VG-Wort Pixel

Krieg in der Ukraine So funktioniert das Einschleusen russischer Soldaten


Systematisch soll das russische Militär seine Soldaten in die Ukraine schmuggeln - mit einer ausgeklügelten Taktik, so die Zeitung "Kommersant". Als "Donbass-Indianer" kämpfen sie dort gegen Kiew.
Von Ellen Ivits

Die jungen Männer heißen Mischa, Alesha, Artem und Dima. Sie sind 20 bis 23 Jahre alt und kommen aus den verschiedensten Winkeln Russlands. Auf den ersten Blick hätten sie nur wenig gemeinsam, schreibt der russische Korrespondent Ilja Barabanov von der Zeitung "Kommersant". Doch bis vor Kurzem sollen die jungen Männer alle in der russischen Armee gedient haben. Und nun würden sie an der Seite von pro-russischen Rebellen im Donbass kämpfen. So berichtet der Reporter direkt aus der umkämpften Region.

Aber wie kommen russische Soldaten in die Ostukraine? Schließlich hat Moskau die Vorwürfe, Streitkräfte und Waffen über die ukrainische Grenze zu schicken, stets abgestritten. Wie die Recherchen des "Kommersant"-Journalisten jedoch ergeben ergeben, schleust das russische Militär anscheinend mit einer ausgeklügelten Methode seine Truppen nach Donezk, Lugansk oder Debalzewe. Dem Bericht zufolge, werde den Soldaten zunächst eingeredet, dass sie nur durch ihren Einsatz an der Front den Krieg in der Ukraine stoppen und nur so ihre russische Heimat verteidigen könnten. Anschließend werde ihnen nahegelegt, sich von ihrem Dienst beurlauben zu lassen und sich den Separatisten im Donbass anzuschließen. Dazu gezwungen werde keiner, doch dank gezielter Propaganda-Arbeit würden genug Freiwillige zur Verfügung stehen.

Von Soldaten zu "Donbass-Indianern"

"Die Logik der Kriegsführung der letzten Monate ist einfach: In die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk reisen zum Kampf diejenigen an, die das Kriegshandwerk tatsächlich beherrschen", schreibt der "Kommersant". Es seien genau diese beurlaubten russischen Profisoldaten, die die Kampfeinsätze ausführen, sich aber danach wieder zurückziehen. Die von ihnen eroberten Städte, Stützpunkte und Checkpoints würden anschließend mit ukrainischen Separatisten besetzt werden, die dann mit Freuden Journalisten über ihr früheres Bergarbeiter-Dasein berichten würden.

"Man könnte wirklich für einen Augenblick glauben, dass sich für den Kampf mit der 'Militärjunta' ausschließlich Einheimische erhoben haben. Doch einer verplappert sich immer", heißt es in dem Bericht weiter. "Donbass-Indianer" würden die lokalen Bewohner die russischen Soldaten nennen. Sie sollen auch den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt Debalzewe eingenommen haben. Spätestens dann, wenn das nächste Ziel der Separatisten feststehen würde, "werden überall im Land wieder die Propaganda-Offiziere losziehen und ihre ideologischen Predigten halten, wie wichtig es ist, den freiheitsliebenden Donbass gegen die Aggressionen des Westens zu verteidigen", schreibt die russische Tageszeitung, die zu den angesehensten Blättern Russlands zählt.

Drei Fliegen mit einer Klappe

Bevor die "Donbass-Indianer" sich in die Ostukraine begeben, würden sie alle den Dienst in der russischen Armee quittieren. Auch Mischa, Alesha, Artem und Dima hätten sich freistellen lassen. "Wenn einer dieser Jungs beim Sturm auf Debalzewe kein Glück hatte, dann war es bloß ein Freiwilliger, der zum Zeitpunkt seines Todes keinerlei Bezug zu den russischen Streitkräften hatte", heißt es weiter.

Was der Reporter mit diesen Worten andeutet: Wenn die russischen Soldaten auf Urlaub sterben oder gefangen genommen werden, so tun sie dies als Privatpersonen und nicht als Angehörige der russischen Armee. Auf diese Weise würde es das russische Militär einerseits vermeiden, reguläre Armeeeinheiten in die Ukraine schicken zu müssen. Zugleich würden die Rebellen von dem Knowhow der russischen Soldaten profitieren. Und offiziell befinden sich auch weiter keine russischen Truppen in der Ostukraine.

"Wird diese 'Dienstreise' lange dauern, oder ist sie unbefristet? Bis ihr zurückbeordert werdet, vielleicht?", fragt der Reporter zum Schluss die jungen Soldaten. "Das entscheiden wir selbst. Ich persönlich will hier entweder bis zum Ende des Krieges oder bis zu meinem letzten Atemzug bleiben", sagt einer von ihnen. Warum? Seine Antwort: "Uns wurde erklärt, dass wir hier den Krieg stoppen können." Aber den Krieg stoppen, könne man nur, wenn alle von den Panzern steigen und nach Hause zurückkehren würden, oder zumindest aus dem Nachbarland in das eigene, so der "Kommersant"-Reporter.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker