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Interview

Nationalismus in Russland: "Putin sichert sich nach allen Seiten ab"

Mit seinem autoritären Nationalismus steht der russische Präsident Wladimir Putin sowohl in der Tradition der Kommunisten wie auch der Zaren, sagt der britische Historiker Orlando Figes.

Der russische Präsident Wladimir Putin

Der russische Präsident Wladimir Putin fürchtet nichts mehr als den Angriff auf die bestehende Ordnung, sagt Historiker Olando Figes.

Professor Figes, schon vor 20 Jahren haben Sie gewarnt, das Ende der Sowjetunion könnte den Aufstieg autoritärer Nationalisten zur Folge haben, die sich bolschewistischer Traditionen bedienten. War das Wladimir Putins Weg an die Macht?

Ja. Er hat die Leere mit Nationalismus angefüllt. Die Russen waren ja stolz gewesen auf die Errungenschaften ihres Systems, in der Weltraumfahrt, aber auch auf die Waffen, die das Land zur Weltmacht gemacht hatten. Sie mögen nicht mit allem zufrieden gewesen sein, was die Bolschewiki getan hatten. Aber die hatten zumindest dafür gesorgt, dass Russland groß war.

"Putin sichert sich nach allen Seiten ab"

Der britische Historiker Orlando Figes sieht Ähnlichkeiten des russischen Nationalismus unter Putin zur Tradition der Zaren und der Kommunisten

Warum gerade Putin?

Dass ein Apparatschik des alten Systems, ein Mitarbeiter des KGB, in die Macht hineinwächst, ist nicht überraschend. Interessanter scheint mir, dass Putin einerseits aus der bolschewistischen Tradition kommt, andererseits vor zwölf Jahren erlaubte, dass die sterblichen Überreste General Denikins nach Russland überführt werden durften. Denikin war der Oberbefehlshaber der Weißen Armee, die einst gegen die Bolschewiken und für den Zaren gekämpft hatte.

Ein Todfeind der kommunistischen Ordnung?

Ja, aber eben einer, dem es um Ordnung ging. Auch Putin fürchtet nichts mehr als den Angriff auf die bestehende Ordnung. So sichert er sich nach allen Seiten ab. Denn er hat ja andererseits auch Lenin nicht aus seinem Mausoleum entfernt, um dessen Anhänger nicht zu verärgern.

Ist Putin in diesem Sinne ein moderner Pragmatiker?

Bolschewistisch ist sicher, dass Putin wie Lenin alles daransetzt, die Macht zu sichern. Und als KGB-Mann befindet er sich in der Tradition der Tschekisten: Die hatten Kontrolle und Terror verbreitet, um Opposition und Verrat zu verhindern. In derselben Tradition fürchtet man heute Bürgerrechtsbewegungen oder soziale Netzwerke, also die demokratische Zivilgesellschaft, die man nicht in der Hand haben kann. Auch das ist leninistisch. Es geht darum, in jeder Situation die Kontrolle zu behalten. Lenin hasste innerparteiliche Demokratie und unabhängige Gewerkschaften. Lenin hasste Dissens. Anders als Stalin war er jedoch nicht gegen jegliche Debatte, er wollte sie nur gewinnen.

Nun gibt es Leute, die Putin weniger als die Fortsetzung Lenin’scher Allmacht sehen, sondern als eine Art neuen Zar.

Angeblich hat sich Putin ein Porträt von Nikolaj I. aufgehängt. Tatsächlich gibt es zwischen beiden manche Ähnlichkeit. Nikolaj hat im 19. Jahrhundert versucht, sein Land gegen den aus seiner Sicht unheilvollen Einfluss des Westens abzuschotten. Ihm galten die Länder Europas, die an sein Reich grenzten, als russische Einflusszone. Nikolaj war ein Zar, der russische Interessen gegen andere Großmächte durchsetzen wollte und dafür auch bereit war, Krieg zu führen, etwa auf der Krim. "Orthodoxie, Autokratie und Nationalität" waren die Slogans von Nikolaj Das könnte man auch von Putins Ideologie sagen.

Und dazu braucht er auch die russischorthodoxe Kirche?

Absolut. Sie ist ein mächtiges Symbol der Stärke. Mir scheint die herrschende Ideologie in Russland heute eine bunte Ansammlung diverser Ideen. Aber der orthodoxe Panslawismus, wie ihn die russische Kirche vertritt, ist sicher ein Schlüssel zum Verständnis dazu.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Stalin? Auch der wird wieder als großer Führer gefeiert.

Für alte Leute hat der Kult um Stalin etwas mit Nostalgie zu tun. Für jüngere verkörpert Stalin eine Art Mythos. Er war der Führer, der den Großen Krieg gewann. Viele Leute wissen überhaupt nicht, wie der Alltag zu Zeiten Stalins ausgesehen hat. Andere mögen eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie viele Millionen in Lagern verschwunden oder umgebracht worden sind. Sie akzeptieren, es sei wohl irgendwie notwendig gewesen zum Schutz von Land und Leuten. Für Putin gilt, dass die Russen eben ein paar finstere Kapitel in ihrer Geschichte haben, so wie Deutsche oder Briten. Ihm scheint es nicht sinnvoll zu sein, sich länger damit aufzuhalten.

Russland hat in seiner Geschichte zwei Phasen erlebt, in denen die Demokratie Fuß zu fassen schien. Einmal nach dem Sturz des Zaren. Dann unter Gorbatschow und Jelzin. Weshalb ist der Aufbruch immer wieder gescheitert?

Beide Male scheiterte die Demokratisierung aus ähnlichen Gründen: Das Land besaß keinerlei Institutionen, die stark genug gewesen wären, diesen Prozess zu begleiten. Die Spaltung innerhalb der russischen Gesellschaft ging so tief, dass die Chancen gering waren, eine parlamentarische Demokratie durchzusetzen.

Und heute? Immerhin kommt es gelegentlich zu Protesten etwa gegen die Korruption.

Die postsowjetische Gesellschaft hatte nicht die Kraft zu verhindern, dass bloß alter Wein in neue Flaschen gefüllt wurde. Der KGB ist ein gutes Beispiel dafür. Er heißt zwar nicht länger KGB, aber an seinen Strukturen hat sich nichts geändert. Es gab keine Untersuchungen seiner Vergangenheit, keine Prozesse, keine Reformen. So setzte sich durch, was schon immer gegolten hat: Politik ist die Sache der Mächtigen. Wer keine Macht hat, den kann man wie ein Stück Scheiße behandeln.

Was hält Russland dann zusammen?

Als Boris Jelzin an die Macht kam und versuchte, Russland als eine Nation neu zu gründen, nicht als Imperium, musste er feststellen, dass die Russen eben nicht viel zusammenhält. Putin ist den anderen Weg gegangen. Er hat seinen Landsleuten das Gefühl vermittelt, Bürger eines mächtigen Staates zu sein. Und hat ihnen offensichtlich damit eine Identität gegeben.

Und keiner profitiert mehr davon als Putin selbst?

Ich kenne russische Professoren in Oxford, die Anhänger Putins sind. Der Mann ist clever, er säuft nicht. Es braucht nicht viel, sich einen wesentlich schlechteren Präsidenten vorzustellen.

Das sehen jene, die unter Putin zu leiden haben, sicher anders.

Kein Zweifel. Sie kennen sicher das alte Bild vom russischen Bären. Wenn man einen Bären immer wieder reizt und triezt und in eine Ecke drängt – und so sehen das viele Russen, ob zu Recht oder zu Unrecht –, dann muss man sich nicht wundern, wenn dieser Bär sich wehrt. Das ist dann keine Randale, sondern aggressive Selbstverteidigung. In Wahrheit ist das Land nämlich schwach. Wirtschaftlich in schlimmer Lage, demografisch in der Krise.

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