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50 Jahre Münchner Sicherheitskonferenz: Hinterzimmerpolitik vor den Augen der Welt

Die Alten nennen sie immer noch "The Wehrkunde". So hieß die Münchner Sicherheitskonferenz vor 50 Jahren. Sie ist das offiziell-informelle Stelldichein der Weltelite - Industriesponsoren inklusive.

Von Katja Gloger

Er sollte sich opfern, eine Bombe, ein Selbstmordattentat gegen Adolf Hitler, er war erst 22 Jahre alt. Der Wehrmachtsoffizier Ewald-Heinrich von Kleist, ostpreußischer Adel, gehörte zum Kreis der Widerständler um Graf Stauffenberg. Im Februar 1944 trat der an ihn heran: Es gelte, sich während einer Uniformvorführung Hitler zu nähern, die Bombe zu zünden. Von Kleist bat darum, sich vor einer Entscheidung mit seinem Vater beraten zu dürfen. Er hoffte, so erzählte er es später, auf ein "Nein". Doch der Vater sagte ihm, was grausam klingt und so mutig zugleich: "Ja, das musst Du tun. Wer in einem solchen Moment versagt, wird nie wieder froh im Leben."

Das Attentat auf Hitler scheiterte, wie wenig später auch das Attentat des 22. Juli 1944. Doch Heinz-Ewald von Kleist überlebte Hitlers Schergen, die SS-Verhöre, das KZ Ravensbrück, den Krieg. Er selbst sprach später vom Glück, davongekommen zu sein.

Von Kleists "Wehrkunde-Begegnung"

Die Erfahrung des Krieges ließ den späteren Verleger von Kleist vor 50 Jahren eine kleine Konferenz in München gründen. Es war kurz nach der hochgefährlichen Kubakrise. Damals stand die Welt zum ersten und bislang einzigen Mal an der Schwelle zum Atomkrieg. Die "Internationalen Wehrkunde-Begegnung" sollte eine "private Begegnung" von Militärs, Politikern und Wissenschaftlern vor allem aus der Bundesrepublik und den USA sein; man würde über die Gefahren des Kalten Krieges debattieren. Heute würde man wohl Networking dazu sagen oder vertrauensbildende Maßnahmen.

Aus der kleinen Tagung wurde ein jährliches Gipfeltreffen der besonderen Art: Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die am Wochenende zum 50. Mal stattfindet. Eine Art Davos der Sicherheitspolitik. Zwei vollgepackte Tage mit Diskussionen, Mittagessen, Kaffeepausen und Empfängen, auf denen man nichts weniger erreichen will als global "vernetzte Sicherheit". Das iranische Atomprogramm, der Krieg in Syrien, die Wirtschaftsentwicklung in China, deutsche Außenpolitik und natürlich die NSA stehen auf dem Programm, der Klimawandel als politisches Problem. Und alle, alle kommen zu "the Wehrkunde", wie die Konferenz von den älteren Teilnehmern immer noch genannt wird.

Sechs bis zehn Hinterzimmertreffen am Tag

Es ist ein Get-together der politischen Elite im wie immer von der Öffentlichkeit abgesperrten Bayerischen Hof, eine perfekte Bühne fürs politische Anbändeln: In eigens gemieteten Hotelsuiten machen Staatschefs und Minister während der "bilaterals" Politik. Absolvieren sechs, zehn Hinterzimmertreffen an einem Tag; das spart Zeit und ist irgendwie offiziell und informell zugleich. Die Konferenz ist ein "Basar der Stimmungen", wie die "Süddeutsche Zeitung" einmal schrieb.

Besonders gerne kommen die Amerikaner, ein eigenes Flugzeug bringt die "Congressional Delegation" aus Washington nach München: Senatoren, ehemalige Nationale Sicherheitsberater, Kongressabgeordnete, mal ist auch - wie im vergangenen Jahr - der US-Vizepräsident dabei. Belegen einen abgeschirmten Flur im Bayerischen Hof, haben seit Jahren fest reservierte Plätze in den vorderen Reihen des Festsaals; manchmal erinnert es an ein Klassentreffen, und auch John McCain ist immer dabei, der ruppige Republikaner und ehemalige Präsidentschaftskandidat.

Zum "Freundschaftsdinner" am ersten Abend

Informeller Höhepunkt, gleich am ersten Abend, das "Freundschaftsdinner" bei Käfer in der Prinzregentenstraße. So wunderbar "bavarian" finden das die Besucher aus den USA - eine Mischung aus hoher Politik, Big Business und Münchner Prominenz. Man kennt sich, bleibt unter sich, quetscht sich an lange Tische, schäkert und trinkt. Fast jedes Jahr findet sich Henry Kissinger neben Bertelsmann-Chefin Liz Mohn an Tisch 1, stoisch. Un-Generalsekretär Ban Ki Moon lächelt höflich und geht früh; Milliardär Jürgen Grossmann, einst RWE-Chef, residiert gewichtig wie ein Mäzenat aus alter Zeit. Die an vielen Problemen internationaler Sicherheitspolitik interessierte Gabriela Inaara Begum Aga Khan parliert mit amerikanischen Senatoren, die sie nicht kennen. Auch ihre Mutter ist dabei, und es ist wohl nur ein Zufall, dass am Donnerstag drauf meist ein nettes Foto in der Bunten erscheint. Die Reden sind kurz, es gibt Champagner und Seeteufel, man schwitzt, es ist ein Spaß.

In diesem Jahr platzt die Konferenz aus allen Nähten, noch nie wollten so viele kommen. 18 Staatschefs, 50 Außen- und Verteidigungsminister haben sich angemeldet, Staatssekretäre, riesige Regierungsdelegationen.

Mit Klitschko kommt der Revolutionsgeist

All das ist wohl auch Wolfgang Ischinger zu verdanken, dem einstigen deutschen Botschafter in Washington und jetzigen Generalbevollmächtigen der Allianz-Versicherung. Er leitet die Konferenz, erweiterte sie um Themen wie Klimaschutz, Energiesicherheit, Cyber-Security. Die NSA und Edward Snowden, Merkels Handy und das gescheiterte No-Spy-Abkommen. Der deutsch-amerikanische Bruch wird wohl das spannendste Thema der Konferenz; auch Michael Hayden wird erwartet, der einstige NSA-Chef.

Bundespräsident Gauck hält die Auftaktrede. Eigentlich sollte auch Vitali Klitschko kommen, direkt vom Kiewer Majdan, dem Hoffnungsplatz, und den Geruch der revolutionären Straße in den Bayerischen Hof bringen, wo die CSU ihm ein Mittagessen ausrichten wollte. Doch zunächst musste er absagen. Jetzt will er es vielleicht zu einem Treffen mit US-Außenminister Kerry schaffen, dies wäre ein wichtiges politisches Symbol.

Von Verteidigungsministerin von der Leyen erwartet man eine Grundsatzrede zu Deutschlands neuer militärischer Rolle in der Welt, zu Einsätzen der Bundeswehr in Afrika, im Rest der Welt.

Auch in diesem Jahr werden Demonstranten gegen den "militaristischen Geist" der Konferenz protestieren, gegen die "Nato-Kriegstagung" und eine globale Elite, die in Wahrheit unter sich bleibt, und über die wirklichen Probleme hinwegplaudert: Armut, soziale Ungleichheit, die steigenden deutschen Rüstungsexporte, die Macht des globalen Finanzkapitals. Wie jedes Jahr wird die Münchner Polizei viel, zu viele Einsatzkräfte aufbieten, Straßen absperren, es ist das immer gleiche Ritual.

Was treiben die vielen Sponsoren dort?

Gefahr droht der mit Bundesmitteln unterstützten Konferenz allerdings durch eine andere Entwicklung: Zunehmend finanziert sie sich mit Sponsorengeldern. Die Industrie kauft sich gerne ein in die Welt der großen Politik. Linde zählt zu den Sponsoren, Shell, der chinesische Telekommunikationskonzern Huawei und auch die deutsche Telekom. Im vergangenen Jahr sponserte die eine Diskussion über Cyber-Sicherheit und Datenschutz, auf dem Podium saß der damalige Telekom-Chef Rene Obermann. Der staatliche Ölkonzern Socar aus Aserbaidschan steht auf der Sponsorenliste, auch die Rüstungsindustrie ist dabei, der US-Konzern Rayethon, auch Krauss-Maffai.

Aber die Ehrengäste werden es wohl richten. Wird doch Ewigkanzler Helmut Schmidt mit, ja, Henry Kissinger und Valerie Giscard-d’Estaing über das einzig wirklich Wichtige sprechen, den Frieden auf der Welt. Und das ist ja immer gut. In München und anderswo.