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AfD-Spitzenkandidatin: Was dafür spricht, dass Weidel ihren Abgang inszeniert hat

War es ein inszenierter Eklat? Nachdem AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel die ZDF-Sendung "Wie geht's, Deutschland?" mitten in der Diskussion verlassen hat, mehren sich die Stimmen, die von einem Kalkül der Rechtspopulistin ausgehen. Das sagt die Partei dazu.

Es war gegen 21.20 Uhr im Berliner Studio des ZDF. 19 Tage vor der Bundestagswahl diskutierte Moderatorin Marietta Slomka mit den Politikern Ursula von der Leyen (CDU), Katja Kipping (Die Linke), Jürgen Trittin (Die Grünen), Heiko Maas (SPD), Katja Suding (FDP), Andreas Scheuer (CSU) und Alice Weidel (AfD) unter dem Titel "Wie geht's, Deutschland?" die Probleme des Landes. Es war eine lebhafte Diskussion, für die 2,55 Millionen Fernsehzuschauer deutlich spannender als das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz am Sonntagabend.

An der Reihe war gegen 21.20 Uhr das Thema "Integration von Flüchtlingen", das Leib- und Magenthema der AfD. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach gerade über Bleibeperspektiven von Geflüchteten, als AfD-Frontfrau Alice Weidel ihm ins Wort fiel: "Also soll illegale Einwanderung legalisiert werden, Herr Scheuer? Die illegale Einwanderung wollen Sie legalisieren!"

Wie glaubwürdig war der empörte Abgang von AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel aus der ZDF-Sendung?

Wie glaubwürdig war der empörte Abgang von AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel aus der ZDF-Sendung?

Andreas Scheuers Angriff auf Björn Höcke

Scheuers Reaktion: "Ja, Frau Weidel, bevor Sie jetzt da rumstänkern, machen Sie erst einmal den Zuschauern klar, dass Sie sich von Herrn Gauland und Herrn Höcke distanzieren. Der Herr Gauland, der Herrn Höcke als die Seele der AfD bezeichnet hat. Für mich ist er einfach ein Rechtsradikaler!"

Das war offenbar zu viel für Alice Weidel. Sie packte ihre Notizzettel zusammen und verließ kopfschüttelnd das Studio - unter Gejohle im Publikum. Die Sendung ging nahtlos weiter.

+++ Die gesamte ZDF-Sendung "Wie geht's, Deutschland?" sehen Sie hier in der Mediathek des Senders +++


Brachte die Bezeichnung ihres Parteikollegen Björn Höcke als "Rechtsradikaler" tatsächlich das Fass für Alice Weidel zum Überlaufen? Das bezweifeln nicht nur viele Nutzer in den sozialen Netzwerken, sondern laut "Bild"-Zeitung auch die anderen beiden Talkshowgäste Katja Kipping und Heiko Maas. In der Tat spricht vieles dafür, dass sie ihren Abgang inszenierte.

Schnelles Statement der AfD-Frontfrau

1. Die Reaktion: Fast genauso schnell und überraschend wie Alice Weidel die Talkrunde verlassen hatte, veröffentlichte sie ein Statement zu ihrem Abgang in den sozialen Netzwerken: um 22.11 Uhr bei Facebook und um 22.18 Uhr bei Twitter, gut eine Stunde nach dem Eklat.


Eine solche Grafik lässt sich grundsätzlich natürlich in dieser Zeit produzieren, auffällig an der Erklärung ist jedoch, dass nicht mit einem Wort auf den Inhalt der Sendung oder auf die Attacke Scheuers eingegangen wird. Zielscheibe ist einzig und allein ZDF-Moderatorin Slomka. Sie sei "parteiisch und vollkommen unprofessionell" und habe sich "mit der frechen Intoleranz und der plumpen Argumentation von SPD und Grünen gemein gemacht". Ihr Verhalten verzerre und sei "zutiefst unprofessionell". Die in der Schweiz lebende Politikerin schließt ihre Darstellung mit dem Aufruf zu einer Ordnungswidrigkeit: "Ein weiterer Grund, die Zahlung des Rundfunkbeitrages zu verweigern."

Die völlige Ausblendung der Ereignisse in der Talkshow legt eigentlich nur einen Verdacht nahe: Das Statement lag in dieser Form bereits vor dem Eklat in der digitalen Schublade.

Alice Weidel treibt Parteiausschluss Höckes voran

2. Weidels Verhältnis zu Björn Höcke: Dass der Vorwurf des Rechtsradikalismus gegen ihren Parteikollegen Björn Höcke Weidel so sehr aus der Fassung brachte, dass sie die Runde verließ, scheint aufgrund der Vorgeschichte wenig glaubwürdig. Die AfD-Spitzenkandidatin ist eine der treibenden Kräfte hinter dem Ausschlussverfahren gegen den Rechtsaußen der Partei. Unter anderem sagte sie zu dem Thema im "RBB Inforadio": "Sie wissen auch, dass ich diese Entscheidung (zum Parteiausschlussverfahren, d. Red.) mitgetragen habe und auch mittrage." Man müsse die getroffene Entscheidung "möglichst schnell exekutieren".

Weidel positionierte sich also klar gegen Björn Höcke und seine rechtsradikalen Äußerungen, in der ZDF-Sendung reagiert sie aber dünnhäutig, wenn er als rechtsradikal bezeichnet wird - das ist wenig glaubwürdig und nur schwer vorstellbar.

Tabubrüche gehören zum Konzept

3. Der Abgang passt ins Konzept der AFD: Eine Talkshow im Gespräch zu verlassen, ist stets ein Garant für Aufmerksamkeit. Ob kürzlich Wolfgang Bosbach bei Sandra Maischberger, Eva Hermann bei Johannes B. Kerner oder Bernd Lucke bei Michel Friedmann: Schlagzeilen sind garantiert. Und die Schlagzeilen sind auch das Ziel der AfD - auch wenn es dazu Tabubrüche braucht. In einem Strategiepapier zur Bundestagswahl der AfD heißt es unter anderem, dass die Partei auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken dürfe. Der Abgang Weidels wäre nur ein weiterer Akt in dem Empörungsschauspiel der AfD. Vor diesem Hintergrund glaubt auch Medienwissenschaftler Jo Groebel an eine Inszenierung Weidels. Der Eklat sei im Wahlkampf ein "naheliegendes Mittel, Aufmerksamkeit, Schlagzeilen, Emotionen und gegebenenfalls auch die Bestätigung von 'Opferrolle' und 'Ausgrenzung' durch die 'Etablierten' zu bekommen", sagte er der "Heilbronner Stimme". Das Kalkül ist aufgegangen - wieder einmal.


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Reaktionen auf Abgang und Kritik von Alice Weidel

Das ZDF reagierte empört auf die Kritik Weidels: "Wer austeilt, muss auch einstecken können. Das gehört zur Diskussionskultur in Talksendungen", teilte Chefredakteur Peter Frey dem stern mit und stellte sich hinter Slomka. "Die Kritik von Frau Weidel an der Moderatorin weise ich mit Nachdruck zurück. Marietta Slomka hat die Runde mit sieben Politiken und sechs Bürgern fair und gelassen moderiert." Frey sprach ebenfalls von einer "Inszenierung".

Ob der Vorwurf des Kalküls zutreffend oder trotz aller Indizien falsch ist, weiß vermutlich nur eine: Alice Weidel selbst. AfD-Sprecher Christian Lüth war am Vormittag über Stunden jedoch nicht für eine Stellungnahme erreichbar, lediglich bei Twitter gab es ein kurzes Statement: Die Aktion sei keine PR gewesen.


Vielleicht erfahren die Fernsehzuschauer am Donnerstag mehr über die Hintergründe des Eklats - oder erleben einen weiteren. Ab 22.45 Uhr soll Alice Weidel in der Live-Sendung "Illner intensiv" - erneut im ZDF - zu Gast sein. Abgesagt hat sie bislang noch nicht.


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