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Covid-19: Von wegen Kanzlerin auf Abruf: Angela Merkel im Corona-Modus

Viele wollten Kanzlerin Angela Merkel schon nach Hause schicken. In Corona-Zeiten dürfte nun das Krisenmanagement der nüchternen Physikerin wieder gefragt sein. Das kann aber auch schiefgehen.

Angela Merkel

Nichts ist normal in diesen Tagen, auch im Kanzleramt nicht, wo Angela Merkel seit bald 15 Jahren regiert. Nüchtern und besonnen wirkt die Kanzlerin, als sie die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus verkündet, die vor einer Woche fast undenkbar schienen in Deutschland: Läden dicht bis auf jene für die Grundversorgung. Gottesdienste abgesagt. Spielplätze als Sperrbezirk. "Das sind Maßnahmen, die es in unserem Lande so noch nicht gegeben hat und die natürlich einschneidend sind", sagt Merkel ruhig. Am Montagabend versucht sie, die Menschen trotz allem zu beruhigen.

Doch dass auch großer Druck auf der Kanzlerin lastet, kann erahnen, wer sieht, wie sie ihren Stift in der linken Hand dreht. Nach Banken-, Euro- und Flüchtlingskrise steht Merkel jetzt vor der wohl größten Herausforderung ihrer ablaufenden Amtszeit. Auch in der Euro- und Bankenkrise gab es zwar keine Blaupause zur Lösung, auch dort ging es um elementare Dinge wie den Wohlstand des Landes. Und die Flüchtlingskrise stellte den Zusammenhalt der Gesellschaft auf eine harte Probe.

Merkel tritt nun alleine vor die Öffentlichkeit

Doch nun geht es um die Gesundheit der Menschen, "es geht um Leben und Tod", wie NRW Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) klar macht. Das ist auch für die Krisenmanagerin Merkel eine ungekannte Dimension.

Nachdem Kritiker Merkel in den ersten Wochen des Kampfes gegen Corona vorgehalten hatten, ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu sehr das Feld zu überlassen, tritt sie nun ganz allein vor die Öffentlichkeit. Kein Minister ist dabei, kein Ministerpräsident. Dabei haben Bund und Länder nur Stunden zuvor gemeinsam die weitreichendsten Einschnitte für die Menschen in der Geschichte der Bundesrepublik beschlossen. Mit ihrem Auftritt macht Merkel öffentlich ganz klar: Sie übernimmt die Verantwortung.

Die Krise um das Coronavirus ist für die Kanzlerin Gefahr und Chance zugleich. Kann sie gemeinsam mit ihrer oft kritisierten großen Koalition und den Ministerpräsidenten die Folgen der Pandemie für Deutschland eingrenzen, dürfte ihr Ansehen steigen. Das Image der "Flüchtlingskanzlerin" könnte in den Hintergrund treten. Gelingt das nicht, droht noch mehr Vertrauensverlust in die Regierung.

Kanzlerin wegen Sorglosigkeit der Deutschen besorgt

Merkel appelliert bei ihrem Auftritt eindringlich wie selten an die Vernunft der Menschen. "Wir kommen desto schneller durch diese Phase hindurch, je mehr sich jeder einzelne an diese Auflagen und diese Regelungen hält." Die Kanzlerin ist besorgt wegen der Sorglosigkeit, mit der sich weiterhin viele im Café oder auf dem Spielplatz treffen.

Pathetische Worte wie die des französischen Präsidenten Emmanuel Macron sind Merkels Sache bekanntermaßen nicht. Macron erklärt am selben Abend wie Merkel in einer Fernsehansprache gleich mehrmals, Frankreich sei "im Krieg" gegen das Virus - und verhängt eine Ausgangssperre. Die Kanzlerin weiß, solche Worte aus ihrem Mund können erst Recht Unruhe auslösen.

Für die studierte Physikerin Merkel, die für ihre nüchtern-wissenschaftliche Art des Herangehens an politische Probleme gelobt und auch gescholten worden ist, ist die Virusepidemie eine ungewohnt unkalkulierbare Situation. Zwar betont Merkel, der Maßstab ihres Handelns sei, "was uns die Wissenschaftler zu dem Thema sagen". Doch die politischen Entscheidungen können ihr die Forscher nicht abnehmen.

Markus Söder als mannhafter Kämpfer gegen Coronavirus 

Ein wenig wirkt die Kanzlerin im Kampf gegen das Virus derzeit wie ein Gegenbild zu Markus Söder. Der CSU-Chef gibt sich als mannhafter Kämpfer gegen das Coronavirus mit den härtesten Maßnahmen. Der bayerische Ministerpräsident bekommt viel Beifall für seine Entscheidungen. Manchmal scheint es, als ob im Bund erst Tage später das umgesetzt wird, was er in Bayern schon vollzogen hat. Andere werfen ihm Aktionismus vor. Bleibt abzuwarten, wie Söder sich nun nach dem für seine Partei gut gelaufenen bayerischen Kommunalwahlen aufstellt.

Im Kanzleramt ist von viel Abstimmungsarbeit des bayerischen Ministerpräsidenten die Rede bei dessen Bemühen, die Entscheidungen im Anti-Corona-Kampf zu zentralisieren und zu beschleunigen – Kritik hört man nicht. Söder gehe besonnen vor, nicht aktionistisch, wird dem Bayern attestiert – der Franke hat eben ein anderes Temperament als die Norddeutsche Merkel.

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Dass die Kanzlerin bisher so sparsam mit ihren öffentlichen Auftritten in der Coronakrise gewesen ist, dürfte noch einen ganz anderen Grund haben. Die Krise habe sich in Deutschland lange wie in Zeitlupe entwickelt, für viele im Alltag kaum wahrnehmbar, analysieren sie in der Regierung. Doch demnächst werde sich wohl auch hier die Lage in den Krankenhäusern verschärfen. Mit der Zahl der Kranken werde sich auch die Betroffenheit der Menschen dramatisch verändern.

Wenn die Krise zur Katastrophe für Deutschland werden sollte, wird Merkel auch öffentlich nachlegen müssen. Ein hohes Risiko ist auch, wie lange die Menschen bereit sind, die drastischen Einschnitte in ihr Leben hinzunehmen.

rw/Jörg Blank/Ruppert Mayr / DPA