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25 Jahre Einheit: Arme Wessis! Deutschland ist komplett DDRisiert

Duckmäuser, Überwachung und Kitas überall - nach 25 Jahren ist von der alten BRD kaum noch was übrig. DDR-Bürger fühlen sich wieder zu Hause. Und der Westen ist im Osten angekommen.

Der Westen ist heute im Osten angekommen - und keinesfalls andersherum

Der Westen ist heute im Osten angekommen - und keinesfalls andersherum

In der ehemaligen BRD – das muss man zu Einheitsjubiläen gelegentlich betonen – war vor 1990 sicher auch nicht alles schlecht. Sogar bei uns, im dunklen Teil Deutschlands, glaubte man, dort würden die meisten Menschen in Freiheit und Überfluss leben. Zumindest hielten wir den Blauen Bock dafür und reichten uns zerfledderte Quelle-Kataloge weiter. Wir staunten über ein scheinbar vielfältiges Parteiensystem, das in der Tagesschau den Wohlstand für alle verteilte. Und naiv, wie man eben war, dachten manche sogar, im freien Westen würden Dissidenten wie etwa der Bürgerrechtler Edward Snowden jederzeit und uneingeschränkt politisches Asyl genießen.

 In den letzten 25 Jahren haben wir diesbezüglich viel gelernt - vor allem, dass im Westen doch alles gar nicht so anders ist als in der DDR. Anpassung wird belohnt, Widerspruch übt man besser still. In Politik oder auf Arbeit: Das Grundgesetz des Opportunismus gilt nach wie vor, hüben wie drüben, damals wie heute. Und weil in den Feiertagsreden zum sogenannten "Tag der Deutschen Einheit" immer nur jenen der Kopf gestreichelt wird, die angeblich "im Westen angekommen sind", soll an dieser Stellte auch mal die Anpassungsleistung von Bürgern der ehemaligen BRD gelobt werden.

Auch sie mussten seit 1990 viele alte Gewohnheiten aufgeben, und damit sind nicht nur Heinz Schenk, die D-Mark oder der Quelle-Katalog gemeint. Von dem Land, nach dem sich Ostdeutsche so sehnten und an dem auch viele Westdeutsche immer noch hängen, ist wahrscheinlich sogar weniger übrig, als je dran war. Schlimmer noch: Weniger als von der DDR.

Davon hätte die Stasi nur träumen können

Spätestens seit den NSA-Enthüllungen, der brutalen Kita-Doktrin der Bundesregierung und einer FDJ-Funktionärin, die nun schon zehn Jahre das ganze Land regiert, schwant selbst dem letzten Hinterschwarzwädler, dass "Überholen ohne einzuholen“ mehr als eine ironische Durchhalteparole Walter Ulbrichts war. Aber hört man die Brüder und Schwestern klagen?

 Sie leben brav in einem Überwachungsstaat, von dessen Möglichkeiten die Stasi nur träumen konnte, lassen sich flächendeckend abhören und ihre aufgerufenen Porno-Seiten bald auch wieder auf Vorrat speichern. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, so eine Geheimdienstzentrale auch einfach mal zu besetzten und abzuwickeln wie im wilden Osten 1989/1990.

Ohne Schönrechnerei haben ihre Autos kaum noch bessere Abgaswerte als der ostdeutsche Volkswagen Trabant. An den Grenzen sterben massenhaft Menschen. Die Reiseregelung wird nach ein paar Lockerungen bei den Einreiseformalitäten sofort wieder eingeschränkt. Und die scheinheiligen Parolen von der "Internationalen Solidarität" täuschen auch nicht darüber hinweg, dass allein die Partei- und Staatsführung bestimmt, für wen die globale Reisefreiheit gilt - und für wen nicht.

Zentralorgane Bild und ARD

 Sie ließen sich Polikliniken als "Ärztehäuser" unterjubeln. Halten Zentralorgane wie die Bild-Zeitung und das Öffentlich-Rechtliche Staatsfernsehen für Presse- und Meinungsfreiheit. Wie viele westdeutsche Menschenleben allein der Grüne Pfeil oder die vom Osten übernommene Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbrüchen gekostet hat, taucht in deren Jubelberichten zur offiziellen Bilanz der Deutschen Einheit natürlich nie auf. Mir persönlich kam sogar der "Stern“ oft mutiger vor, als ihn noch Großmütter über die Grenze schmuggelten. Das kann aber auch Nostalgie sein, denn die Oma ist tot.

Vielleicht hätten alle neuen DDR-Bürger 1990 eine Art Staatsbürgerkunde - oder wie das heute in der Schule heißt: Gesellschaftskunde - gebraucht. Dann würden sie auch besser verstehen, warum Fluchthelfer bis 1989 ehrbare Menschen waren, wenn sie anderen in den freien oder auch nur reicheren Westen halfen - aber heute als "kriminelle Schleuser“ und "Schlepper“ verunglimpft werden, wenn sie das Gleiche tun. Dass "Fraktionszwang“ und "Lobbyismus“ nicht nur demokratischer klingen als "Parteidisziplin“ und "Korruption“, sondern "das Sein“ natürlich auch im Westen das Bewusstsein bestimmt, wie jedes Kind in der marxistischen Volksbildung lernte. Vom schönen Schein gar nicht zu reden.

Mängel im Einigungsvertrag

Unter normalen Geschäftsbedingungen müssten eigentlich alle Deutschen sofort vom Einigungsvertrag zurücktreten dürfen. Denen im Osten wurden die Mängel einer angeblich neuen Gesellschaftsordnung genauso arglistig verschwiegen wie vorher. Die im Westen fühlen sich seit 25 Jahren beim Kaufpreis über den Tisch gezogen und haben nicht mal gemerkt, dass es keine Widerrufsbelehrung gab. Die Deutsche Einheit war für alle ein übles Haustürgeschäft: Die einen dachten, sie tauschen eine kleingeistige Arbeiter-und-Bauerndiktatur gegen eine großmäulige Lobby- und Medien-Demokratie. Die anderen dachten, das alles sei mit neuen Postleitzahlen und ein paar Steuerabschreibungen im Osten getan. Und inzwischen ist sogar die Gewährleistung abgelaufen, falls es die für gebrauchte Demokratien je gab.

Viele Westdeutsche haben sich trotzdem tapfer daran gewöhnt, dass man es auch Planwirtschaft nennen kann, wenn die Wirtschaft nicht mehr mit ihnen plant - und ihre Fabriken lieber in osteuropäischen RGW-Ländern aufbaut.

Unterdessen hat sich der DDR-Schlendrian bei ihnen zu Hause so tief in die Volkswirtschaft gefressen, dass nicht mal mehr deutsche Sturmgewehre etwas taugen. Der "Wohlstand für alle“ wird wie in jeder anderen ehemaligen Sowjetrepublik an Armen-Tafeln und zwischen ein paar Oligarchen-Familien verteilt. Seit im Osten scheinbar keine Alternative mehr droht, wird selbst die soziale Marktwirtschaft im Westen immer asozialer. Es spottet zwar jeder Sozialstaatslegende, dass nach 1990 Schritt für Schritt Spitzensteuersätze gesenkt, Steuern auf Unternehmensverkäufe, Vermögen und Gewerbekapital gestrichen wurden – aber spielt das noch eine Rolle, wenn willfährige West-Gewerkschaften wie der DGB zwar ähnlich heißen wie der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) in der DDR – nur eben ohne "F“ für "frei“.

 Etwas schwer tun sich die bildungsfernen Bundesländer noch mit der Anpassung an Frauenbild und Schulsystem der DDR. Dabei möchte man sie manchmal fast bremsen, wenn man an die Karriere von Ursula von der Leine denkt. Und immerhin durften Kinder in westdeutschen Schulen früher machen, was sie wollten – und bekamen hinterher trotzdem so etwas wie ein Abitur. Das funktioniert heute leider nur noch in Hamburg oder Hessen, wenn die Kleinen nicht gerade auf der Odenwaldschule zu Höchstleistungen genötigt werden. Vermutlich wird es beim zügigen Aufbau einer modernen Ganztags- und Kleinkindbetreuung auch bald wieder Wochenkrippen geben wie in der alten DDR. Beate Zschäpe hat es schließlich auch nicht geschadet.

 In Thüringen, wo sie ihre vormilitärische Ausbildung genossen hat, regiert inzwischen schon ein linker Gewerkschafter. So weit können es anpassungsfähige Westler bringen, die in ihrem Regime vor 1990 keine Chance hatten! Und für ewig gestrige BRD-Bürger macht vielleicht auch der Intershop am Hermsdorfer Kreuz bald wieder auf. Die SPD steht kurz vor dem symbolischen Handschlag zur Einheitspartei mit der CDU. Aber keine Angst, Genossen! Viele Ostdeutsche mit flexiblen Halswirbeln fanden sich 1946 oder 1990 auch schnell in den neuen Parteien zurecht. Alt-DDR-Bürger wissen außerdem, dass Wahlen an einer "Nationalen Front“ aus lauter gleich tickenden Parteien, nichts ändern. Umso faszinierter schauen sie zu, dass im Westen trotzdem immer noch mehr als 50 Prozent zur Wahl gehen.  

Wo sind die Politiker mit Rückgrat?

Früher, so hört man dort immer noch Nostalgiker klagen, hätten selbst Berufspolitiker Rückgrat und Matchboxautos richtige Achsen gehabt. Aus Metall – nicht wie die Plastik-Beilagen im Kidsmenü heute! Kriegsdienstverweigerer schoben Rollstühle - und Soldaten bis Freitag um Eins eine ruhige Kugel in ihren Kasernen, statt sich - aufgepeitscht von staatlicher Propaganda - auf einen neuen Krieg vorzubereiten. Heute marschieren sie in Afghanistan ein - und nach zehn Jahren unverrichteter Dinge wieder ab. Das hat sich - so offen und bei aller bedingungslosen Waffenbruderschaft mit dem großen Bruder - nicht mal die DDR getraut.

Im Gegenteil: Die Landsleute haben ihr altes "Sag-nein“-Westdeutschland von Borchert und Böll erfolgreich hinter sich gelassen. Wo 1981 noch 300.000 junge Leute im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten, gehen heute nur noch ein paar Pensionäre der alten BRD-Nomenklatura spazieren. Der Rest hat sich in private Nischen und Datschen zurückgezogen und liest die Zeitschrift "Landlust“.

Ostdeutschen wurde oft Verbitterung vorgeworfen, seit sie aus dem Sozialismus zurück in die Zukunft wollten und sich reprivatisiert im Feudalismus wiederfanden. Aber was sollen erst Westdeutsche sagen, seit auch bei ihnen nicht mal mehr offiziell von Freiheit die Rede ist, sondern der ostdeutsche Bundespräsident im Zusammenhang mit der NSA-Affäre nur noch das "Freiheitsgefühl“ beschädigt sieht? Richtig - so viel haben sie in den letzten 25 Jahren jedenfalls auch gelernt:  Vorsichtshalber nichts.

  • Holger Witzel