerade vorbei, als der Attentäter den 19-Tonner in die Menge der Flaneure auf der Promenade des Anglais steuert. Tausende genießen den festlichen Sommerabend auf Nizzas palmenbestandener Prachtstraße am Mittelmeer.

Sie wirft sich schützend über ihre damals vierjährige Tochter. Sie werden überrollt. Abgesehen von einer Schnittwunde am Ohr der Mutter bleiben beide unverletzt. Um sie herum sterben 86 Menschen, mehr als 400 werden verletzt.

Seither leider das kleine Mädchen jede Nacht unter Albträumen. Schlaf findet sie nur im Bett der Mutter. Wenn sie Lkw-Geräusche hört, nässt sie sich ein.


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