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"Markus Lanz" "Es ist absurd, was in dieser Partei passiert": Neubauer geht hart mit Union ins Gericht

"Markus Lanz" im ZDF vom Mittwochabend
"Markus Lanz" im ZDF vom Mittwochabend
© Screenshot / ZDF
Luisa Neubauer sparte bei "Markus Lanz" nicht mit harten Vorwürfen gegenüber der Union und ging insbesondere Armin Laschet hart an. Auch der Moderator übte viel Kritik. Er appellierte, die "Scheinheiligkeit" offenzulegen. Man müsse den Leuten klarmachen, was beim Klimaschutz auf sie zukomme.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wem war wann die Brisanz der Lage klar? "Unser Feuerwehrchef erntete das Lachen der Kollegen, als er sagte, wir müssen uns vorbereiten", berichtete Erik O. Schulz. Dennoch: "In der Nacht von Montag auf Dienstag ist unser Krisenstab zusammengetreten. Als es losging, waren alle einsatzbereit." Der Oberbürgermeister der Stadt Hagen in Nordrhein-Westfalen war am Mittwochabend bei "Markus Lanz" zugeschaltet. Auch er ist ein Zeuge, um die Ereignisse im Zusammenhang mit der Hochwasserkatastrophe zu rekonstruieren. Die ersten Warnungen seien, so der Politiker weiter, durch den Deutschen Wetterdienst (DWD) übermittelt worden. "Da hat niemand geahnt, was am Ende dabei rauskommt", sagte Schulz. Dieses Ausmaß sei nicht vorhersehbar gewesen. "Wer den Klimawandel leugnet angesichts dieser Bilder, muss sich fragen, ob man den ernst nehmen kann." Für politische Diskussionen sei dennoch gerade wenig Platz. Nun gehe es darum, sich um die Nutzbarkeit der Infrastruktur zu kümmern. Zudem laufen die Aufräumarbeiten. Täglich von 5.30 bis 22 Uhr werde der Sperrmüll, der auf den Straßen liege, weggeräumt. Keine Frage: Es gibt viel zu tun. Und die Frage ist, wo packt wer an. Mehr denn je stehen, auch bei ZDF-Talker Markus Lanz klimapolitische Themen auf der Agenda.

Klimadiskussion in ZDF-Sendung "Markus Lanz"

In der Talkrunde außerdem zu Gast:

  • Luisa Neubauer, Klimaschutzaktivistin
  • Claudia Pahl-Wostl, Systemwissenschaftlerin
  • Monika Schnitzer, Ökonomin
  • Wiebke Winter, CDU-Politikerin

Die Zeit. Könnte davonlaufen. Oder wird sie es sogar? "Das ist ein riesengroßes Problem", sagte Neubauer. Und appellierte: "Wir müssen loslegen." Die Klimakrise komme ungebremst auf uns zu. Sie verwies darauf, dass man seit mindestens 30 Jahren Bescheid wisse. Und frage sich, was denn noch passieren müsse. Die Hochwasser-Katastrophe sei eine "Konsequenz aus der politischen Weigerung, wissenschaftliche Warnungen ernst zu nehmen." Klimaschutz sei kein "Nebenbeithema" oder nur eine "Freizeitaktivität von Jungen".

Luisa Neubauer: Viele in der CDU dabei, "die richtig guten Klimaschutz wollen" 

Mit der aktuellen Politik, vor allem der Union, ging sie hart ins Gericht. Die CDU hänge ihrer eigenen Wählerschaft hinterher: "Es ist absurd, was in dieser Partei passiert, denn dort sind viele dabei, die richtig guten Klimaschutz wollen". Sie verstehe nicht, dass man, wie aktuell, Leuten helfe und dann wieder am Schreibtisch sitze und genauso weitermache wie bisher: "Das ist zynisch und verlogen." – "Harter Vorwurf", wandte Lanz ein. Hat sich denn wirklich nichts getan? Was ist dran beispielsweise an der Aussage Armin Laschets, Nordrhein-Westfalen sei eines der Länder, das am meisten tut gegen den Klimawandel, kein anderes Bundesland habe so viel CO2 eingespart? "Das ist eine Lüge", behauptete Neubauer. 

In der Sendung vom Dienstag meinte Lanz noch, dass "jemand wie Luisa Neubauer" leichter rede als ein Armin Laschet, weil der noch viele andere Felder mit im Blick haben müsse, etwa Arbeitsplätze, die zugunsten der Klimapolitik verloren gingen. Schade, dass er diesen Einwand nicht machte, als die Aktivistin bei ihm im Studio saß. Denn: So brisant die Lage auch ist, permanente Vorwürfe helfen auch nicht weiter. Wie bekommt man überhaupt die Mehrheit der Menschen mit an Bord? Man müsste sich auch mal Gedanken machen ob beispielsweise "Wir müssen das Klima retten" nicht viel zu abstrakt formuliert ist. Zudem wäre wichtig, so Pahl-Wostl, "rauszukommen aus den ideologischen Schützengräben". Die Wissenschaftlerin öffnete in ihrer Argumentation Räume, die in klimaaktivistischen Debatten leider oft fehlen. Sie regte an, den Menschen deutlich zu machen, dass Klimawandel nicht mit Verzicht und Gängelung gleichzusetzen sei. Weil neue Ideen entwickelt werden müssten, entstünden "Experimentierfelder, wo sich Gesellschaft neu erfinden kann". Städte beispielsweise könne man so lebenswert machen, "dass man nicht mehr nach Mallorca fliegen will". 

Winter, Mit-Gründerin der "KlimaUnion", wandte ein, das sei lebensfremd: "Ich will in keiner Welt leben, in der wir nicht mehr in den Urlaub fliegen können." Auch sie gab allerdings zu bedenken: "Wir müssen gucken, dass wir die Gesellschaft mitnehmen." Allein: Wie genau das gehen soll, erläuterte sie nicht. In ihrer eigenen Partei wolle sie allerdings wesentlich mehr Druck machen: "Ich möchte, dass die CDU eine ehrgeizigere Klimapolitik auf Bundesebene vertritt." Es blieben nur noch 18 bis 24 Monate, um die richtigen Schritte einzuleiten. Sie verwies mehrmals darauf, dass sich Klimaschutz für alle "am Schluss" lohnen werde, auch finanziell. "Was heißt 'zum Schluss', wieviel Jahre sind das?", fragte Lanz und blieb hartnäckig dran – und hatte damit einen entscheidenden Punkt, der vernachlässigt bei allen Klimaschutz-Appellen wird, die Frage, was von uns gefordert ist. "Sie muten den Leuten nichts zu", wiederholte er. Man müsse, so der Moderator, aufhören mit der "Scheinheiligkeit" und "sich ehrlich machen". 

"Markus Lanz": "Es ist absurd, was in dieser Partei passiert": Neubauer geht hart mit Union ins Gericht

Ob Klimapolitik nicht zu Lasten der "sozial Schwachen" gehe? Neubauer meinte, genau deshalb müsse man sich für soziale Politik engagieren. "Klimaschutz kann sozial sein, Heizkosten könnte man anders verteilen", meinte sie. Und machte deutlich: "Nichthandeln ist das Teuerste und Unsozialste". Die aktuelle Katastrophe zeige ja, dass Menschen, die finanziell schwächer dastehen, nun benachteiligt seien, wenn sie vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Auch Pahl-Wostl machte deutlich, wie teuer es würde, wenn die Katastrophen, wie abzusehen sei, sich häufen würden: "Wir können Klimaschutz nicht länger wirtschaftlichen Interessen unterordnen." Ökonomin Schnitzer verwies auf die CO2-Bepreisung, die ein gutes Beispiel sei für eine Lenkungswirkung. "Da braucht es keine Verbote." Die Menschen würden sich bereits dadurch anders verhalten.

"Woher nehmen wir den Strom?"

Doch nicht nur gegen die Kosten gebe es, so Lanz, Vorbehalte, sondern auch: Wer will Windräder vor seiner Haustür, wer will Trassen? Eine erstaunliche Antwort dazu von Schnitzer: "In Holland gibt es Windräder schon lange auf alten Gemälden und da finden wir es schön." Warum also nicht mal das Ganze anders betrachten? Und wer partout was gegen Windräder in seinem Blick hat, der solle mehr zahlen als die, die sie dulden. Lanz gab ein nächstes Beispiel für Fragen, die man klären müsse: Mit Elektroautos wird der Stromverbrauch enorm steigen; woher nehmen wir das Vielfache – er gab den Faktor zehn an – an Strom? "Das können wir nicht im eigenen Land bewältigen", sagte Schnitzer. Woher wir den Strom importieren sollen, ließ sie offen. Und stellte "neue Technologien" in Aussicht, die man "irgendwann nutzen" könne, Kernfusion unter anderem. Kernfusion! Auch das hätte man gerne genauer gewusst, blieb aber unbeantwortet. Irgendwann brachte Lanz den Satz, und leitete ein, er zitiere frei nach Jens Spahn: "Wir werden uns irgendwann jede Menge Wahrheiten erzählen müssen." Man möchte erwidern: lieber gestern als morgen. Möge sein Appell, sich ehrlich zu machen, nicht ungehört bleiben. 

Die komplette "Markus Lanz"-Sendung können Sie in der ZDF-Mediathek sehen.
wue

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