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"Dunja Hayali" im ZDF Hat die Politik schuld am Corona-Protest? Kipping und Laschet weichen da mal lieber aus

Bei Dunja Hayali ging es am Donnerstagabend auch darum, wie man mit dem Protest gegen Corona-Maßnahmen umgehen soll. Armin Laschet und Katja Kipping (l.) hatten auf die Frage nicht wirklich eine Antwort.
Bei Dunja Hayali ging es am Donnerstagabend auch darum, wie man mit dem Protest gegen Corona-Maßnahmen umgehen soll. Armin Laschet und Katja Kipping (l.) hatten auf die Frage nicht wirklich eine Antwort.
© ZDF/ Jule Roehr
Was wollen sie, die Corona-Protestierer? Und inwiefern hat die Politik dazu beigetragen? Irgendwer da, der irgendwelche Fehler zugibt? Armin Laschet und Katja Kipping zeigten sich bei Dunja Hayali gegen Selbstreflexion allergisch.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Während Dunja Hayali sich durch die Menge der Demonstranten bewegt, von einem Kamerateam und Sicherheitskräften begleitet, ertönt im Chor immer wieder "Lügenpresse". Eine Frau geht auf die Moderatorin zu und ruft ihr entgegen, sie glaube nicht, dass wahrheitsgemäß berichtet wird, ein älterer Mann klagt an, Merkel würde die Freiheit des Grundgesetzes mit Füßen treten. Szenen von der Berliner Corona-Demonstration. Doch was wollen sie, die Corona-Protestierer?

Hayali hatte sich am Samstag unter die Leute gemischt und sagte: "Schwer zu verstehen, wer hier alles demonstriert." Regenbogenfahnen seien ebenso zu sehen gewesen wie Reichsflaggen, Gruppen von Impfgegnern ebenso wie Hippies – und viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft mit "sehr viel Wut auf die da oben."

Zwei von "da oben" sitzen nun, es ist Donnerstagabend, bei Hayali in der Sendung: Armin Laschet und Katja Kipping. Auf die Frage: "Welche Fehler machen Sie in der Politik?" antworten weder der CDU-Ministerpräsident noch die Linken-Politikerin. Selbst als Hayali erneute nachlegt, gibt es Ausweichmanöver. Die Rede ist von Rechtspopulisten und Verschwörungsideologien. Kipping weigert sich anzuerkennen, dass, worauf Hayali verweist, "auch die Linken" auf der Demo mitgegangen seien. Dafür urteilt sie über die Protestierer: "Die sind nicht rebellisch, sondern rücksichtslos."

Experte: hohe Ausprägung von "Verschwörungsmentalität"

Kurz und gut: Mit einem Akt der Selbstreflexion hätte man neues Terrain betreten können. Denn das mit der Selbstreflexion hat in gewissen Kreisen, wahrscheinlich aber sogar gesamtgesellschaftlich, den Seltenheitswert eines Trüffelpilzes. Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg machte neulich übrigens vor, wie so was gehen könnte. In Bezug auf die Corona-Maßnahmen in ihrem Land gab sie zu, einige seien zu streng gewesen: "Wahrscheinlich habe ich viele der Entscheidungen aus Angst getroffen."

Schade, dass Hayali nicht weiter insistierte. Denn: Wenn Menschen auf die Straßen gehen, um zu demonstrieren, wäre man als Politiker gut beraten, sich zu fragen, inwiefern man das zu verantworten habe. Laschet meint schließlich: "Man darf demonstrieren, sogar gegen die Corona-Regeln." Es gelte allerdings, die Hygienevorschriften einzuhalten. 

Verstehen-Wollen ist ein grundsätzlich guter Weg. "Wir können nicht nur sagen, das sind Verschwörungsideologen, damit machen wir es uns zu einfach", so Hayali. Roland Imhoff kommt zu Wort, ein Sozialpsychologe als Erklärer des "Phänomens". Warum gehen die Leute zu dieser Demo? "Es verbietet sich eine Ferndiagnose über die Beweggründe des Einzelnen", beginnt er und spricht dann von einer "hohen Ausprägung dessen, was wir Verschwörungsmentalität nennen". Die Ursache der Wut glaubt er darin auszumachen, dass Menschen es als "massive Ungerechtigkeit" empfunden hätten, dass das komplette öffentliche Leben niedergelegt geworden sei. "Wenn ich Schuldige benennen kann wie Merkel oder Gates, dann sind die wie ein Ziel für die Wut."

"Wir dürfen uns nicht in einer falschen Sicherheit wiegen"

Laut einer Umfrage sollen 77 Prozent der Deutschen Angst vor einer "zweiten Welle" haben. Steht sie denn bevor? Mit 1000 Neuinfektionen pro Tag, wie aktuell das RKI herausgegeben hat, ist der höchste Stand seit Mai erreicht. "Wir dürfen uns nicht in einer falschen Sicherheit wiegen", warnt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Ihrer Einschätzung nach sei man nicht genug gut vorbereitet. Vor lauter Diskussionen um Lockerungen habe man verpasst, in die Zukunft zu gucken. Es sei nicht geklärt beispielsweise, ob alle Schulen mit Masken ausgerüstet seien und wie gut die Hygienemaßnahmen umgesetzt werden könnten.  

Nordrhein-Westfalen hat nun die bundesweit strengste Maskenpflicht beschlossen, ab der 5. Klasse muss der Mund-Nasen-Schutz auch während des Unterrichts getragen werden. "Da greifen Sie hart zu", meint Hayali. "Das haben wir schon immer gemacht", antwortet Laschet, um sich bei einer nächsten Frage, was denn geschähe, wenn Schüler*innen die Maske nicht aufsetzen wollten, zu drücken.

Zur Einhaltung der MNS-Pflicht: Geht es nur über Sanktionen, über Bußgelder? Oder gibt es andere Wege? Fest stehe, darin war man sich einig, es habe sich in der Bevölkerung ein "Schlendrian" eingeschlichen. Kipping plädiert dafür, statt sich auf Bußgelder besser auf Hilfen zu konzentrieren wie "Maskenautomaten", die man aufstellen könne, um Menschen zu unterstützen, "die sich vernünftig verhalten wollen." Besondere Sorge bestehe aktuell allerdings wegen der Reiserückkehrer.

Inwiefern könnten die die Zahlen nach oben treiben? "Wir können das nicht einschätzen", sagt Laschet. Wie man nachverfolgen wolle, dass die Menschen, die es müssen dann auch in Quarantäne gehen? "Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit", so der Ministerpräsident weiter. Mit dem Test allerdings, die für Reiserückkehrer aus Risikogebieten nun Pflicht seien, könne man "nicht für alle Zeiten" sicher sein. 

Schwesig spricht über Krebserkrankung

Das Bundesland mit den geringsten Infektionen deutschlandweit ist Mecklenburg-Vorpommern. "Wäre ich Ministerpräsidentin in Bayern oder Nordrhein-Westfalen, würde ich sorgenvoller sein", sagt Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, im anschließenden 1:1-Interview in Bezug auf ihre Brustkrebserkrankung. Trotzdem sie eine Risikopatientin sei, habe sie keine Angst, werde aber dennoch vorsichtig bleiben. Ihre Erkrankung im Herbst 2019 öffentlich gemacht zu haben, sei ihr wichtig gewesen: "Ich habe ein öffentliches Amt, die Menschen sollen wissen, woran sie sind."

Auch wenn der Schock über die Diagnose groß gewesen sei, es habe sich gelohnt, zu kämpfen. Über die hohe Anteilnahme der Bürger sei sie angenehm überrascht gewesen. Die wesentliche Erkenntnis sei für sie gewesen, "dass ich mein Leben so fortführen will, wie es ist." Mit weiterhin unermüdlichem Engagement. "Man darf sich keine Schwäche in der Politik leisten."


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