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Flüchtlingspolitik: Ankerzentren starten in Bayern: "Wir zeigen, wie es funktioniert"

Ziel der Ankerzentren in Bayern ist es, Migranten schneller abzuschieben, wenn sie kein Bleiberecht haben. Kritiker sehen in den Zentren allerdings ein Integration-Hemmnis und warnen vor erhöhten Aggressionen.

Kurze Wegen sollen in den sogenannten Ankerzentren in Bayern die Asylverfahren beschleunigen

Kurze Wegen sollen in den sogenannten Ankerzentren in Bayern die Asylverfahren beschleunigen

DPA

Abschiebelager, Masseneinrichtungen, Ghettos - so haben kirchliche Organisationen, Flüchtlingshelfer und die Opposition die Ankerzentren kritisiert. Nach dem "Masterplan Migration" von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sollen die Einrichtungen eine Abschiebung oder Rückführung derjenigen Migranten beschleunigen, die kein Bleiberecht haben. Während viele Bundesländer zögern oder nicht mitmachen wollen, wird das Konzept nun in Bayern umgesetzt.

Ab 1. August werden in allen sieben Regierungsbezirken Transitzentren oder Erstaufnahmeeinrichtungen umgewandelt. "Wir sind ein Vorbild für ganz  Deutschland. Wir zeigen, wie es funktioniert, dann können es die anderen auch machen", sagt Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

Das "Anker" steht nicht für rettenden Hafen

Das Wort "Anker" steht keineswegs für einen rettenden Hafen in stürmischer See. Es steht vielmehr für An(kunft), k(ommunale Verteilung), E(ntscheidung) und R(ückführung). Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die Bundesagentur für Arbeit, Jugendämter, Justiz- und Ausländerbehörden sollen dort vertreten sein. Kurze Wege sollen Verfahren beschleunigen. Etwa 1000 bis maximal 1500 Flüchtlinge sollen zentral untergebracht werden.

"Die Ankerzentren bieten für alle Beteiligten eine bessere Perspektive, sowohl für denjenigen, der zu uns kommt, als auch für die Bevölkerung. Es wird einfach schneller entschieden, alle Beteiligten sitzen an einem Tisch", sagt Söder. Auch mit der Umstellung von Geld- auf Sachleistungen werde erreicht, dass nur die kämen, die eine echte Bleibeperspektive haben. Das sei auch ein Signal an Schlepper und Schleuser - "die wollen wir abschrecken".

Die Zentren sind ein zentraler Punkt in Seehofers Asylplänen, die fast zum Bruch der Koalition geführt hätten. Und eine von mehreren Maßnahmen, die Söder in Bayern - bei rückläufigen Flüchtlingszahlen - wenige Monate vor der Landtagswahl umsetzt: eine eigene Grenzpolizei, die Abschiebung in Charterflugzeugen und ein Landesamt für Migration und Rückführungen, das in Manching ebenfalls am 1. August startet.

Caristas: Ankerzentren schüren Aggressionen

Die Caritas sieht vor allem in Manching das "Anker"-Konzept schon umgesetzt -und hält es für verfehlt. "Unsere vielfältigen Erfahrungen in großen und kleinen Aufnahmeeinrichtungen belegen: Wenn mehrere Hundert Flüchtlinge ohne Perspektive und ohne Beschäftigung längere Zeit in großen Unterkünften auf sehr engem Raum zusammenleben müssen, führt dies unweigerlich zu Konflikten innerhalb des Zentrums und auch in der Nachbarschaft", sagt Caritasdirektor Georg Falterbaum. "Große Anker- oder Transitzentren sind auf Exklusion ausgerichtet, schüren Aggressionen und verhindern Integration."

Im oberbayerischen Waldkraiburg, wo rund 300 bis 400 Menschen untergebracht sind, endete im Juni ein Streit um Kühlschränke und Tumulten und einer Messerstecherei. In der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen in Baden-Württemberg verhinderten vor einigen Monaten etwa 200 Migranten zunächst die Abschiebung eines Mannes aus Togo.

"Wir plädieren für kleinere und dezentrale Einheiten, um die Zuflucht Suchenden unterzubringen. Grundsätzlich fordern wir eine Lockerung der Arbeitsverbote für Flüchtlinge", sagt Falterbaum. In Manching sind manche Migranten laut Caritas zwei Jahre. Gerade für Kinder sei das fatal, sagt Migrationsreferent Willi Dräxler. Er sehe eine Beschleunigung der oft langwierigen Verfahren positiv. Dennoch müsse den Menschen Zeit gelassen werden, erst einmal anzukommen.

Die Ankerzentren stehen im Koaltitionsvertrag

Die Ankerzentren stehen im Koalitionsvertrag, die Umsetzung liegt bei den Ländern. Außer Bayern ist laut Bundesinnenministerium Sachsen bereit, sich mit dem Modellstandort Dresden zu beteiligen. "Das Saarland hat Interesse bekundet, da die Voraussetzungen in Lebach gegeben wären, dies wird allerdings derzeit noch geprüft", teilte eine Sprecherin mit. Darüber hinaus würden Gespräche geführt, die allerdings noch nicht zu konkreten Standorte geführt hätten.

Ein Nein zu den Zentren kam zumindest im Mai aus Berlin, Rheinland-Pfalz, Hessen und Thüringen. Wie es in Bayern bei sinkenden Flüchtlingszahlen langfristig weitergeht, ist offen. Der Standort Donauwörth soll jedenfalls 2019 geschlossen werden.

tis / Sabine Dobel / DPA