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Immigrantin oder Eingeborene: Bizarre Geschichte einer Einbürgerung: Wie eine Londonerin nach 18 Jahren endlich Britin wird

Die Tochter von stern-Mitarbeiterin Dagmar Seeland wurde in London geboren und hat nie woanders gelebt. Britin ist sie aber auch nicht richtig. Es zu werden, kostet vor allem Nerven. Ihre Pass-Jagd ist eine von vielen Absurditäten in Brexit-Britannien.

Dagmar Seelands Tochter wird Britin

Clara ist endlich Untertan der Queen

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Meine Tochter ist Londonerin. Beinahe wäre sie ein Cockney geworden – so nennt man wahre Londoner Eastender, die in Hörweite der Bow Bells, der Glocken der Kirche Bow Church, geboren wurden. Ein paar Monate zuvor waren wir aus dem Stadtteil Stepney, einst Schauplatz von Jack the Rippers grausigen Serienmorden, in den grüneren Südosten der Stadt gezogen, wo sie in einem Krankenhaus in Camberwell im Herbst 2000 das Licht der Welt erblickte. Vater Schotte, Mutter Deutsche. Eine Britin eben, logisch.

Eine Britin wird Britin

Diese Britin steht heute im Erzbischofspalast in Maidstone, Kent, und wird gerade Britin. Sie ist eine von 15 "Einwanderern", die an einer British Citizenship Ceremony teilnehmen. Gerade verspricht sie unter Eid, Königin Elisabeth II. treu zu dienen. Sie trägt noch ihre Schulkleidung, die Abiturientin und Klassensprecherin, die Geschichte und englische Literatur paukt und vielleicht mehr über dieses Land, seine Historie und Kultur weiß als die weißhaarige Dame, die den Eid abnimmt.

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Eine Britin wird also in Großbritannien eingebürgert. Wie kam es zu diesem Unsinn? Alles fing an mit ihrer Geburt. Oder besser gesagt mit ihrer ersten Reise nach Deutschland zu den Großeltern, die wir zu Weihnachten wenige Wochen später geplant hatten. Auf einen britischen Pass hätten wir sechs Monate warten müssen, also beantragten wir stattdessen einen deutschen – fürs erste, so dachten wir. Es hatte ja keine Eile.

Ist sie Engländerin oder Immigrantin?

Doch dann, viele Jahre später, kam der Brexit, und zum ersten Mal in ihrem Leben dachte die nun fast 16-Jährige darüber nach, wer sie eigentlich ist. In den Ferien in Deutschland war sie "die Engländerin", in ihrer Schule fragte sie mal jemand ob sie "an Immigrant" sei. Zeit also, ihren britischen Pass zu beantragen.

Das Passamt stellte uns jedoch schnell zum Home Office, dem britischen Innenministerium, durch. Hmm, schwierig, hieß es dort, denn das Kind sei vor 2006 geboren, und ihr Vater sei zwar Brite, nicht aber die Mutter. Wäre es umgekehrt gewesen oder wäre sie sechs Jahre jünger, läge der Fall anders, aber so ... nun ja, sie müsse dieses Formular ausfüllen, eine Registrierung ihrer britischen Staatsbürgerschaft, 31 Seiten lang, zudem seien zwei Bürgschaften nötig von Leuten, die sie ihr Leben lang kennen und ihren guten Charakter bestätigen können. Nein, der Nachbar reiche da nicht – ein Lehrer, Dozent, Anwalt oder Staatsdiener müsse schon sein. Dazu Geburtsurkunden, Fingerabdrücke, biometrische Daten. Wartezeit: mindestens sechs Monate.

Es hatte wenig Sinn, gegen den offensichtlichen Wahnwitz dieser Anordnung zu protestieren oder sich über den riesigen bürokratischen Aufwand zu mokieren, der da unnötigerweise betrieben wurde – es drängte die Zeit, sie würde bald 18 werden, und für Erwachsene ist das Verfahren noch komplexer.

Die Geschichte unserer Tochter ist eine von vielen Absurditäten, die sich gerade zutragen in einem Land, in dem seit dem Tag nach dem Referendum im Juni 2016 selbst englische Patrioten und Brexiter zu Ahnenforschern geworden sind. Dies wohlgemerkt nicht, um einen reinen britischen Stammbaum vorzuweisen zu können, sondern im Gegenteil in der Hoffnung, einen Vorfahren – Ire, Franzose, Deutscher, Pole, was auch immer – zu finden, der es ihnen ermöglichen würde, die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes zu erwerben.

10.000 Briten wurden zu Iren

Denn während die Zugbrücke von Fort Britannia nun offenbar sogar vor der Nase der eigenen Staatsbürger hochgezogen wird, wie der Fall unserer Tochter belegt, werden umgekehrt die Briten selbst von anderen Ländern vergleichsweise großzügig empfangen. Allein 2017 verlieh Deutschland mehr als 7000 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft, und im letzten Jahr wurden mehr als 10.000 Briten zu Iren.

Besonders ironisch ist dabei der Fall der vielen nordirischen Protestanten, die auf einmal ganz freiwillig zu irischen Staatsbürgern werden, um ihre Reisefreiheit zu bewahren. Der Brexit schafft am Ende womöglich das, was die IRA mit all ihren Bomben nie erreichte: eine irische Mehrheit in Nordirland.

Großbritannien Vereidigung Urkunde und Fahne

Mit Foto, Fahne und Registrierungsurkunde - Andenken an die Vereidigung

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Das alles wirkt, flüchtig betrachtet, vor allem skurril. Tragisch werden die Auswirkungen des Brexit in Einzelfällen wie dem einer Deutschen, inzwischen geschieden von einem britischen Soldaten, seit 1996 in England lebend, mit drei Kindern, davon zwei autistisch. Die Frau, die sich seit der Geburt um den mittlerweile erwachsenen pflegebedürftigen Sohn kümmert, konnte nebenher nur schlechtbezahlte Teilzeitjobs ausüben. Nach dem Referendum stellte sie beim Innenministerium einen Antrag auf ein Dauervisum, der prompt abgelehnt wurde.  Seit 2011, so informierte das Ministerium, gelte für "ökonomisch inaktive EU-Bürger" die Pflicht, eine private Zusatz-Krankenversicherung zu haben.

Versicherungspflicht kennen selbst Experten nicht

Von dieser Anordnung hatten aber fünf Jahre nach Einführung nicht einmal Experten für Einwanderungsrecht oder Universitäten gehört, deren EU-Studenten immerhin ebenfalls verpflichtet sind, eine solche Versicherung abzuschließen. Wer diesen Versicherungsschutz für den Zeitraum seiner "ökonomischen Inaktivität" nicht nachweisen könne, dessen Jahre werden in Großbritannien nicht anerkannt – britischer Mann und pflegebedürftiges Kind hin oder her.

Das Innenministerium verlor keine Zeit: Tage später erhielt die Frau einen Brief mit der Aufforderung, das Vereinte Königreich umgehend zu verlassen, denn ihre Rolle als Mutter ihrer Söhne sei "keine wirkliche Arbeit und nicht tragbar für die britische Wirtschaft". Drei Jahre lang lebte sie danach in täglicher Angst vor der Abschiebung.

Gegen diese "Comprehensive Sickness Insurance", kurz CSI, ist an sich erst mal nichts einzuwenden. Vermutlich war sie nötig, um das Chaos im kränkelnden britischen Gesundheitswesen zu ordnen, das jahrzehntelang von so genannten "Behandlungstouristen" ausgenutzt wurde. Allerdings scheint es, als wurde die Notwendigkeit der Versicherung vom Innenministerium jahrelang verschwiegen, und bis vor kurzem obendrein versucht, CSI als Instrument zur Ausweisung ökonomisch Schwacher einzusetzen. Betroffen waren – außer kranken, alten und behinderten Menschen – vor allem Frauen: Mütter aus EU-Ländern, die für die Kinder ihren Job aufgegeben hatten, während ihre britischen Ehemänner arbeiten gingen.

CSI war Teil der von der damaligen Innenministerin Theresa May eingeführten und nun berüchtigten Politik  der "Hostile Environment", der "feindlichen Umgebung" für Einwanderer. Die selbsternannte Feministin May hat offenbar auch im Kampf für Gleichberechtigung ihre Grenzen, jenseits derer man besser nicht geboren wurde.

Acht Kilo Dokumente vorgelegt 

"Brexit ist ein Männerprojekt", sagt Elena Remigi. Die hochgebildete Italienerin, die seit 14 Jahren in Großbritannien lebt und immer freiberuflich arbeitete, erfuhr am eigenen Leib, wie schwer es sein kann, als Frau ein Dauervisum zu beantragen, wenn Konto, Mietverträge, Hypotheken und alle anderen Nachweise der Anwesenheit im Namen des Mannes ausgestellt wurden. Der Beweis ihrer britischen Existenz geriet zu einem Marathon, den sie in ihrem Buch "In Limbo" beschreibt.

Insgesamt acht Kilo Dokumente musste sie vorlegen, um nachzuweisen, dass sie tatsächlich die letzten fünf Jahre auf der Insel gelebt hat – Arzttermine, Reisedokumente, Bestätigungen von Nachbarn, Parkscheine, Quittungen von Supermarkt-Einkäufen, alles lückenlos datiert. Schließlich gibt es in Großbritannien keine Meldepflicht. Heute unterstützt die von Remigi gegründete Hilfsorganisation "In Limbo" in Not geratene Europäer in Großbritannien und Briten in EU-Ländern.

Nun so gut wie britisch

Doch zurück zu unserer Geschichte. Sechs Monate verstrichen, die Tochter feierte ihre Volljährigkeit nach englischer Manier mit einer Party, und kurz vor Weihnachten schließlich trudelte ein Brief vom Home Office ein. Glückwunsch, sie sei nun so gut wie britisch. Aber eben nur fast. Zuerst müsse sie – als nunmehr Erwachsene – an einer sogenannten "UK Citizenship Ceremony" teilnehmen.

Also machten wir uns auf in einen braungetäfelten Raum, an der Wand das Porträt der Queen ganz in Weiß, vorn die stellvertretende Bürgermeisterin von Maidstone und ein sogenannter Würdenträger, in diesem Fall ein ehemaliger Stadtrat, der an einen provinziellen Prinz-Philip-Imitator erinnert. Kerzengerade steht er da, das Kinn in John-Cleese-Manier in die Luft gestreckt, während die Fast-Briten zu den Klängen von Elgars "Pomp and Circumstance" in Reih und Glied den Raum betreten.

Die teuerste Staatsbürgerschaft der Welt

Es folgen Lobesreden auf das traditionsreiche, tolerante Königreich, dann kommen die Eide. "I solemnly swear", wiederholt die Tochter nun, Prinz Philip nickt dazu erhaben, und man muss ständig an Monty Python denken und sich auf die Unterlippe beißen. Denn natürlich ist das hier eine todernste Sache, für die die 22 anderen Neu-Briten jeweils mehr als 1500 Euro bezahlt haben – so viel kostet die Bewerbung als Erwachsener. Der Antrag auf britische Staatsbürgerschaft gehört damit zu den teuersten der Welt.

 

Der Profit, den das Home Office pro Person einstreicht, beläuft sich auf 1040 Euro, wie die Organisation "Free Movement" errechnet hat. Ein gutes Geschäft mithin für die britische Regierung, ein eher schlechtes für jene frischen britischen Staatsbürger, deren neuer Pass es seit dem Referendum 2016 nur noch auf Rang 21 des weltweiten "Passport Indexes" schafft, der Ausweise danach bewertet, wie viele Länder ihre Besitzer damit visafrei bereisen können. Zum Vergleich: der deutsche steht dort auf Platz zwei.

Endlich Untertan der Queen

Zum Schluss singen alle "God Save the Queen", dann ist die Zeremonie vorüber. Noch schnell ein Foto mit der Urkunde unter dem Porträt der Queen, deren Untertan man von nun an ist. Danach gibt es Kaffee und Tee, ein Stück Kuchen auf die Hand (für Teller reichte es offenbar nicht) und Small Talk. Man redet, wie es sich für Briten gehört, übers Wetter und wünscht sich insgeheim, dass eines Tages auch Prinz Harrys noch ungeborener Spross, Kind einer US-Amerikanerin schließlich, in einem ebensolchen Raum einen Eid auf die eigene Urgroßmutter schwören werde. Gar nicht so abwegig, der Gedanke: Meghan muss noch knapp vier Jahre warten, bis sie eingebürgert werden kann.