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Meinung

Donald Trump vs. Barack Obama: Konflikt der ungleichen Präsidenten eskaliert: Obama hat das, was Trump immer wollte

An Barack Obama arbeitet sich Donald Trump schon seit Jahren ab. Doch nun kann und will der Ex-Präsident nicht mehr schweigen und teilt gegen seinen Nachfolger aus. Ein Duell der Präsidenten im Wahljahr mit ungewissem Ausgang.

Barack Obama und Donald Trump üben öffentlich Kritik aneinander.

Jahrelang ist Barack Obama ruhig geblieben. Dreieinhalb lange Jahre. Dreieinhalb lange Jahre hat er sich an die unausgesprochene Regel gehalten: Du kritisierst andere US Präsidenten nicht persönlich. Ihr Präsidenten bildet einen Bund, Demokraten wie Republikaner. 

Obamas Freunde unter den Vorgängern 

Barack Obama hat zu Bill Clinton und Jimmy Carter einen guten Draht, aber auch zu seinem direkten Vorgänger George W. Bush, von dem er politisch meilenweit entfernt liegt. Die beiden sind – trotz ihrer Unterschiede – sogar Freunde geworden.

Obama hat es auch mit Donald Trump versucht, obwohl der sich nie an die Regel gehalten hat. Obwohl Trump ihn in einer Tour kritisiert, erst jetzt wieder – als "komplett inkompetent". Aber Trump attackiert auch Bill Clinton. Und George W. Bush. Sogar George Bush Senior, als der noch lebte.

Es hat etwas Besessenes, wie Trump gegen Ex-Präsidenten austeilt, Demokraten wie Republikaner.

Nun eskaliert der Konflikt zwischen den beiden ungleichen Männern, und er wird die Amerikaner bis zur Wahl im November begleiten. Obama hat eine Entscheidung getroffen: Er kann nicht länger stillhalten. Er kann sich nicht an die Regel halten, seinen Nachfolger nicht persönlich zu kritisieren. Es geht um zu viel, um die Zukunft des Planeten, um die Seele Amerikas, um das Krisenmanagement in der historischen Coronakrise (Obama: "ein absolut chaotisches Desaster") – und um den Rechtsstaat, wie Obama bei seiner Rede an Studenten warnte: Die Trump-Regierung ist dabei, rechtsstaatliche Prinzipien aus den Angeln zu heben.

Rede für Universitätsabsolventen: Obama kritisiert "Verantwortliche" - und stichelt heimlich gegen Trump

Es geht Obama auch um seinen Vizepräsidenten und Freund Joe Biden, der von Trump und seinen Leuten wahlweise als "Sleepy Joe" und "Beijing Biden" bezeichnet wird oder – wie jetzt von Trumps Sohn Donald Junior – in die Nähe eines Pädophilen gerückt wird. So wird der Wahlkampf 2020 verlaufen: Eine nie dagewesene Schlammschlacht. Da kann Obama nicht schweigen.

Trump zerstört seine Errungenschaften

Er hat viel ertragen müssen: Dass Trump seine politische Karriere mit der Lüge begann, er – Obama – sei kein Amerikaner (Trump: "Er hat keine Geburtsurkunde. Vielleicht hat er eine, aber irgendwas steht auf der Geburtsurkunde, vielleicht seine Religion, vielleicht ist er ein Muslim.") Dass die Errungenschaften seiner Präsidentschaft von Trump schrittweise zerstört wurden: Klimaschutz, Krankenversicherung für alle, gerechtere Steuerpolitik, Verbesserung für Minderheiten, Atomvertrag mit dem Iran, strengere Umweltauflagen für die Industrie. 

Obama sieht heute ein Land, in dem Amerikas Ursünden – Rassismus, Komplotte, Verschwörungstheorien – direkt aus dem Weißen Haus kommen. 

Trump freut sich auf den Zweikampf. Obama ist für ihn stets eine Obsession gewesen, spätestens seitdem der damalige Präsident ihn öffentlich vorgeführt hat, beim Festakt der White-House-Korrespondenten 2011. Damals machte sich Obama über den im Publikum anwesenden Trump lustig, auch über dessen politische Ambitionen und ein Weißes Haus, das dann goldene Säulen und einen Golfplatz bekommen würde. (Wie alle Politiker und Journalisten, hat auch Obama Trumps politisches Gespür und agitatorische Fähigkeiten auf fatale Weise unterschätzt).

3000 Tweets über Obama in zehn Jahren

So viel Häme hat Trump nie verwunden. Seitdem kann er nicht anders, als gegen seinen Vorgänger zu wettern. In zehn Jahren hat er fast 3000 Tweets über Obama abgesetzt. Jetzt hat er "Obamagate" kreiert, einen angeblichen Skandal, den sein Propagandasender Fox News täglich befeuert: Obama und sein Team hätten sich des "Deep State" bedient – Washingtons Beamtenapparats – um Trump den Russlandskandal in die Schuhe zu schieben.

Das Manöver ist allzu durchschaubar: Je größer die Kritik an Trumps Krisenmanagement in der Coronakrise wird, desto verzweifelter sucht der Präsident nach anderen Schlachtfeldern und Pseudoskandalen. 

Mann von der Sorte Trump fast ausgestorben

In seinem Verhältnis zu Obama offenbart Trump das typische Gebaren eines Mannes mit schweren Minderwertigkeitskomplexen. Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen, (von dem Trump ernsthaft glaubt, er stünde ihm zu), Obama hatte mehr Zuschauer bei seiner Amtseinführung (was Trump versuchte, im Nachhinein zu verfälschen), Obama ist ein moderner Mann, ein guter Vater, humorvoll, sportlich, schlank, belesen.

Trump repräsentiert jene Sorte Mann, von der man glaubt, sie müsse längst ausgestorben sein: chauvinistisch, rachsüchtig, neidisch, frauenfeindlich, machtgeil, Sprüche klopfend – ein alter Bock mit falschen Haaren und getönter Gesichtshaut, der sich daran aufgeilt, wenn ihm Rassisten zujubeln.

Obama hat das, was Trump immer wollte und nie bekommen wird: Respekt. So lautet der Wahlkampf ab jetzt nicht nur: Trump versus Biden, sondern auch Trump versus Biden/Obama. Wem das am Ende hilft? Die Prognose ist schwerer, als man glauben mag.