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Thor Kunkel: Bikini statt Burka: Dieser Mann steckt hinter den provokanten AfD-Plakaten

Sie fordern Bikinis statt Burkas und verursachten Wirbel in der AfD: die Parteiplakate zur Bundestagswahl. Der Kopf hinter der Kampagne: Thor Kunkel. Er hat in der Vergangenheit schon mehrfach für Schlagzeilen gesorgt.

Thor Kunkel entwarf die umstrittenen Wahlplakate für die AfD

Thor Kunkel entwarf die umstrittenen Wahlplakate für die AfD (Archivbild)

Thor Kunkel, Schriftsteller und Inhaber einer PR-Agentur, stellt sich einer schwierigen Aufgabe, einer sehr schwierigen. Er will die "Alternative für Deutschland" wieder flottmachen. Die Partei, die ein gewaltiges Problem hat: Ihr Image ist so ramponiert, dass sich viele potenzielle Wähler zwar für sie interessieren, ihr Kreuz dann aber doch lieber woanders machen wollen. Das liegt zum einen an einigen prominenten Köpfen der Partei, von denen sich viele Menschen angewidert abwenden, zum anderen aber auch am Marketing, das aus einem lange abgelaufenen Jahrzehnt zu kommen scheint.

Das Image der AfD aufzupolieren, ist für einen Werber eine ungewöhnliche Aufgabe, ihr hat sich Thor Kunkel verschrieben, er ist der Kreativdirektor der Partei.

Thor Kunkel hat einen ungewöhnlichen Werdegang

Alles andere als gewöhnlich ist auch das Leben von Thor Kunkel. Der 53-Jährige hat eine interessante Vergangenheit: Geboren 1963 in Frankfurt am Main, die Eltern "Hippies", Besuch des Goethe-Gymnasiums, Mitglied einer Punkband, Kunststudent. Später: in die Werbung, erster Kunde "Kukident", dann Engagement in einer Londoner Werbeagentur. Politische Heimat: die Frankfurter Grünen in den Anfangsjahren. So beschreibt Kunkel selbst seinen Werdegang.

Warum berät so einer zur Bundestagswahl die AfD? Der "Spiegel" versuchte jüngst eine Annäherung. Der erste Eindruck: Der Mann will so gar nicht zum biederen Umfeld der Partei passen mit seiner eleganten Kleidung, seinem lässigen Auftreten, seiner Schlagfertigkeit. Aber das ist nur die Hülle, der Kern ist ein anderer, schreiben die Kollegen: Kunkel klinge "wie ein NPD-Mann auf Speed". Er fühlt sich dadurch angeprangert.

Möglicherweise hilft ein Blick auf seine Bücher dabei, zu verstehen, wie Kunkel tickt. Ende der 1990er, Anfang der 2000er-Jahre wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bei "Rowohlt" erschien sein erster Roman "Schwarzlicht-Terrarium". Vom Feuilleton wurde er überwiegend gelobt, Kunkel erhielt den renommierten Ernst-Willner-Preis. Allerdings gab es auch Kritik, der Autor habe seine Romanfigur auf seltsame Distanz zum Holocaust gehen lassen.

AfD testet Grenzen aus - oder überschreitet sie

Künstlerische Freiheit oder ein Tabubruch oder beides? Heute ist es die AfD, die regelmäßig diese Grenzen austestet und bisweilen überschreitet. Kunkel bezeichnet sie dem stern gegenüber als eine Partei mit "unbequemen Wahrheiten" in einem "von linken Medienkartellen" beherrschten "Meinungsmarkt".

2004 veröffentlichte Kunkel "Endstufe" - das Buch geriet zum Skandal: "Rowohlt" zog den Titel kurz vor dem Erscheinen zurück - in der Kontroverse ging es unter anderem um eine einseitige Darstellung der NS-Herrschaft. Der "Spiegel" resümierte kürzlich: "Kunkel macht die Nazizeit zur Kulisse für eine wilde und bluttriefende Sexgeschichte." Auch im stern stellte sich der Autor seinerzeit der Kritik an seinem Buch, Tenor: Das wird man doch wohl schreiben dürfen. Schließlich übernahm "Eichborn" den Druck.

Heute sagt Kunkel, die AfD spreche offen aus, "wer am Ende der Masseneinwanderung zu zahlen hat" und konstatiere, "dass der Islam sich eben nicht integriert". Im "Spiegel" gab er der Markenbotschaft der AfD das Label "Das wird man doch wohl sagen dürfen."

Sieben Jahre nach "Endstufe" kam "Subs" in die Buchläden: Ein Mann sucht eine Putzkraft, schreibt aber in die Annonce "Sklave". Immer mehr Menschen kommen zur Villa, campieren auf dem Grundstück - "Überfremdung" im eigenen Garten ist die Folge.

Thor Kunkel von 2017 klingt so: "Die Gesellschaft braucht dringend eine Oppositionspartei im Bundestag, damit der rechtswidrige Umbau Deutschlands zum Vielvölkerstaat gestoppt werden kann."

Mitglied der AfD ist Thor Kunkel nicht

Tabubrüche, Flirts mit dem rechten Rand, die vermeintliche Überfremdung - das kennt man auch von Teilen des Spitzenpersonals der AfD. Dennoch betont Kunkel, dass seine Arbeit als Schriftsteller losgelöst sei von seinem Engagement für die Partei. Die Unterstellung, er habe geschrieben, um der AfD den Boden zu bereiten, streitet er ab. Mitglied der Partei sei er ohnehin nicht.

Die Arbeit für die AfD-Wahlpropaganda ist trotzdem deutlich mehr als nur geschäftlich motiviert: "In der AfD sehe ich die Chance für eine Politik, bei der das Preis-Leistungsverhältnis für Wähler mit deutschem Pass wieder stimmt", teilt er dem stern mit. Nach dem möglichen Einzug der Partei in den Bundestag werde es dort mal wieder etwas anderes als "Dauer-Rot" geben.

Kunkel schreibt von einer "Gutmenschen"-Welt, von "Muttis Saftladen" (Angela Merkel und der Bundestag), von "Zensurminister Maas" und von "Musel-Importen"

Austeilen kann er, auch politisch unkorrekt. Rechts sei er jedoch nicht, lässt Kunkel wissen, solche Zuschreibungen halte er für antiquiert. Er wolle lediglich die "Staatstechnologie" verbessern. Dennoch wird bei seinen Aussagen klar, dass er, der Künstler, der Kreative, der Eloquente ganz dicht dran am Wesen der AfD ist - daraus macht er auch gar keinen Hehl.

Das Image der AfD list desolat, so die Diagnose

Es ist also kein Zufall, dass sich ausgerechnet Kunkel um die desolate Außendarstellung der "Alternative für Deutschland" kümmert. 2015 wurde er nach eigenen Angaben gefragt, ob er die AfD beraten könne. Konnte er. Er lieferte der Partei die "DNA einer Kampagne", sagte er später dem Recherchebüro "Correctiv". Das Ziel: "Ein Maximum an Aufmerksamkeit."

Es gab eine vernichtende Bestandsaufnahme auf dem Parteikonvent: Von einem gewaltigen Imageproblem, von Unattraktivität, von fehlender Gesellschaftsfähigkeit war da die Rede. "Ein Riesenproblem ist die Falschdarstellung der AfD in den Medien", konstatierte Kunkel. "Unsere größte Challenge war es daher, legitime Kritik am System popkulturell anschlussfähig zu machen."

Kunkels Marketingkonzept boxte er gegen viele parteiinterne Widerstände durch, wie der stern kürzlich aufdeckte. Er drückte der Partei das Schlagwort "happy product" auf, seine Strategie kam letztendlich an: "Ich glaube, gute Werbung ist stets in der Lage, eine überraschende Facette von etwas Bekanntem zu zeigen", erklärt der 53-Jährige. Seitdem soll Schluss sein mit Angst machenden Wahlplakaten, sie zeigen stattdessen jetzt unter dem Motto "Trau dich, Deutschland" leicht bekleidete Frauen am Strand, dazu der Slogan "'Burkas?' Wir steh'n auf Bikinis". Oder Frauen in Trachten: "'Bunte Vielfalt?' Haben wir schon." Eine schwangere Frau: "'Neue Deutsche?' Machen wir lieber selber."

Die Partei soll "happy product" sein

Das soll humorvoll sein, es soll das Angst- und Schlechtmacher-Image der AfD beseitigen, es soll neue Wählerschichten erschließen. Die Partei will mit ihren neuen Plakaten ein positives Lebensgefühl vermitteln. Das ist die popkulturelle Anschlussfähigkeit, das "happy product", das sich Kunkel vorstellt. Es ist aber eben auch nur ein neuer Anstrich für altbekannte Inhalte: gegen Zuwanderung, für Deutsche; gegen den Islam, für das christliche Abendland.

Kunkel will weitermachen, das nächste Ziel: die Bundestagswahl. "Spannend" finde er es, "eine neue, politische Kraft auf ihrem Weg zu begleiten." Er entwirft Kampagnen, er dreht Werbespots. Und er macht seine Motivation klar: "Da ich glücklicherweise noch nie in der Notlage war, für ein 'Produkt' werben zu müssen, das mir persönlich missfiel, versteht sich meine Haltung zur AfD wohl von selbst."