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Geopolitik Der Fluss Mekong als Waffe: Wie China 70 Millionen Menschen das Wasser abdreht

Ein Blick auf den ausgetrockneten Mekong in Thailand 2019, nachdem China extrem viel Wasser zurückhielt
Ein Blick auf den Mekong in Ubon Ratchathani, Thailand 2019. Nachdem China massenweise Wasser zurückhielt, trocknete der Fluss stellenweise fast aus.
© Zhang Keren/ / Picture Alliance
Der Mekong ist für 1,6 Milliarden Menschen in Südostasien überlebenswichtig. China nutzt diese Abhängigkeit aus. Das Reich der Mitte hat erkannt, dass Wasser eine Waffe sein kann. Und nutzt sie.

"Die Mutter allen Wassers" – so wird der mächtige Fluss Mekong genannt. Er ist der drittgrößte Wasserstrom Asiens und eines der größten Binnengewässer der Erde. Ein großer Teil des Kontinents ist von ihm abhängig. Als Trinkwasserquelle, Transportweg und nicht zuletzt, um in ihm zu fischen. Noch vor zehn Jahren versorgte der Fluss die Länder Myanmar, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam zuverlässig mit genügend Wasser. Doch mittlerweile ist der reißende Strom an vielen Orten zu einem Rinnsal geworden. Ganze Landstriche sind ausgetrocknet, Fische gibt es so gut wie keine mehr, Landwirtschaft ist fast unmöglich geworden. 

Doch anders als in Europa, das in diesem Sommer von einer historischen Dürre heimgesucht wird, haben klimatische Veränderungen wenig mit der Austrocknung des Flusses zu tun. Der Grund hierfür liegt in Peking: die Regierung der kommunistischen Partei Chinas

China nutzt den Fluss Mekong als Waffe

Der Mekong hat seinen Ursprung im Tibetischen Plateau. Es ist hinter Arktis und Antarktis das drittgrößte Eisfeld der Erde. China sieht dies als sein Staatsgebiet an. Und somit erhebe das Land den Besitzanspruch für jeden Liter Wasser, der aus der Hochebene entspringt, erklärt China-Korrespondentin Tamara Anthony im ARD-Format "Atlas". Die wichtigsten zehn Flüsse auf dem asiatischen Kontinent haben ihren Ursprung im Tibetischen Plateau. Lange Zeit war dies kein Problem – genug Wasser war und ist eigentlich für alle da. Doch seit Ende der 1990er Jahre hat sich Chinas, bis dato liberale, Wasserpolitik geändert. 

Durch das wahnsinnig schnelle Wachstum des Landes wurde sein Durst immer größer – nach Trinkwasser, aber auch nach Energie. China begann, Staudämme zu bauen. In erster Linie um Energie zu erzeugen. Rund ein Fünftel des chinesischen Stroms werde durch Wasserkraft erzeugt, so Anthony. Doch neben der Energiegewinnung ist das Wasser längst auch zum Druckmittel gegen die Nachbarstaaten geworden, die so abhängig vom "chinesischen" Wasser sind. Die Drohkulisse war und ist immer dieselbe: "Wenn wir wollen, drehen wir euch den Hahn zu." 

Eine Karte des Mekong
Der Mekong entspringt im Tibetischen Plateau und fließt durch fast ganz Südostasien.
© dpa Grafik / DPA / Picture Alliance

Und genau das tut China in den vergangenen Jahren. Fast die Hälfte aller Staudämme der Welt stehen im Reich der Mitte – knapp 22.000. Teilweise so hoch wie der Eiffelturm und hunderte Meter breit. Elf Mega-Staudämme hat China seit 1995 im eigenen Land gebaut. Hinzu kamen weitere in Nachbarstaaten wie Laos, in denen China den Bau finanziert hat, um die Länder in weitere Abhängigkeiten zu treiben. Wasser ist für das Reich der Mitte zum flüssigen Gold geworden. 

Der Grund für die Errichtung dieser Bauten speist sich auch aus einem chinesischen Trauma: Bei einer Flutkatastrophe im Jahr 1931 starben 3,7 Millionen Chinesen. Seitdem bemüht sich das Land nach Kräften, seine Flüsse zu kontrollieren. 

Acht der letzten zehn Dürren im südlichen Mekong-Gebiet traten nach dem Bau des ersten Mega-Staudamms auf

Doch das stellt sich insbesondere beim Mekong als schwierig heraus. Etwa 2000 Kilometer des Flusses fließen durch chinesisches Staatsgebiet. Extreme Strömungen machen ihn gefährlich – aber auch attraktiv für die Energiegewinnung. Also setzt China seinen Kurs fort – zum Leidwesen, der Länder, die aus dem Mekong gespeist werden. Acht der letzten zehn Dürren im südlichen Mekong-Gebiet traten nach dem Bau des ersten Mega-Staudamms auf. 

Ein Mekong-Damm in Laos
Der Nam Theun 1-Staudamm in Laos. China hat schon früh damit begonnen, Staudammprojekte in anderen Ländern zu finanzieren, um sie an sich zu binden.
© Sinohydro 3 / Picture Alliance

Die chinesischen Mega-Staudämme haben inzwischen den gesamte Ökorhythmus des Flusses durcheinander gebracht. Auch bevor sie gebaut wurden, sank der Pegel des Mekong im Sommer ab – aber deutlich weniger als es heute der Fall ist. Der Fischfang war noch möglich, 70 Millionen Menschen lebten von dem, was der Mekong ihnen gab. Sie konnten sich darauf verlassen, dass der Fluss ihnen eine Nahrungsquelle bietet oder sie den Fisch verkaufen konnten, der zuverlässig in den Netzen landete. 

Zur Regenzeit schwoll der Fluss an. Teilweise waren Überschwemmungen normal. Und die Menschen, die an den Ufern des Mekong und seiner Nebenflüsse wohnten, stellten sich darauf ein. Reisfelder wurden angepflanzt, der Mekong überspülte sie, die Landwirtschaft funktionierte.

Zwischen Dürre und Überschwemmung

Heute sieht es in diesen Gebieten anders aus. In der Regenzeit hält China mit seinen Staudämmen teilweise so viel Wasser zurück, dass es in den südlicheren Gebieten regelmäßig zu extremen Dürren kommt. Doch weil auch das stärkste Bauwerk nicht ewig gegen die Naturgewalt Wasser ankommt, müssen die Betreiber der Dämme regelmäßig Wasser ablassen. Und das tun sie. Unangekündigt. 

Städte und Dörfer werden dann plötzlich mit gewaltigen Wassermassen konfrontiert. In Teilen Laos' etwa kann der Wasserpegel des Mekong innerhalb kürzester Zeit um 1,5 Meter steigen, wenn China seine Schleusen öffnet, berichtet Deutschlandfunk Kultur. Die Folgen können Erdrutsche und weggespülte Landstriche sein. Teilweise habe China so viel Wasser auf einmal freigegeben, dass Felder in Thailand so stark überspült wurden, dass die Ernte starb. Schließen sich die Schleusen dann wieder, sackt der Pegel ebenso schnell wieder ab.

Das Wasser ist Chinas größte Stärke – und seine größte Schwäche

Warum aber betreibt China diesen riesigen und egoistischen Aufwand? Genauso wie die Länder, die China mit seiner Wasserpolitik unter Druck setzt, ist das Reich der Mitte auf das Wasser, das von dem Tibetischen Plateau unter anderem in den Mekong fließt, abhängig. Die chinesische Regierung versucht seit Jahren, diese Schwäche in eine Stärke zu verwandeln. Denn zum einen hat China im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr Mäuler zu stopfen. Während bei dem Zensus 1953 noch knapp 580 Millionen Einwohner gezählt wurden, waren es 2020 mehr als 1,4 Milliarden. 

Zum anderen ist parallel zu dem rasanten Bevölkerungswachstum auch die Industrialisierung im Land immer weiter fortgeschritten. So stark und so schnell, dass auf Umweltschutz wenig bis gar kein Wert gelegt wurde. Das Ergebnis sehen wir heute: "80 bis 90 Prozent des Grund- und Flusswassers in China ist zu schmutzig, um es zu trinken", erklärt Anthony in der ARD. 

Das Land braucht also das Wasser, das aus den Gletschern der Tibetischen Hochebene abschmilzt. Versiegt das Wasser, versiegt auch Chinas Wachstum. Und das will das Land mit allen Kräften verhindern.

Und die Lage könnte noch brenzliger werden. China hat angekündigt, in den kommenden Jahren elf weitere Super-Staudämme bauen zu wollen. Die Weltbank befürchtet laut eigenen Angaben, dass unter anderem dadurch bis 2050 mehr als 1,7 Milliarden Menschen in Asien unter Wasserknappheit leiden werden. 

Für die Länder am Mekong ist das schon jetzt Realität. China trocknet mit seinen Staudämmen einen der größten Flüsse der Welt aus, um seine Interessen durchzusetzen. Schon jetzt leiden 70 Millionen Menschen darunter, dass der Mekong zu wenig Wasser führt. Es könnten zukünftig noch deutlich mehr werden.

Quellen: ARD "Atlas", Deutschlandfunk Kultur, Data Commons, Mekong Dam Monitor, Tagesspiegel


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