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75. Jahrestag: Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Yad Vashem und Auschwitz - an diesen beiden historischen Orten haben die Präsidenten Deutschlands und Israels bereits gemeinsam an den Holocaust erinnert und der Opfer gedacht. Jetzt reden beide im Deutschen Bundestag.

Deutscher Bundestag

Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude in Berlin. Foto: Ralf Hirschberger/dpa/Archiv

Der Bundestag gedenkt heute - 75 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz - der Millionen Opfer des Nationalsozialismus.

Erstmals werden die Präsidenten Deutschlands und Israels, Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin, gemeinsam an der Gedenkstunde teilnehmen und Reden halten. Zum Auftakt wird Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) an die Opfer des NS-Unrechtsregimes erinnern.

Allein im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz im von der Wehrmacht besetzten Polen ermordete die SS mindestens 1,1 Millionen Menschen, zumeist Juden. In ganz Europa fielen dem Holocaust rund 6 Millionen Juden zum Opfer. Im von Nazi-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg starben mindestens 55 Millionen Menschen.

Steinmeier und Rivlin hatten in der vergangenen Woche bereits gemeinsam am Holocaust Forum in Yad Vashem und am Montag am Gedenken in Auschwitz teilgenommen. In Yad Vashem durfte Steinmeier als erstes deutsches Staatsoberhaupt reden. Dort und in Auschwitz bekannte er sich zur deutschen Schuld am Holocaust, lehnte jeden Schlussstrich unter das Erinnern daran ab und betonte die Verpflichtung, dem neuen Antisemitismus auch in Deutschland entschieden entgegenzutreten.

Zeit, Worte und Täter seien heute nicht dieselben wie damals, sagte Steinmeier in Yad Vashem. «Aber es ist dasselbe Böse.» Den vertretenen rund 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt versprach er: «Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels.»

Bei seinem Besuch in Auschwitz schrieb der Bundespräsident ins Gästebuch: «Es waren Deutsche, die andere Menschen herabgewürdigt, gefoltert und gemordet haben. Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.»

Rivlin hatte bei einer Diskussionsrunde mit Schülern eines jüdischen Gymnasiums am Dienstag gesagt: «Wir haben jetzt die vierte, fünfte, sechste Generation nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg. Wir müssen einen Weg finden, um Euch und Eure Kinder wissen zu lassen, was passiert ist, und zu vermeiden, dass sich dies wiederholt.» Der israelische Präsident warnte, es gebe wieder «Wellen von Antisemitismus, Hass und Rassismus» in der ganzen Welt.

Der CDU-Innenpolitiker Mathias Middelberg verlangte neue Ansätze für die Bekämpfung von Judenfeindlichkeit in Deutschland. «Der Antisemitismus in Deutschland wächst, aber er wandelt sich auch», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Nicht jeder Antisemit von heute passe in das klassische Neonazi-Schema.

«Das Thema Juden darf nicht nur ein Thema für den Geschichtsunterricht sein», forderte Middelberg. Es bleibe zwar wichtig, Gedenkstätten zu besuchen und die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Hinzukommen müssten aber Kontakte zu aktiven Gemeinden, damit junge Menschen die Erfahrung machten, dass jüdisches Leben selbstverständlich dazu gehöre. Besuche in Synagogen müssten genauso Teil des Schulunterrichts sein wie Ausflüge in Kirchen und Moscheen.

Bei der Gedenkstunde des Bundestags vor einem Jahr hatte der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer die Rede gehalten. Er warnte damals: «Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird. Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in besorgniserregender Weise auf dem Vormarsch.»

dpa