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Offener Brief eines Geflüchteten: "Wäre es sicher, glauben Sie mir, ich würde sofort zu meiner Familie zurückkehren"

Seine Abschiebung nach Afghanistan scheiterte vorerst, anschließend wandte sich Flüchtling W. Hasbunallah in seiner Verzweiflung in einem offenen Brief an die Menschen in Deutschland. Der stern dokumentiert das Schreiben. 

Mit einem offenen Brief wandte sich W. Hasbunallah aus Afghanistan an die Menschen in Deutschland

Mit einem offenen Brief wandte sich W. Hasbunallah aus Afghanistan an die Menschen in Deutschland

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Der 34-jährige Afghane W. Hasbunallah sollte am 4. Juli 2018 in sein Heimatland abgeschoben werden, so wie 69 seiner Landsleute, die am 69. Geburtstag von Bundesinnenminister Horst Seehofer im Flieger von München nach Kabul saßen und Deutschland verlassen mussten.

Die Abschiebung von Hasbunallah scheiterte. Als Polizisten ihn aus seiner Unterkunft in einer bayrischen Kleinstadt abholen wollten, brach er zusammen. Körper und Geist gerieten außer Kontrolle, er verletzte sich in Panik selbst. Statt am Flughafen landete er in einer psychiatrischen Klinik, wo Ärzte ihm eine Suizidgefahr attestierten und wo er noch heute ist und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt.

"Wenn ich zurück geschickt werde nach Afghanistan, bedeutet dies meinen sicheren Tod"

Von dort schrieb Hasbunallah - unterstützt von Helfern - Mitte Juli einen Brief an die Menschen in Deutschland, um seine Geschichte zu erzählen, seine Gefühle mitzuteilen, seine Erlebnisse zu schildern. 

Der stern hat seinen Fall umfangreich dokumentiert, die Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die Gerichtsurteile und die ärztlichen Gutachten.

An dieser Stelle veröffentlichen wir den Brief Hasbunallahs, unkommentiert und unverändert:

***

Sehr geehrte Menschen Deutschlands, sehr geehrte Menschen Bayerns,

Bitte lesen Sie dies, denn diese Zeilen kosten mich sehr viel Kraft, es geht mir sehr schlecht. Ich schreibe dies unterstützt in einem Krankenhaus in Bayern. Meine Kraft zu Leben wird weniger, meine Angst größer.

Ich habe hier lange gedacht, ich bin verrückt, aber ich habe dann von Ärzten und Therapeuten gelernt:  ich bin nicht verrückt, ich habe Trauma, weil ich in Afghanistan, wo ich herkomme von den Taliban entführt und gefoltert wurde. Das war auch der Grund warum ich meine Heimat und meine geliebte Familie verlassen musste. Und das ist auch der Grund, warum ich so viel Angst, Tag und Nacht, und manchmal keine Hoffnung mehr habe. Manchmal ist es so schlimm, dass mich der Lebensmut verlässt.

Ich heiße Hasbunallah W., 34 Jahre alt, bin aus AFGH und hier schutzsuchend. Ich kam 2015 über Zuweisung nach Bayern. In der Heimat war ich Holzhändler. 

Der offene Brief, den W. Hasbunnalah aus Afghanistan schrieb

Der offene Brief, den W. Hasbunnalah aus Afghanistan zusammen mit Helfern an die "sehr geehrten Menschen" in Deutschland schrieb

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Am 3.7.2018 bin ich im Krankenhaus aufgewacht, ich konnte mich kaum bewegen, mir tat alles weh, ich hatte Platzwunden, meine Backe war innen aufgebissen, mein Armbruch schmerzte fürchterlich, mein Kopf dröhnte furchtbar. Es war so viel Stress und Angst in meinem Körper und ich wusste nicht was los war. Wo ich war. Wie ich dort hin gekommen war.

Ich erhielt von meiner Ärztin die Information, dass die Polizei gekommen war, um mich zum Flugzeug nach Kabul zu holen.

Ich verstand nicht, denn ich hatte doch Termin für Gericht noch anstehend.

Aber nach und nach erinnere ich mich: Ich schlief mit Hilfe von starken Schlaftabletten, dann kam die Polizei plötzlich zu mir um mich zur Abschiebung zu holen. In mir war Todesangst. Ich wollte mein Telefon nehmen, um Anwalt oder Therapeutin im Krankenhaus anzurufen, aber ich durfte nicht.

Die Polizei sagte: Dafür hast du jetzt keine Zeit mehr, pack deine Sachen. Der Stress in mir stieg ganz schlimm an, mir wurde schwarz vor Augen ich flog um, mit dem Kopf gegen den Tisch. Dann spürte ich wie die Panik mich noch mehr ergriff, ich hatte keine Kontrolle darüber, ich wollte es nicht, aber ich schlug mit meinem Kopf gegen alles, denn ich wusste, ich kann nicht zurück, lieber mache ich mich selber tot. An Händen und Füßen wurde ich gefesselt. Irgendwie brachte man mich wohl ins Krankenhaus

Warum ich nach Deutschland kam?

Ich wollte das nicht. Ich wollte bei meiner Familie bleiben, aber die Taliban suchten mich weiter: und mein Vater und meine Frau bestanden darauf. Sie sagten, "du musst leben", sie wollten, dass ich an einem sicheren Ort bin. Wir hofften alle, dass ich diesen in Europa finden könnte. In Deutschland angekommen gab ich meine Tazkira ab und auch die Beweise für meine Fluchtursache.

Als ich hier ankam ging es mir schon schlecht, der Satz der Taliban, "mit dir sind wir noch nicht fertig klang" dauerhaft in mir nach. Die Angst verließ mich trotz Entfernung nicht. Aber ich schämte mich extrem, so sagte ich es keinem meiner Landsleute und den Deutschen konnte ich es auch nicht sagen, denn ich musste die Sprache ja erst noch lernen. Zudem fragte keiner danach, wie es mir ging.

Dann bekam ich immer und immer wieder negative Bescheide beim Asylverfahren, ich verstand nicht, ich lüge doch nicht. Es hieß immer öfter Afghanistan sei sicher. Afghanistan ist NICHT SICHER! Wie können manche so etwas nur behaupten?!

Wäre es sicher, glauben sie mir, ich würde sofort zu meiner Familie zurückkehren. Wie kann jemand denken, dass ich ohne Grund nach Deutschland komme. Wie kann man sagen, meine Geschichte wäre nicht richtig? Wie kann man sagen, AFGH sei sicher.

Ich verstehe die Angst der Deutschen vor schlechten Menschen, die es überall gibt, und ich verstehe, dass Deutschland sich auch beschützen will vor Terrorismus. Glauben Sie mir, ich auch. Von Gewalt habe ich schon zu viel erlebt.

Ich bin kein schlechter Mensch, ich will doch nur leben wie ein Mensch, ich brauche Schutz. Dieses Schicksal suchte ich mir nicht aus.

Ich erleben, dass es keinen Platz auf der Welt gibt für mich. Ich denke immer öfter, dass es für mich und vor allem auch für meine Familie besser gewesen wäre, wenn die Taliban ihr Werk damals beendet hätten. Denn meine Familie wird nach wie vor bedrängt zu verraten, wo ich mich aufhalte. Neulich wurde mein Vater deswegen von ihnen zusammengeschlagen. In meiner Region sind nach wie vor Taliban am Wirken, sie tun dies nicht versteckt, sie machen es öffentlich, damit sie durch die Angst ihre Macht vergrößern.

Wenn Ich zurück geschickt werde nach Afghanistan, bedeutet dies meinen sicheren Tod, vielleicht kann ich mich dort ein Weilchen verstecken, aber lieber töte ich mich, als dass die Taliban mich wieder in die Hände bekommen.  Ich kann nicht mehr. Geben Sie mir das Recht zu leben. Zu leben wie ein Mensch, nicht versteckt wie ein Tier.

Ich brauche den Schutz Deutschlands, warum wird er mir aberkannt? Was habe ich falsch gemacht? Ich bin weder unkooperativ, noch straffällig, ich strenge mich an, gut deutsch zu lernen, zu arbeiten und die neuen Regeln zu lernen.

Ich will einen sicheren Ort, ich will innerlich wieder zur Ruhe kommen, ich will wiederlernen zu schlafen ohne zu schreien dabei und ohne diese fürchterlichen Alpträume, ich will das Vertrauen in die Welt zurück erlangen.

Ich bin doch auch ein Mensch.

Mit freundlichen Grüßen

Hasbunallah W.

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