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Krieg in der Ukraine Sabotage, Attentate, Propaganda: In den russisch besetzten Gebieten wächst der Widerstand

Russische Soldaten bewachen einen Eingang des Wasserkraftwerks Kachowka am Dnjepr im Süden der Ukraine (Archivbild)
Russische Soldaten bewachen einen Eingang des Wasserkraftwerks Kachowka am Dnjepr im Süden der Ukraine (Archivbild)
© DPA
Russland hat in besetzten Gebieten in der Ukraine eigene Verwaltungen eingesetzt und will sie langfristig annektieren. Doch ukrainische Partisanen und Guerillaaktionen machen den Kremltruppen schwer zu schaffen.

Nach den gewaltigen Explosionen auf der russischen Luftwaffenbasis Saki kursieren Gerüchte, ukrainische Partisanen könnten hinter dem Zwischenfall auf der seit 2014 annektierten Halbinsel Krim stecken. Ursache für die Detonationen sei tatsächlich ein Angriff der Ukraine gewesen, sagte ein namentlich nicht genannter ranghoher ukrainischer Militär der "New York Times". Dabei hätten auch Partisanen, die loyal zur Ukraine stehen, eine Rolle gespielt. Auch der Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Olexij Arestowytsch, sprach inoffiziell von einem Angriff und erwähnte den möglichen Einsatz von Partisanen.

Fachleute sind da eher skeptisch: Der Militärexperte Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärte im ZDF, er halte einen Sabotageakt oder eine Kommandoaktion der ukrainischen Streitkräfte auf der Krim für unwahrscheinlich. Auch Bundeswehrgeneral a.D Eugen Rams mag nicht an Sabotage glauben, schließlich stünde das Gebiet seit acht Jahren unter russischer Kontrolle, sagte er der "Welt".

Attentate, Sabotage und Propaganda gegen die Besatzer

Über die tatsächlichen Hintergründe der Explosionen darf also weiter gerätselt werden. Klar ist aber, dass sich die russischen Besatzer im Südosten der Ukraine wachsendem Widerstand ausgesetzt sehen. "Guerillakräfte, die loyal zu Kiew stehen, töten prorussische Beamte, sprengen Brücken und Züge in die Luft und helfen dem ukrainischen Militär, indem sie wichtige Ziele ausmachen", berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Das untergrabe die Kontrolle des Kremls über die besetzten Gebiete und bedrohe seine Pläne, in verschiedenen Städten Referenden abzuhalten, um eine Annexion durch Russland zu erreichen.

Während die Kämpfe in den benachbarten Regionen Cherson und Saporischschja heftiger würden, fände seit Wochen ein Guerillakrieg mit Sabotage, Attentaten, Propaganda- und Desinformationskampagnen statt, der offenbar darauf abziele, die russische Kontrolle zu untergraben, meldet auch das von den USA finanzierte Radio Free Europe. Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums und des militärischen Geheimdienstes hätten eingeräumt, dass Guerillagruppen in den besetzten Gebieten operierten.

So sollen ukrainische Partisanen in dem von russischen Truppen eroberten Gebiet Luhansk gerade erst zwei Kollaborateure in einem Auto beschossen und verletzt haben. Es handele sich um den Bürgermeister der Stadt Bilowodsk und dessen Stellvertreterin, schrieb der ukrainische Gouverneur des Gebiets, Serhij Hajdaj, am Donnerstag auf Telegram. In der ebenfalls besetzten Stadt Cherson im Süden wurde der Leiter der regionalen Besatzungsverwaltung, Wladimir Saldo, vor wenigen Tagen zunächst mit dem Verdacht auf Herzinfarkt und Schlaganfall in ein Krankenhaus eingeliefert. Später erklärten die Ärzte, dass er mutmaßlich vergiftet worden sei. Saldo, dem es mittlerweile wieder besser geht, gilt als eines der Hauptziele ukrainischer Partisanenaktivitäten.

Am 24. Juni explodierte eine Bombe in einem Auto, in dem Dmytro Sawlutschenko saß, der in Cherson ein lokales Regierungsbüro für Jugend und Sport leitete. Sawlutschenko, der von ukrainischen Medien als "einer der bekanntesten lokalen Kollaborateure" bezeichnet wurde, kam Berichten zufolge bei dem Anschlag ums Leben.

Zwei Tage zuvor war ein Auto, in dem der Leiter eines Vorstadtbezirks außerhalb Chersons saß, auf eine Landmine gefahren und von Schrapnellen durchlöchert worden. Der Leiter, Jurij Turulow, kam mit leichten Verletzungen davon, wie die russischen Staatsmedien berichteten. Er war zuvor in einem Video des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU gewarnt worden, dass er als "Kollaborateur" betrachtet werde.

Krim-Explosionen: “Dieser Schlag hat Russland schwer getroffen“

Bereits im Mai wurde der von den russischen Besatzungstruppen eingesetzte Bürgermeister der Kleinstadt Enerhodar, Andrij Schewtschik, bei einem Sprengstoffanschlag vor dem Wohnhaus seiner Mutter schwer verletzt. Eine Woche später explodierte eine Autobombe vor dem Büro eines anderen von Russland ernannten Beamten in der besetzten südlichen Stadt Melitopol, etwa 120 Kilometer von Enerhodar entfernt.

Es liege in der Natur der Sache, dass die geheimen Aktivitäten von Aufständischen undurchsichtig sind und oft nicht unabhängig überprüft werden können, schrieb die "New York Times" nach den Anschlägen. Die Ukraine sei daran interessiert, das Gerede über eine Rebellion hochzuspielen, und die Russen seien daran interessiert, es herunterzuspielen. Das Attentat von Enerhodar sei jedoch einer von mehr als einem Dutzend aufsehenerregenden Anschlägen in den letzten Wochen, die Analysten zufolge auf verstärkte Partisanenaktivitäten gegen die russischen Besatzungstruppen in den Regionen Cherson und Saporischka in der Südukraine hindeuteten.

Ukraine veröffentlicht Anweisungen für russische Deserteure

Zu diesen Aktivitäten gehört auch die Verbreitung von Propaganda. So wurde Cherson nach AP-Angaben mit Flugblättern überschwemmt, in denen die von Moskau unterstützten Beamten bedroht wurden. Als ukrainische Truppen mit einem von den USA gelieferten Himars-Mehrfachraketenwerfer eine für Russland strategisch wichtige Brücke über den Dnjepr in der besetzten Stadt beschädigten, seien kurz zuvor Flugblätter aufgetaucht mit der Botschaft: "Wenn Himars es nicht schafft, wird ein Partisan helfen."

Auch an Laternenpfählen, Bushaltestellen und Hauseingängen wurden Botschaften angebracht, wie Radio Free Europe berichtet. Auf einem Plakat hieß es demnach, "Russen! Wir werden euch in ... verwandeln", darunter ein Bild von Hackfleisch. Auf einem anderen habe gestanden: "Willst du leben? Gib auf!". Daneben habe sich ein QR-Code befunden, der zu einer Website der ukrainischen Regierung führte, auf der genaue Hinweise zu finden seien, wie man sich einem ukrainischen Soldaten nähere, um sich zu ergeben. "Wir haben Anweisungen für diejenigen vorbereitet, die nicht für ihr Heimatland kämpfen wollen", heiße es dort.

"Unser Ziel ist es, den russischen Besatzern das Leben unerträglich zu machen und ihre Pläne mit allen Mitteln zu durchkreuzen", zitiert AP Andriy, einen Koordinator der Guerillabewegung in der südlichen Region Cherson. Der 32-Jährige ist dem Bericht zufolge Mitglied der Widerstandsgruppe Zhovta Strichka (Gelbes Band) und sprach mit der Nachrichtenagentur unter der Bedingung, anonym zu bleiben, um nicht von den Russen aufgespürt zu werden.

Zhovta Strichka hat ihren Namen von einer der beiden ukrainischen Nationalfarben, und ihre Mitglieder verwenden Bänder in diesem Farbton, um potenzielle Ziele für Guerillaangriffe zu markieren. "Wir geben dem ukrainischen Militär genaue Koordinaten für verschiedene Ziele, und die Hilfe der Partisanen macht die neuen Langstreckenwaffen, insbesondere Himars, noch leistungsfähiger", erklärte Andriy der AP. "Wir sind hinter den russischen Linien unsichtbar, und das ist unsere Stärke."

Quellen: Associated Press, Radio Free Europe, "New York Times I", "New York Times II"

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