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Einblick in AfD-Chat: "Noch nie was von Tyrannenmord gehört?" Wie AfD-Mitglieder über den UN-Gipfel und die Kanzlerin diskutieren

Wäre eine Bombe auf die UN-Konferenz in Marrakesch "unsere Rettung" gewesen? AfD-Leute aus dem Höcke-nahen "Flügel" diskutierten genau dieses Gedankenspiel in WhatsApp. Der stern dokumentiert Teile des Gesprächs.

Chats aus einer Whatsapp-Gruppe des von Björn Höcke (im Bild) gegründeten "Flügels"

"Bombe in Marakesch" - Chats aus einer Whatsapp-Gruppe des von Björn Höcke (im Bild) gegründeten "Flügels"

DPA

Der Sonntagabend vorvergangener Woche, in Marrakesch wollen die UN ihren Migrationspakt ver­abschieden. Auch die Bundeskanzlerin ist in Marokko. In Deutschland läuft an diesem Abend der Whatsapp-Chat des "Flügels", der AfD-Gruppierung um Björn Höcke, eher schleppend. Um 21.53 Uhr postet eines der rund 150 Mitglieder, das hier Udo heißen soll: "In zwei Stunden wird unsere westliche Welt verraten." Udo wartet vier Minuten. Dann schreibt er: "Die Bombe in Marrakesch wäre jetzt UNSERE Rettung." Die erste Antwort im AfD-Chat lautet: "Ja."

Politiker wegbomben, weil sie vielleicht beschließen, was dem Mann nicht gefällt? In diesen Wochen entscheidet das Bundesamt für Verfassungsschutz, ob es die AfD wegen rechtsextremer Tendenzen beobachten wird. Es sind ungefilterte Ansichten wie in dieser Chatgruppe, die den Geheimdienst alarmieren. Zuletzt hatte Helmut Seifen, Parteichef in NRW, in einem Chat von "kleinen AfD-Nazis" geschrieben, die herauszukomplimentieren der "Flügel" um Höcke verhindere.

stern-Redakteur Wigbert Löer sitzt in Jackett und grauem T-Shirt vor einem schwarzen Hintergrund. Er trägt eine siberne Brille

"Wir schulden niemandem Unterwerfung"

Dem stern liegt nun der Whatsapp-Chat des "Flügels“ vor, alle Postings in den Stunden nach der Feststellung von Udo, eine Bombe auf die UN-Versammlung wäre die Rettung. Widerspruch und Empörung überwiegen deutlich. Aber der Beitrag findet auch vehemente Verteidiger.

9.12.18, 22.06, Bea (alle Namen bekannt, aber geändert): Sorry, solche Äußerungen sind völlig daneben.

22.08, Friedrich: Sorry, solche Äußerungen sind voll richtig!

22.08, Udo: Bea, was schlagen Sie vor? Es bleiben noch zwei Stunden ...

22.09, Bea: Jedenfalls keine Bombe.

22.10, Bea: Man muss weiter demokratisch gegen den Pakt kämpfen.

22.10, Udo: Hohle Wahl ...

22.11, Udo: Es gibt keine Demokratie in dieser Sache. Wir werden verraten und entsorgt.

22.12, Bea: Auf solche Äußerungen wartet der Verfassungsschutz nur.

Udo, AfD-Mitglied aus Westfalen, weiß fortan Friedrich an seiner Seite, einen Parteifreund aus Bayern. Friedrich hat mal der NPD in fünfstelliger Höhe gespendet. Sein Vorbild ist Björn Höcke. Der hat allen, die eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz (VS) fürchten, "politische Bettnässerei" vorgeworfen.

22.13, Friedrich: Wer hat vor dem VS Angst, außer Bettnässer?

22.13, Udo: Wir schulden niemandem Unterwerfung.

22.13, Werner: Das berechtigt noch lange nicht dazu, dass man andere mit Bomben tötet.

22.14, Bea: Genau, wir sind eine parlamentarische Kraft und keine revolutionäre! (...)

22.14, Friedrich: Noch nie was von Tyrannenmord gehört? Seit 2500 Jahren statthaft.

22.15, Udo: Viele überlegen schon ...

"Niemand ruft zu einem Attentat auf"

Aus Baden-Württemberg mischt sich jetzt Maria ein, sie kennt Friedrich, beide zählen zu den Erstunterzeichnern des "Stuttgarter Aufrufs". Darin wenden sich AfD-Mitglieder gegen jede Art von "Denk- und Sprechverbot". Maria schreibt, die Kritik an dem Beitrag mit der Bombe sei kein "Kindergeburtstag". Friedrich fragt, ob Maria "jetzt auch zu den Bettnässern übergewechselt" sei. Andere pflichten Maria bei, einer nennt Friedrichs Beiträge "schwachsinnig". Friedrich schreibt, er habe einen IQ von 135.

22.26, Maria: Friedrich, also bitte. Da wir uns persönlich kennen, will ich von der Beleidigung erst mal absehen. Wem bitte ist damit gedient, wenn wir in einem AfD-Chat zu Mord und Attentat aufrufen?  Mit einem sehr eindeutigen Vokabular? (...)

22.30, Udo: Niemand ruft zu einem Attentat auf ... Sie sind bekannt für Fehlinterpretationen. Glauben Sie nicht alles, was Sie glauben möchten.

Udo zählt jetzt den Marrakesch-Countdown, "noch 1,5 Stunden", schreibt er. Friedrich verteidigt ihn.

22.34, Friedrich: Das darf doch nicht wahr sein.  Manche können nicht mal lesen, geschweige denken. "Die Bombe in Marrakesch wäre unsere Rettung", hat Udo ­geschrieben. DAS IST EIN WUNSCH UND KEINE AUFFORDERUNG! (...)

Friedrich verweist nun auf Björn Höcke, den Helden der AfD-Extremen.

22.36, Friedrich: Bettnässer! Bettnässer! Wenn Höcke diesen Blödsinn hier lesen könnte. Er würde sich totlachen.

22.36, Udo: Genau ...

"Ja und! Davon träumen Millionen jede Nacht!“

Der Chat hat drei Administratoren. Einer von ihnen ist der AfD-Promi André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt. Einer anderer aus Nordrhein-Westfalen wird um 22.39 Uhr aktiv. Er entfernt Udo aus der Gruppe. "Solche menschenverachtenden Äußerungen will ich hier nicht lesen!", schreibt er. Etwas später verlässt die AfD-Europa-Kandidatin Verena Wester den Chat, freiwillig, ohne Angabe von Gründen. Andere folgen ihr.

Friedrich kämpft unterdessen weiter. Die AfD sei eine "Bewegungspartei", schreibt er, "wir werden kämpfen oder untergehen".

10.12.18, 0.49, Friedrich: Da hat sich jemand "gewünscht", dass das Merkel-Ungeheuer von einer Bombe hinweggefegt würde. Ja und! Davon träumen Millionen jede Nacht.

Am Morgen tobt die Diskussion weiter. Der Administrator reagiert:

11:47, Jürgen: So, Freunde, es häufen sich die Beschwerden bei mir über Friedrich. Da ich keine Zeit habe, 400 Nachrichten zu lesen, klärt mich bitte auf, warum genau hier gestritten wird und warum reihenweise Teilnehmer dieses Forum verlassen.

Die Erklärungen kommen, und zehn Minuten später wirft Administrator Jürgen den Teilnehmer Friedrich aus dem Chat. Das gibt viel Beifall – und Ärger.

12.33, Christiane: Wenn es schon reicht, Zweifel am Erfolg des (allein) parlamentarischen Weges zu haben und Du derjenige bist, der darüber bestimmen darf, wer dann geeignet ist, hier zu sein, dann schmeißt mich hier auch raus (...)

12.37, Martin: Christiane, es ging um den dringenden Wunsch nach einem Bombenanschlag.

12.38, Carl: Was soll dieser Unsinn, Friedrich rauszuwerfen? Wer noch glaubt, auf rein parlamentarischem Wege eine grundsätzliche Änderung herbeizuführen, ist abgrundtief naiv und gehört eigentlich nicht in die Politik ... Björn Höcke hat es in seiner Dresdner Rede klar gesagt: Es wird nicht ausschließlich über die Parlamente gehen!

"Ich habe sicher ein bisschen übern Zappen gehauen“

Der Administrator Jürgen sagte dem stern, er schmeiße ja nicht gleich jemanden aus seinen Whatsapp-Chats. Aber Udo und Friedrich hätten über die Stränge geschlagen. Und Friedrich habe ohnehin schon eine gelbe Karte gehabt. Im Chat selbst äußerte Jürgen als Grund auch die Möglichkeit, ein Teilnehmer könne die Diskussion verbreiten. "Das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, sind Schlagzeilen wie: 'Der Flügel plant Bombenanschlag auf die Kanzlerin' oder ähnlichen Unfug."

Von einem Plan hat tatsächlich niemand der Flügel-Leute geschrieben, nur davon, dass eine Bombe die Rettung sei. Das ist auch Udo wichtig. Er sei "erzürnt" gewesen, sagte Udo dem stern, und das sei ja schließlich auch ein Diskussionsforum gewesen. "Ich habe sicher ein bisschen übern Zappen gehauen". Ein Wort sei schnell geschrieben, "manchmal geht’s mit einem durch".

Zwischen Udos Rettung-durch-Bombe-Beitrag und seinem Rauswurf lagen 42 Minuten. Udo hat in dieser Zeit insgesamt 31 Mal in die Gruppe geschrieben, hat seine Position dabei immer wieder verteidigt. Um sich zu entschuldigen, sagte er dem stern, habe er gar keine Chance mehr gehabt.