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Goodbye Great Britain: Der lange Abschied – wie sich Großbritannien in Zeiten des Brexit gewandelt hat

Von Brexit bis Boris Johnson: Es fühlt sich an, als kündigten die Briten uns ihre Freundschaft. stern-London-Korrespondent Michael Streck über das Land, in dem er alt werden wollte. Eine sentimentale Abschiedstour. 

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Es war mal anders gedacht, damals, als wir ankamen vor einigen Jahren in London und als Großbritannien noch ein einigermaßen stabiles und glückliches Land war, die City gezeichnet zwar von der Finanzkrise, sich im Abwasser aber so viele Kokainspuren fanden wie nirgendwo sonst in Europa, auch weil die Banker wieder exzessiv feierten und koksten und das einzige Eingeständnis von so etwas wie Scham darin bestand, die Ferraris in der Tiefgarage zu parken. Und ja, natürlich, im Rückblick waren es diese vermeintlich sorglosen Jahre, die alle, auch uns, blendeten über den wahren Zustand der Nation. Denn die für den Crash Verantwortlichen kamen davon und machten so weiter, als wäre nichts geschehen.

Es traf die Üblichen, die hart Arbeitenden und Bedürftigen, die Menschen am Rand, und dies war – das lässt sich heute sagen – der Beginn dessen, was im Brexit, der Spaltung des Landes und der fast unausweichlichen Inthronisation des Polit-Clowns Boris Johnson kulminieren sollte. An jenem blauen Junimorgen nach dem Referendum 2016, an dem eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU stimmte, legte sich ein tauber Schmerz über unser kleines Haus im Norden der Stadt und eine Fassungslosigkeit, die Monate und eigentlich Jahre darin nistete.

Marschieren, um zu gehen: Im März laufen, winken und schimpfen Engländer in einem großen Protestzug für den Brexit

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Der Brexit ändert alles 

Aber all das ahnten wir nicht im Frühjahr 2014. Vor dieser gefühlten Ewigkeit von fünf Jahren dachten wir sehr ernsthaft daran, womöglich alt zu werden in diesem Land, in das meine Frau als Kind gezogen war, in dem sie aufwuchs und das sie innig liebte mit all seinen Verrücktheiten und Marotten und Pomp und Riten und Royals; in dem auch unsere beiden Töchter studierten und lebten und viele gute Freunde, darunter die älteste Freundin der Frau: Liz.

Sie spielten erst zusammen, dann reisten sie zusammen, schließlich studierten sie eine Zeit lang zusammen, später trennten sich ihre Wege, und dann fanden sie sich wieder in der Stadt ihrer Herzen, denn genau das waren London und England für meine Frau: nach Hause kommen. Heimat.

Liz ist Engländerin und Europäerin durch und durch, obschon sie einen niederländischen Pass besitzt. Könnte man eine Muster-Europäerin züchten, käme sie dabei heraus: geboren in Paris, aufgewachsen in London, studiert in England, Deutschland und Schweden. Gelebt auch Jahre in Italien, wo sie ihren Mann kennenlernte. Sie spricht fünf Sprachen fließend, ihr Sohn hat einen italienischen Pass, geht auf die deutsche Schule, daheim reden die beiden Niederländisch oder Englisch oder Deutsch oder Italienisch. Es ist egal.

Warum all das hier?

Auch Liz hatte einmal vor, in London alt zu werden. Aber dann kam der Brexit, und mit dem Brexit kam die Unsicherheit, und mit der Unsicherheit kam das Gefühl, dass sich die Dinge seit diesem blauen Morgen im Juni 2016 verschoben haben. Sie fühlt dieses wachsende Unbehagen und hört und liest Dinge über Ausländer, die unsäglich, nun aber nicht mehr unsagbar sind: "Wir sind raus aus Europa, was macht ihr noch hier?" Der tägliche Rassismus, belegt eine frische nationale Studie, hat signifikant zugenommen.

Das fällt deshalb so krass auf, weil es vorher so anders war. Die europäische Stumpfheit fehlte den Briten, und nun ist da diese ungewohnte Schärfe. Früher druckste man und verdrängte, heute wird es rausgekotzt: "Pakistaner-Fotze", "Lernt erst mal vernünftig Englisch!", homophobe Übergriffe in Bus und Bahnen, selbst im vermeintlich liberalen London. Solche Dinge.

Das macht es so schwer.

Liz will nun in England nicht mehr alt werden. Selbst ihre 92 Jahre alte Mutter Martha sagte neulich, sie sei bereit zu gehen.

Das ist passiert in diesen Jahren: Eine konservative Regierung, die von ihren Vorgängern nach der Finanzkrise eine Billion Pfund Schulden erbte und diese mit einer erbarmungslosen Sparpolitik auf Kosten der Menschen zu tilgen versuchte – mit Einschnitten bei Polizei, Feuerwehr und öffentlichen Einrichtungen. Eine schwächliche Opposition, deren Vorsitzender Jeremy Corbyn ideologisch in den 70er Jahren stecken geblieben ist. Eine Nation, geteilt wie nie, in der sich gerade mal die Hälfte der Bevölkerung zu einer Religion bekennt, 87 Prozent aber nach ihrer Präferenz in der Europafrage den zwei Stämmen Leave oder Remain zugerechnet werden wollen. Eine Insel, auf der Herkunft und Klassenzugehörigkeit nach wie vor über Karrieren entscheiden. Zwei Parlamentswahlen, zwei Referenden, drei Premierminister.

Auf den unseligen David Cameron mit seinem unseligen Referendum folgte die unselige Theresa May, die "Brexit means Brexit" zum Mantra erhob und sich daran verhob. Weshalb nun mit Johnson ein Scharlatan die Downing Street beziehen wird, der dieses wunderbare Land sehenden Auges auf die Klippen zusteuert. Großbritannien ist auf dem Weg, eine ordinäre Nation zu werden.

Wie konnte das passieren?

Großbritannien: Der lange Abschied - Großbritannien in Bildern
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Sehnsucht nach Broad Church

Ein kalter Tag im Frühjahr. Es ist der Morgen, da sieben Abgeordnete aus Protest die Labour Party verlassen, die Independent Group gründen, die später in der Partei Change UK aufgehen und nach den Europawahlen gleich wieder implodieren wird. Politik ist atemlos, die Echtzeit wirkt wie ein Zeitraffer.

An diesem Tag nun war erst viel von Aufbruch und noch mehr von broad church die Rede. Broad church ist unübersetzbar, es ist kein unbedingt religiöser Begriff, aber ein sehr warmer und schöner. Er meint so viel wie "alles unter einem Dach". In Fernsehen und Radio sprachen Kommentatoren davon, dass die großen Parteien Gefahr liefen, ihren broad church-Status zu verspielen.

Mehr als zwei Drittel der Briten fühlen sich von den großen Parteien nicht länger repräsentiert. Das ist die traurige Wahrheit, und das erklärt den Erfolg von Nigel Farage und seiner Brexit Party, die gar nicht erst vorgibt, Politik zu machen, und deren Manifest aus gerade einem Satz besteht: Raus aus der EU! Vielen reicht das. Das erklärt zugleich den Appeal von Johnson in der konservativen Wählerschaft, der mit Charme und Chuzpe fehlendes Know-how kaschiert.

"Broadchurch" war auch der Titel einer sehr erfolgreichen Krimiserie. Die Serie spielt in dem fiktiven Örtchen Broadchurch in Dorset, und ihr Titel könnte nicht doppelbödiger sein. In diesem niedlichen, idyllischen Städtchen an der See hat fast jeder seine eigene Agenda, fast jeder ein kleines und meist dunkles Geheimnis. Unter der Oberfläche der vermeintlichen dörflichen Harmonie tun sich Abgründe auf, die so tief sind wie die gigantische Kalksteinklippe über dem Strand.

Broad Church, das heißt Zusammenhalt

Die Serie war insofern auch broad church, weil sich die Nation geschlossen vor dem Bildschirm versammelte und dabei zusah, wie vor ihnen eine heile Welt auseinanderfiel. Im richtigen Leben heißt Broadchurch West Bay. Und im richtigen Leben war das County gesplittet in 51 (Leave) zu 49 (Remain), es war bitter und umkämpft.

Der Bürgermeister der Gemeinde heißt Barry Irvine, ein Liberaler und Vermittler, der stolz ist auf seine kleine Stadt und die Kultur. Er stammt ursprünglich aus Belfast in Nordirland und arbeitete als Vikar in der Shankill Road, nahe der Demarkationslinie zwischen Protestanten und Katholiken. Er verließ seine Heimat 1980, zermürbt vom Bürgerkrieg. Er zog nach Nottinghamshire und von dort weiter nach Derbyshire, und schließlich verschlug ihn die Liebe an die Küste und an diesen Ort, der berühmt ist für die Produktion von Fischer- und Tornetzen, von denen das berühmteste in Wembley hing beim legendären WM-Finale 1966 gegen Deutschland.

Barry wundert sich über dieses England, seine neue Heimat, das inzwischen so zerrissen und zerstritten wirkt wie Belfast früher. Er wünscht sich den common ground zurück, der verloren ging, und fürchtet, dass die Populisten dieses Brachland kapern. Der alte Vikar Irvine wünscht sich broad church zurück.

Aus der Mitte an den Rand

Dudley heißt das Städtchen in den Midlands, und am Rand dieses Städtchens liegt das Black Country Living Museum, ein Museumsdorf mit alten Kolonialwarenläden und einem Schmied, einem Schneider, der die Hemden noch stärkt, und Angestellten in viktorianischen Klamotten. Es gibt einige dieser Dörfer in Großbritannien. Sie sind populär und treffen offenbar einen Nerv. Es ist ein bisschen so, als träumten sich die Briten in die Zeit des Empires zurück.

An einem Samstag schnurrt ein alter Doppeldeckerbus durch die Gassen, vor dem Fish'n'-Chips-Shop stehen die Menschen Schlange, während die Schulglocke zum Unterricht läutet und sich die Besucher dort für eine halbe Stunde von der Dorflehrerin zur Minna machen lassen. Später wird noch ein bisschen Krieg gegeben, Männer in Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg marschieren zackig übers Kopfsteinpflaster. Auf einem Feld dürfen Erwachsene und Kinder Übungshandgranaten werfen.

Vergangenes oder vergangen Geglaubtes ist wieder en vogue. Der "Guardian" schrieb, die Nation habe sich kulturell zurückentwickelt. "Wir waren das Land von Filmen wie 'Mein wunderbarer Waschsalon' und 'Trainspotting' und sind nunmehr das Land von 'The King’s Speech', 'Dunkirk' und 'Darkest Hour'." Der Zeitgeist von heute speist sich aus dem Geist von gestern. Man trifft kurz darauf in London einen klugen Schriftsteller, der einen Roman über den Seelenzustand seines Landes geschrieben hat. Das Buch heißt "Middle England" und spielt in der Mitte Englands, aus der auch sein Autor Jonathan Coe stammt. Ein milder Mann Ende 50 mit grauem Haar und sanfter Stimme, mit der er erstaunlich scharfe Dinge sagt. Coe erzählt, er habe dieses Buch geschrieben, weil ihm ein Freund erklärte, er habe wegen Leuten wie Coe für den Brexit gestimmt, Leuten, die er für die Eliten hält. Elite bedeutet in diesem Fall realitätsfern.

"Wir erleben einen Kulturbruch"

Nur ist aber ausgerechnet dieser Jonathan Coe alles andere als realitätsfern. Er wuchs in Birmingham auf, er kennt die Einkaufsstraßen mit ihren Billigketten, den verrammelten Fenstern und leeren Markthallen. Er kennt das alles. Er kennt dieses Land, und doch erkennt er es zuweilen nicht wieder.

Jonathan Coe sagt: "Wir erleben einen Kulturbruch. Brexit ist lediglich ein Stellvertreter und Synonym für etwas viel Grundsätzlicheres: ein Gefühl, das für englischen Exzeptionalismus, Anti-Establishment, Nationalismus und eine Revolte gegen politische Korrektheit steht." Wenn er auf Lesetour durchs Land reist, trifft er diese zornigen Menschen, "a lot of pissed off, angry people". Leute, die das politische System für kaputt halten. Coe stimmt in diesem Punkt sogar mit ihnen überein, nicht aber mit den Konsequenzen.

Er redet sich mit sanfter Stimme in eine sanfte Rage: "Um diese Menschen zu verstehen, muss ich mir nur die Zahlen der Obdachlosen anschauen, die steigende Zahl der Suppenküchen, die Zunahme an Armut, das wachsende Misstrauen. Wir gehen durch einen Familienstreit zwischen Rechts und Links, Städten und Provinz, Gebildeten und Nicht-Gebildeten. Der Brexit hat das nur noch sichtbarer gemacht. Aber das Gefühl war immer da. Ich sehe jedenfalls keine Harmonie in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Das ist eine Frage von Jahrzehnten." Für ihn als Künstler ist das sogar gut, "Middle England" ist sein erfolgreichstes Buch. Aber als Mensch fühlt er sich wie einst unter Maggie Thatcher. "Wissen Sie", sagt Coe, "wir Briten haben eine große Literaturtradition. Das hat natürlich mit der Qualität der Autoren zu tun, ist aber zugleich ein Spiegel dafür, dass wir als Land ziemlich am Arsch sind, weil uns die Gesellschaft seit Ewigkeiten mit diesem Material versorgt."

Coe hat gerade einen neuen Pass beantragt. Er hofft, dass noch die EU-Sterne drauf sind.

Licht

Jess Phillips ist eine Labour-Abgeordnete und eine im besten Sinne außergewöhnliche Frau. Sie lacht selbst dann noch, wenn sie beleidigt oder mit dem Tod bedroht wird. Das kriegt sie nicht klein. Sie hat schon zu viel erlebt und weiß, wie sich Verzweiflung anfühlt, ihr Bruder war jahrelang heroinabhängig.

Die Leute in ihrem Wahlkreis verehren sie. Die Rechten verachten sie. 2016 sagte der Ukip-Kandidat Carl Benjamin, er würde Phillips nicht mal vergewaltigen wollen. Jetzt legte er noch mal nach. Benjamin entschuldigte sich explizit nicht für diese wahnwitzige Entgleisung und tat sie als Satire ab. Die Empörungsschwelle ist mittlerweile ziemlich hoch in Großbritannien.

Jess Phillips, 37, ist seit drei Jahren Abgeordnete und ein aufsteigender Star. Sie war auf dem Cover des Magazins der "Times" , sie kennt weder Freund noch Feind, wenn es um die Sache geht. Sie keilt auf Twitter gern auch gegen ihren Parteiboss Jeremy Corbyn, der sich bis heute nicht von den antisemitischen Strömungen in seiner Partei distanziert hat. Bei den nächsten Wahlen müssen sich die Briten voraussichtlich zwischen einem altsozialistischen Ideologen und dem Politik-Darsteller Johnson entscheiden.

Phillips empfängt in ihrem kleinen Parlamentsbüro, sie ist spät dran. Ihre Assistentin Olenka hatte zuvor die heutigen Hass-Mails gezählt. Vier. Das liegt in etwa im Schnitt. Einmal gab es 600 Drohungen in einer Nacht, alles online. Phillips federt auf Sneakers ins Büro; sie hat eine feste, dunkle Stimme und saugt an einer E-Zigarette. Sie sagt, sie sei in dem Glauben nach Westminster gekommen, dort mehr normale Kollegen zu treffen. Leute, die Klartext reden wie sie und die wissen, wie die Menschen da draußen im Land leben und was sie bedrückt.

"Aber diese Illusion habe ich verloren." Sie hat sich auch deshalb diese schmissige Rhetorik zugelegt, damit die Kollegen gelegentlich zumindest aufwachen. Anfang des Jahres hielt sie eine atemberaubende Rede im Unterhaus, sie appellierte an die Vernunft der Abgeordneten und die Verantwortung, sie sprach und sprach, bekam viel Zustimmung im Netz und in Briefen sogar aus Deutschland, aber das Unterhaus leerte sich trotzdem.

Kann aus dem Chaos noch irgendwas Gutes wachsen für Ihr Land, Jess? "Klar" , sagt sie. "Verschwende nie eine Krise! Die Leute werden politischer, das ist per se gut." Phillips wird bedroht und bepöbelt. Vermutlich gibt es nichts Britischeres, als selbst das mit Humor zu nehmen. Sie sagt, Humor helfe ihr immer. "Wir sind insgesamt ein amüsantes Völkchen. Wenn du Leute zum Lachen bringen kannst, entwaffnest du sie. Das ist ein unglaublich starkes Werkzeug." Und es ist, als würde es in diesem Moment wieder etwas heller.

Goodbye and good luck

Die Briten können vieles besser als die Deutschen. Sie spielen neuerdings besseren Fußball und können jetzt sogar Elfmeter. Ihr Fernsehen ist dem deutschen Lichtjahre voraus. Und ihr Humor ist tatsächlich unvergleichlich.

Wir werden das sehr vermissen, diese nicht erlernbare Schlagfertigkeit. Wir werden die ungeheure Freundlichkeit der Leute vermissen, die noch einmal zunimmt, wenn man London verlässt Richtung Norden, Liverpool und Manchester, wo Wildfremde dem Besucher das Haus öffnen und behilflich sind mit WLAN im Notfall und den ungebetenen Gast auch noch zum Bahnhof kutschieren mit eingebauter Beatles-Tour, "hier wohnte Ringo und dahinten John". Wir werden die Küste und die Klippen vermissen, die Dörfer, die Gärten und Parks, den Regen auch, der sanfter fällt als auf dem Kontinent.

Umstrittener Politiker: Boris Johnson – das ist der Mann, der die Briten aus dem Brexit-Chaos führen will

Verdammt, was werden wir das vermissen. Selbst unser Häuschen, in Wahrheit eine überteuerte Bruchbude, das aber zur Herberge wurde für die Jugend der Welt, die Freunde und Freundinnen der Töchter: Kanada, Italien, USA, Neuseeland, Indien, Schottland und natürlich England übernachteten hier.

Wir werden unsere kleine Straße in Kilburn vermissen, wo wir zu Beginn lebten, Kleinod und Symbol für die Weltläufigkeit, 31 Nationen Mensch auf 300 Metern Straße. East Finchley danach, einst der Wahlkreis von Maggie Thatcher, ausgerechnet. Vor unserem Stamm-Pub sitzt stets ein alter Schotte im Kilt und liest und liest und liest. Gegenüber dem Pub das kleine japanische Restaurant, das oft ausgezeichnet wird für sein ausgezeichnetes Essen, mit Zertifikaten am Fenster. Deren Betreiber aber gar nicht aus Japan kommen. Sondern aus Kroatien und China.

Auf der Hauptstraße haben wir noch einen englischen Fischhändler, eine algerische Bäckerei, einen italienischen Feinkostladen, ein griechisches Fish-'n'-Chips-Restaurant und ein türkisches Café, vor dem sonntags regelmäßig der Labour-Boss Corbyn sitzt, der ums Eck einen Schrebergarten beharkt. Außerdem gibt es noch einen freundlichen Obdachlosen, der früher immer nur nach zehn Pence fragte und deshalb von allen "Ten-P-Man" gerufen wird. Ich hätte diese ganze Geschichte auch an Ten-P-Man entlang erzählen können, weil wir im Laufe unserer Londoner Zeit Zeugen seines Verfalls wurden. Vor drei Jahren reagierte er empört, wenn wir ihm mehr als zehn Pence zusteckten. Zuletzt nahm er alles gern, er wirkte gehetzt, er verlor an Gewicht, und irgendwann war er weg, monatelang. Aber eines Abends lief er wieder die Hauptstraße hinauf, noch dünner, noch gehetzter. Ihm fehlte ein Arm. Ein Unfall, sagte er. Mag sein.

Manchmal wünschte ich mir, Ten-P-Man würde vor Westminster stehen, und der Schatzkanzler Philip Hammond könnte ihn sehen, dieses hagere Symbol gravierend verfehlter Sozialpolitik. Jener Hammond, der neulich den Bericht eines UN-Kommissars als Unsinn zurückwies, der geschrieben hatte, dass 14 Millionen Briten in Armut leben. Das passte mit den Zahlen des Schatzkanzlers nicht zusammen.

Sie müssten alle nur die Augen öffnen und die Ohren spitzen, die Dinge sehen und hören, wie sie sind. Die aberwitzig vielen Obdachlosen auf den Straßen. Die Verelendung der Städte, das moribunde Gesundheitssystem, das zunehmend toxische gesellschaftliche Klima.

Aber in Downing Street sitzt alsbald ein Mann, der sich während seiner Zeit als Außenminister, wie die "Financial Times" berichtete, die Ohren zuhielt und die Nationalhymne summte, wenn ihm Mitarbeiter Fakten präsentierten, die er nicht hören wollte. Und den Hintergrundchor bilden konservative Hardliner, die den Union Jack gekapert haben, vor gar nicht langer Zeit noch Symbol für ein cooles, aufgeschlossenes Britannien, nunmehr Wappen eines dröhnenden Nationalismus. Der Autor Jonathan Coe hat gesagt, das würde nicht einfach so weggehen. Die Politikerin Jess Phillips hat gesagt, Humor sei ihr Gegengift. Vielleicht stimmt beides. Vielleicht ist es nur ein temporärer Nervenzusammenbruch. Man wird sehen.

Nun gehen wir. Es war anders gedacht. Wir dachten einmal, dass wir alt werden wollten in diesem Land, das meine Frau Heimat nannte. Zurück bleibt eine Tochter mit ihrem englischen Freund Joe, der zum Abschied sagte, er beneide uns.

Also dann: Goodbye, geliebtes Britain, and good luck. Du kannst es gebrauchen.