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Reise durch das WM-Land: "Es wird ein Denkmal der Putin-Epoche"

Teil 10 unserer Russland-Serie: 2050. Kilometer der Wolga, Nischni Nowgorod. Die Fußballweltmeisterschaft in Russland gilt schon jetzt als die teuerste aller Zeiten. Die neuen Stadien verschlangen Milliarden. Aber was passiert mit den Prestigebauten nach der WM?

Russland: Während des Spiels zur Eröffnung des neuen Fussballstadions in Nischnij Nowgorod.

Russland: Während des Spiels zur Eröffnung des neuen Fussballstadions in Nischnij Nowgorod.

Zum Schluss war es, als habe selbst der Wind diesen blauen Zaun nicht mehr sehen können. Mehr als zehn Jahre lang versperrte in Nischni Nowgorod  kilometerlanges blaues Wellblech den Blick auf die Wolga. Geheimnisvolle Bauarbeiten tätigte irgendwer dahinter, vielleicht auch nicht, vorwärts kam jedenfalls niemand damit.

Die Bewohner regten sich erst auf über den blauen Zaun auf. Dann machten sie Witze, es gab eine Bar, die "Der blaue Zaun" hieß und einen Rap, in dem die Gruppe Inside" die "Stadt hinter dem blauen Zaun“ besang. Der blaue Zaun zierte Magneten und Postkarten und irgendwann kam jemand auf die Idee, Nowgorod in "Sinigorsk" umzutaufen: "Blauzaunstadt". Es war, als würde er niemals mehr weichen, als habe er Nischni Nowgorod, die fünftgrößte Stadt Russlands, weggesperrt vom Schönsten, was sie hat: dem Fluss. Aber dann kam die Fußball-Weltmeisterschaft. Und der Wind. Kurz bevor die Stadtverwaltung das blaue Wellblech in Schrott verwandeln wollte, bliesen kräftige Böen den Zaun einfach um. Die Nowgoroder haben seit Anfang Juni wieder eine Uferstraße. 

"Wir laufen herum und trauen unseren Augen nicht", sagt der Stadtführer und Journalist Sergej Sipatow. "Es ist, als wären wir in eine Stadt geraten oder sogar in ein anderes Land." Begeistert staunten die Menschen über die , erzählt er, über all die neuen alten Ausblicke, die der Zaun so lange verborgen hatte. Für Nischni Nowgorod, da ist sich Sipatow sicher, ist die Fußballweltmeisterschaft schon deshalb großes Glück. Nowgorod, zu Sowjetzeiten noch graue Industriestadt, macht sich wieder schick: Nowgorod bekam einen neuen Flughafen-Terminal, eine neue U-Bahn-Station, einen sanierten Bahnhof, neue Hotels und Parks. Mehr als 200 Häuser bekamen neue Fassaden, manche wurden zum ersten Mal seit den 60-er Jahren neu gestrichen. "Nowgorod erlebt eine Renaissance“" sagt der Journalist Sipatow. "Die Stadt hat großes Potenzial, kulturelle und touristische Hauptstadt des Landes zu werden. Die Weltmeisterschaft hat bei dieser Entwicklung geholfen."

Interaktive Karte - eine Reise entlang der Wolga: Sie können in die Karte hinein- und wieder herauszoomen. Klicken Sie auf die Punkte, um mehr zu sehen

Das Auffallendste, was das Fußballfest der Stadt aber brachte, steht am "Pfeil2, der Strelka, wo Wolga und Oka zusammenfließen: Vermutlich ist keines der neuen russischen Fußballstadien schöner geworden als das in Nischni Nowgorod. Leicht und offen wirkt die Arena, sie ist leicht geschwungen, weil sie an Wolgawellen erinnern soll, die Sitze sind weiß und hellblau. Von ganz oben ist der Fluss zu sehen, breit und träge und wunderschön fließt die Wolga hier an der Stadt vorbei.

"Wolga" hieß früher auch einmal der Fußballverein der Stadt. Wegen hoher Schulden wurde der Erstligist 2014 jedoch aufgelöst. Den neuen Verein FC Olimpiyets gründeten die Behörden erst 2015, der städtische Klub spielt derzeit in der zweiten russischen Liga. Nischni Nowgorod hatte immer gute Eishockey- und Hockey-Vereine. Fußball war hier nie ein Massensport.

Ob sich langfristig 40.000 Zuschauer für die Spiele begeistern können, weiß also niemand. Bislang kamen regelmäßig etwa 2000 Menschen, um die Spieler aus Nischni Nowgorod anzufeuern, wenn sie gegen Wladiwostok oder Naltschik antraten. Der Unterhalt des Stadions, so monieren Kritiker, koste die Stadt nach der WM etwa 5 Prozent ihres Jahresbudgets. Der Sportminister des Gebiets führt in Diskussionen optimistisch die Geschäftsmodelle der Münchner Allianz-Arena an. Andere lachen darüber. "Man sollte einfach den Strom abstellen, ein Schloss davor hängen und das Stadion wieder schließen", sagte der bekannte lokale Unternehmer Andrej Klimentjew. "Dann wird es ein der Putin-Epoche".

Eröffnung des Fussballstadions in Nischnij Nowgorod. Früher kamen zu den Fußballspielen in der Stadt etwa 2000 Menschen. Das neue Stadion ist auf 40.000 Zuschauer ausgelegt.

Eröffnung des Fussballstadions in Nischnij Nowgorod. Früher kamen zu den Fußballspielen in der Stadt etwa 2000 Menschen. Das neue Stadion ist auf 40.000 Zuschauer ausgelegt.

Wo ein Stadion im Sumpf versinkt

Wegen der neuen Stadien gilt die Fußballweltmeisterschaft in Russland schon jetzt als teuerste aller Zeiten. Internationale prestigeträchtige Vorzeigeprojekte lässt Präsident Putin sich etwas kosten – die teuren Staatsaufträge dienen außerdem traditionell der Alimentierung geneigter Unternehmer. So verschlangen Neubauten und weitere Modernisierungen umgerechnet etwa zehn Milliarden Euro.

Allein die Sanierung des Stadions in Jekaterinburg kostet mit 40 Millionen Euro so viel wie ein neues – dabei wurde es nur um 10.000 Plätze erweitert. Nach der WM wird die aufwändige Konstruktion wieder zurückgebaut – sie braucht dort niemand mehr.

In Kaliningrad wurde das neue Stadion auf eine Sumpfinsel gebaut: "Die Arena versinkt unter der Erde", titelte die Zeitung "Sowjetski Sport". 235 Millionen Euro kostete der Neubau.

Das Stadion in Kaliningrad

Das Stadion in Kaliningrad

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Zwangsarbeiter aus Nordkorea schufteten in Russland

Ein transparentes Dach sollte Zuschauern in der Arena von Samara den Eindruck vermitteln, dass sie fliegen: Samara ist bekannt für seine Sojus-Raketen, die ins Weltall starten. Kritiker erinnert das Gebäude jetzt jedoch eher an eine Schildkröte, weil das Dach nicht mehr durchsichtig ist, sondern von Blechelementen gehalten wird. Zum Schluss musste aus Zeitdruck noch Rasen in Deutschland besorgt werden. 250 Millionen Euro kostete das Bauwerk.

Saransk, in dem nur 300.000 Einwohner leben, können nun 44000 Zuschauern dem Spiel des lokalen Zweitligisten folgen. Kosten des Baus: 220 Millionen Euro.

Menschenrechtler kritisierten außerdem Ausbeutung und Lohndumping während der Bauarbeiten, viele Arbeiter aus Usbekistan und Tadschikistan hatten nicht einmal Verträge. 21 kamen während der Bauarbeiten zu Tode, vier davon nach Berichten von Human Rights Watch in Nischni Nowgorod. In Sankt Petersburg waren sogar Zwangsarbeiter aus Nordkorea im Einsatz.

In der Nachbarschaft des Stadions von Nischni Nowgorod freuen sich die Bewohner des Viertels Meschtscherskoje Osero jedoch jeden Tag an der Weltmeisterschaft. Sie bekamen eine U-Bahn-Station, Kinderspielplätze, Parks. Sie blicken auf ein schönes Stadion. Und sie sehen wieder die Wolga, die hier wie in einem riesigen See auf die Oka stößt. "Der blaue Zaun", sagt der Journalist Sipatow, "ist nun ein Symbol aus unserer Vergangenheit."

 Der elfte Teil unserer Reportage führt sie nach Pljos, wo das sagenhafte Anwesen von Dmitrij Medwedew steht. 

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