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Interview

Wahl in Österreich: FPÖ-Chef Strache: "Sebastian Kurz hat mich nachgemacht"

Der rechte FPÖ-Chef Heinz-Christan Strache gilt als Königsmacher der kommenden österreichischen Regierung. Mit dem stern sprach er über persönliche Entwicklungen, seinen Abend mit Jürgen Trittin und Ratschläge an die AfD.

Interview: David Baum

Österreich wählt: Die FPÖ von Heinz-Christian Strache lag in den Umfragen über Monate vorn. Dann kam Sebastian Kurz.

Österreich wählt: Die FPÖ von Heinz-Christian Strache lag in den Umfragen über Monate vorn. Dann kam Sebastian Kurz.

Herr Strache, der 31-jährige Sebastian Kurz könnte am kommenden Sonntag zum Kanzler der Republik Österreich gewählt werden. Teilen Sie die Analyse, dass sein Erfolg damit zusammenhängt, dass er ihre Politik mit menschlichem Antlitz vertritt?

Natürlich hat sich Herr Kurz sehr genau angeschaut, was unsere Erfolge ausmacht. Ich glaube aber, dass es nicht authentisch ist – und das merken die Leute. Es gehört für mich seit Jahren zu einem Wahlkampfauftritt, dass ich mir danach Zeit nehme, für Selfies zur Verfügung stehe, den persönlichen Kontakt suche. Sebastian Kurz hat das nachgemacht, inzwischen höre ich, dass er dessen schnell müde geworden ist.

Wer ist für Sie der authentische Sebastian Kurz?

Ich erinnere mich an den Wahlkampf 2010, als er in Wien mit einem Geländewagen herumgefahren ist, dem so genannten "Geilomobil", und "Schwarz ist geil" plakatiert hat. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, so peinlich war das. Ich fürchte, dass das der echte Kurz gewesen ist. Heute wirkt er auf mich wie eine einstudierte Figur, die einen großen Beraterstab unterhält. Politische Täuschungen halten nicht sehr lange, das ist keine nachhaltige Strategie. Schauen Sie sich nur Macron in Frankreich an, oder Rutte in den Niederlanden. Der eine ist in den Umfragen weit abgestürzt, der andere hat immer noch keine Regierung zustande gebracht.

Jahrelang hat die FPÖ die Umfragen angeführt, wie sicher waren Sie sich bereits, Kanzler zu werden?

Dazu bin ich zu lange im Geschäft. Ich weiß, dass Kaffeesudleserei nichts bringt. Natürlich ist es ein Ziel von uns, so stark wie möglich zu werden. Aber bedenken Sie, dass wir vor zwölf Jahren, nachdem Jörg Haider die Partei gespalten hatte, bei nur drei Prozentpunkten gelegen sind. Mein Ziel damals war, diese Partei zu retten, sie weiterhin als Faktor in diesem Land zu halten. Das ist uns mehr als gut gelungen. Es wäre vermessen, den Anspruch auf Platz eins zu erheben. Das entscheiden die Österreicher am Wahltag.

Ein FPÖ-Kanzler hätte zu einem Aufschrei in Europa geführt. Ist es sogar komfortabler, als Juniorpartner in eine Regierung zu gehen?

Das ist noch lange nicht ausgemacht, ob die beiden Parteien nach dem Wahltag nicht doch zusammen weitermachen.

Das Verhältnis zwischen Sozialdemokraten und Volkspartei gilt als nachhaltig zerrüttet, man will sich gegenseitig verklagen. Das klingt nicht nach einer hoffnungsvollen Zusammenarbeit.

Das Tischtuch zwischen Bundeskanzler Kern und Außenminister Kurz ist zerschnitten, aber wir kennen diese beiden Parteien. Dann kommen eben neue Köpfe und machen weiter. Dazu gibt es den grünen Bundespräsidenten, der unsere demokratischen Grundprinzipien infrage stellt.

... weil er möglicherweise freiheitliche Kandidaten für Ministerämter nicht vereidigen will.

Da sollte es einen Aufschrei in Europa geben, wenn ein Bundespräsident autoritär spielt und demokratische Realitäten nicht anerkennt. Der Wille zum Regieren ist da, aber nur wenn wir uns treu bleiben können. Wir wollen keine Ämter um des Selbstwillens.

Ihr Wahlkampf verlief vergleichsweise moderat. Statt "Daham statt Islam" wie zuletzt, plakatierten sie den Slogan "Fairness für Österreicher". Haben sie sich absichtlich zurückgenommen, um dem Bundespräsidenten keine Argumente zu liefern?

Auch wir entwickeln uns weiter. Wir sind seit zwölf Jahren Themenführer. Unsere Mitbewerber hingegen haben uns als Hetzer und Angstmacher hingestellt und die Probleme und Krisen erst zugelassen. Dabei sind wir heute der verlässliche politische Partner in Österreich, mit mir als dem meist erfahrenen Parteichef. Die Gelassenheit kommt ganz gut an. Ich fechte heute gerne öfter mit dem Florett, statt mit dem Bihänder.

Insgesamt ist dieser Wahlkampf zu einer beispiellosen Schlammschlacht geraten.

Die anderen Parteien haben sich auf Wahlkampfmanager aus dem Ausland verlassen, das sind Söldner, denen alles egal ist. Wir haben mit Herbert Kickl den besten Wahlkämpfer Österreichs in der Partei. Das ist der Unterschied und unsere Stärke. Ich glaube nicht daran, dass man eine Wahl nur mit einem guten Spitzenkandidaten gewinnen kann, oder nur mit einem guten Wahlkampfmanager, es kommt auf die gesamte Mannschaft an und da stehen wir sehr gut da, nicht zuletzt mit Norbert Hofer.

... der vergangenes Jahr beinahe Bundespräsident geworden wäre, aber eben nur beinahe.

Dann empfehle ich Ihnen, den ganzen Wahlkampf zu betrachten. Zu Beginn hieß es, Hofer wäre ein uninteressanter aussichtsloser Kandidat mit einem Potenzial bei acht Prozent. Zwei Wochen später lag er bei 35 Prozent.

Die AfD, die sich als Pendant der FPÖ in Deutschland sieht, gilt als Problempartei, die ständig Skandale produziert, sich fortwährend spaltet.

... das sind Geburtswehen. Und die können froh sein, dass die Spaltungen jetzt am Anfang passieren. Es ist wichtig, dass man als Parteispitze allen Lagern signalisiert dass es einen Platz für sie gibt, aber alle für den gemeinsamen Erfolg eintreten und kämpfen müssen. Wir haben von allen Parteien den besten Corpsgeist, sind eine gewachsene Partei. Ich bin als Obmann ins kalte Becken gesprungen, nicht untergegangen, sondern habe schwimmen gelernt. In Europa arbeiten wir sehr gut mit der ungarischen Fidesz zusammen, der Partei des Ministerpräsidenten Viktor Orban.

Das überrascht wenig. Aber würde man Sie als Regierungsmitglied in anderen europäischen Ländern willkommen heißen?

Da sehe ich kaum Probleme. Als ich bei Maischberger in der Talkshow eingeladen war, haben wir im Anschluss bis in die Morgenstunden mit Jürgen Trittin diskutiert. Köstlich war das. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, ihn zu fragen, wie es ihm als Linken auf der Bilderbergerkonferenz gefallen hat. Ein hochinteressanter Mann übrigens.

Wie lautet ihre Prognose für den Sonntag?

Ich sage Ihnen voraus, dass wir am Sonntag alle gescheiter sein werden. Eines steht fest: Man kann uns verzögern, aber verhindern kann man uns nicht. 

Interview: David Baum