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#stinkefinger: Steinbrück, so dirty

Das Cover mit dem gestreckten Mittelfinger hat eine wütende Debatte ausgelöst: Warum macht er das? Darf er das? Was sollen die Kinder denken? Drei Antworten.

Von Lutz Kinkel

Wummmm, das hat gekracht. Und zwar Donnerstag, punkt 16.03 Uhr, als Timm Klotzek, Chefredakteur des SZ-Magazins, das neue Cover twitterte: Steinbrück mit Stinkefinger. Jack-Nicholson-Blick. Und offen stehendem Mund. Ein krasses Motiv, ein Eyecatcher, ein Foto für die Ewigkeit. Und ein Scoop - für Klotzek. Aber sonst so? Darf das ein Mann, der Kanzler werden will? Uns einfach quer von der Seite anranzen? Geht's noch?

Der Aufschrei des Verletzten

Zunächst einmal: Auf der persönlichen Ebene ist nichts, aber auch gar nichts dagegen einzuwenden. Im Gegenteil: Jeder kann sich gut in Steinbrücks Situation hineinversetzen. Der Mann ist durch die Hölle seiner Patzer gegangen - von den Nebenverdiensten über den Fünf-Euro-Pinot-Grigio bis zum Lamento über das Kanzlergehalt. Schmerzhaft hat er lernen müssen, dass jedes Wort von ihm genau betrachtet, abgewogen - und ja, bisweilen auch mit zu viel Feuereifer medial skandalisiert wird.

Jetzt ist er in einer anderen Lage. Er sieht seine Ungeschicklichkeiten nur noch im Rückspiegel. Steinbrück ist im Wahlkampf-Modus, er steht unter Hochspannung. Und prompt wird er wieder mit den ollen Kamellen konfrontiert: "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?" Er antwortet sinngemäß: Fuck You! Fuck You Presse, Fuck You Schwarz-Gelb. Ich lasse mich nicht mehr verunsichern. Scheiß drauf. Eine menschlich verständliche Reaktion. Jedenfalls für testosterongeladene Typen wie Steinbrück.

Das Spiel des Wahltaktikers

Auf einer wahltaktischen Ebene ist das Foto vielleicht auch nicht schlecht. Steinbrück grenzt sich ab, brutalstmöglich, von Angela Merkel. Er hat den Stinkefinger, sie die präsidiale Raute. Er ist der Klartext-Kandidat, sie die Weichspülerin. Schärfer lassen sich Alternativen nicht herausstellen. Und das Foto generiert Aufmerksamkeit, sehr viel Aufmerksamkeit. Das ist im Wahlkampf schon ein Wert an sich. Ein Kandidat, von dem keiner - im Wortsinn - "ein Bild" hat, verschwände in der Tapete. Er steht davor. Klar konturiert.

Steinbrück wirbt um die Unentschlossenen. Seine SPD muss er nicht mehr überzeugen, die Stammwähler von Union und FDP sind für ihn verloren. Die denken, was sie sowieso denken: "Ungehörig!" Aber im jüngeren Wahlvolk scheint die Geste anzukommen. Das jedenfalls signalisieren die Online-Votings, zum Beispiel bei stern.de oder Spiegel-Online. Mann erkennt Mann, selbst Frauen scheinen Steinbrück die Stinkenummer nicht krumm zu nehmen. Sie sehen die Ironie, das gewollt Übertriebene, das ohnehin die gesamte Fotoserie im SZ-Magazin charakterisiert. Und sie kennen das Schauspiel der Aufmüpfigkeit. Von ihren eigenen Kindern.

Der Wahnsinn des Kandidaten

Aber, und auch das gehört dazu: Auf der allgemein politischen Ebene ist das Foto eine Katastrophe. Erstens: Der Stinkefinger ist kein gesellschaftlich akzeptiertes Kommunikationsmittel. Wer ihn als Fußballer zeigt, wird vom Platz gestellt. Wer sich als Autofahrer dazu hinreißen lässt, muss mit einem saftigen Bußgeld rechnen. Wer damit einen Polizeibeamten beleidigt, kann vor Gericht landen. Und ein Politiker, zumal ein Kanzlerkandidat, sollte Vorbild sein. Und zwar, ganz simpel: in Sachen Benimm und Anstand.

Zweitens: Das Foto lässt sich, das zeigten schon die ersten Netzgimmicks, leicht aus dem ursprünglichen Zusammenhang herauslösen und in beliebige andere hineinsetzen. Und zwar so, dass sich der Stinkefinger umdreht und direkt auf den Urheber zeigt. Nur mal kurz vorausgedacht: Welches Foto wäre wohl in den Medien, wenn ein Kanzler Steinbrück einen Minister feuerte? Welches trügen die Athener Demonstranten auf den Schildern, würde er ein weiteres Hilfspaket verweigern?

Die Message

Nun ist es gedruckt. Nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Und die Message des Stinkefingers ist diese: Steinbrück geht es um Selbstbehauptung. Wahltaktisch spielt er volles Risiko. Und Kanzler werden? Damit rechnet er wohl selber nicht mehr.

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