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Anschlag in Halle: Experte: Die Sicherheit, dass die Anschauung der Attentäter an Öffentlichkeit gelangt, ist neu

Nach dem Terroranschlag von Halle sind einige Fragen noch offen. Laut Ermittlern hat Stephan B. alleine gehandelt, sich offenbar im Internet radikalisiert. Doch wie passiert so etwas? Und ist das öffentliche zur Schau stellen der Taten eine neue Form des Terrorismus? Ein Experte antwortet.

Der Attentäter von Halle wird von Polizisten aus einem Hubschrauber gebracht

Der Attentäter von Halle wird von Polizisten aus einem Hubschrauber gebracht. Kleines Bild: Prof. Fabian Virchow

Es ist eine Tat, die sprachlos macht und schockiert: Am Mittwoch hatte der Deutsche Stephan B. versucht, sich mit Waffengewalt Zutritt zur Synagoge von Halle in Sachsen-Anhalt zu verschaffen. Dort hielten sich mehr als 50 Gläubige auf. Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Als er nicht hineinkam, erschoss er vor dem Gotteshaus eine 40-jährige Frau und in einem nahen Dönerladen einen 20 Jahre alten Mann. Der 27-jährige B. hat die Tat mittlerweile gestanden und auch ein rechtsextremes und antisemitisches Motiv eingeräumt.

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden hatte B. bei seinem Angriff auf die Synagoge vier Schusswaffen und mehrere Sprengsätze bei sich. Ermittler fanden in Wohnräumen des Tatverdächtigen einen 3D-Drucker, was den Verdacht untermauert, er habe seine Waffen selbst hergestellt. Seine Tat streamte der Attentäter live ins Internet, das Video verbreitet sich im Netz.

Negative Erfahrungen können Auslöser für Radikalisierung sein

Auch wenn nach ersten Erkenntnissen Stephan B. alleine gehandelt habe, so steht für die Ermittler die Frage im Fokus, ob der Täter Unterstützer hatte. Das teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am Freitag mit. "Die weiteren Ermittlungen werden sich insbesondere mit der Frage befassen, ob neben Stephan B. weitere Personen in die Tat oder deren Vorbereitung eingebunden waren", hieß es.

Der Politikwissenschaftler Prof. Fabian Virchow von der Hochschule Düsseldorf würde nicht ausschließen, dass sich jemand entscheidet, eine solche Tat alleine durchzuführen und zu planen.

Aber: "Ob der Begriff des Einzeltäters tatsächlich Sinn macht, weil man ja im Blick haben muss, dass er die Weltsicht vermutlich stark durch seine Internetnutzung bekommen oder radikalisiert hat, da bin ich im Zweifel. Für die operative Umsetzung mag das in manchen Fällen gelten. Aber für die Weltanschauung wird man nie sagen können, dass jemand plötzlich von sich aus auf solche Gedanken kommt", so Virchow im Gespräch mit dem stern.

Aber wie kommt man überhaupt auf solche Gedanken und eine solche Weltanschauung? "Es kann im Einzelfall sein, dass jemand in der Begegnung mit anderen bestimmte Erfahrungen gemacht hat. Negative Erfahrungen, die dann für ihn – oder in seltenen Fällen für sie – Auslöser sind, um nach entsprechenden Informationen, Hintergründen und Erklärungen zu suchen", sagt Virchow. Und wenn man sich in die Welt von Internetseiten begeben würde, die rassistische, antisemitische Weltdeutungen anbieten, dann finde man dort Vorschläge, wie mit der Situation, die da als Problem markiert ist, umzugehen ist. Im Zweifelsfall Gewalt.

"Will Zeichen geben für andere 'unterdrückte Weiße'"

"Dann gibt es Diskussionen, unter welchen Bedingungen das legitim ist. Dann gibt es Hinweise darauf, wo man entsprechende Waffen oder das, was man für die Tatausführung braucht, bekommen kann", sagt Virchow. Man sehe sich jedenfalls in den eigenen Einstellungen bestätigt und auch darin, dass es "endlich mal jemand bräuchte, der zur Tat schreitet", so Virchow weiter.

Stephan B. war laut Berichten viel im Internet unterwegs, veröffentlichte sein Manifest dort. Heutzutage spielt das Internet eine große Rolle bei der Radikalisierung der Täter. Dies habe man beim Attentäter von Oslo und Utøya, Anders Behring Breivik, und auch bei anderen Fällen der letzten Jahre gesehen, so auch in Halle: "Das spricht ja auch deutlich aus diesem Manifest. Er will Vorbild sein, will ein Zeichen geben für die anderen 'unterdrückten Weißen'. Ich würde nicht ausschließen, dass er sich mit den Manifesten der Christchurch- oder El-Paso-Attentäter oder Breivik beschäftigt hat und durch die inspiriert worden ist", sagt Virchow über Stephan B.

Kommunikation "gar nicht so konspirativ, wie man sich das vielleicht vorstellt"

Die Radikalisierung und Kommunikation unter Rechtsextremen erfolge dabei nicht immer verschlüsselt oder in versteckten Foren im Internet, erzählt Virchow. "Ich würde das Bild in Zweifel ziehen, dass das alles im Geheimen stattfindet. Wenn man sieht, dass vor kurzem Lutz Bachmann bei der Pegida-Rede ein Bild gezeichnet hat, wo er im Prinzip sagt 'Wir graben einen tiefen Graben, da tun wir die ganzen politischen Gegner rein und schütten den Graben dann zu', dann ist das auch eine Tötungsfantasie, die ganz öffentlich geäußert wird. Wenn man dann im Internet unterwegs ist, dann gibt es auch Facebook-Gruppen, wo solche Sachen offen diskutiert werden oder wo man relativ leicht auf Anfrage Zugang bekommt. Insofern ist das gar nicht so konspirativ, wie man sich das vielleicht vorstellt."

Im Dunkeln steht ein Mann mit Brille und grauen Locken vor einer von der Polizei bewachten Absperrung

Auch andere Plattformen spielten dabei eine Rolle, wie zum Beispiel Gaming-Plattformen oder Ego-Shooter. Laut Virchow gebe es zwischen diesen Spielen und dem Video des Attentäters B. eine gewisse Parallelität. Man werde "spielerisch" in Gewalthandeln "hineinsozialisiert" und Hemmschwellen würden überwunden. Das würden extrem rechte Akteure stärker nutzen.

"Breivik würde das heute wahrscheinlich ebenso machen"

Dass Attentäter ihre Taten über eben diese Plattformen im Internet live streamen, ist mit Christchurch und jetzt Halle ein neues Phänomen – aber kein neuer Terrorismus, so Virchow: "Ich würde sagen zumindest im Bereich des Rechtsextremismus und Rassismus ist das eine neue Form der Tatumsetzung, weil es live übertragen wird. Diese Liveübertragung hat ja auch den Zweck zu verhindern, dass eine solche Botschaft, die mit solchen terroristischen Akten verbunden ist, unterdrückt wird. Wenn jetzt die Täter ein schriftliches Manifest hinterlassen würden, dann wäre ja unklar, ob das eine breitere Öffentlichkeit zur Kenntnis nimmt. Aber wenn man es live transportiert, dann kann man sicher sein, dass das eine nicht spezifizierbare Anzahl von Menschen sieht."

Auch das Video von Stephan B. haben sich mehrere Menschen angeschaut. Es wurde weiterverbreitet und auch wenn man es eifrig löscht, ganz aus dem Netz wird es wohl nie verschwinden. Etwas, was den Attentätern in die Karten spielt. "Diese Sicherheit, dass die eigene Sichtweise an die Öffentlichkeit gerät, ist ein zentrales neues Element dessen, was wir jetzt in diesem Jahr mit Christchurch, El Paso und jetzt in Halle erlebt haben. Und Breivik würde das heute wahrscheinlich ebenso machen." 

Radikalisierung in der Bundeswehr?

Ein weiterer Aspekt: Stephan B. hat bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst absolviert. Wie der "Spiegel" berichtete, absolvierte er seinen sechsmonatigen Dienst in den Jahren 2010 und 2011. Damals galt noch die inzwischen ausgesetzte Wehrpflicht. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte der Deutschen Presseagentur, Stephan B. habe in der Zeit vor Aussetzung der Wehrpflicht seine Grundausbildung abgeleitet. Damit hat er automatisch eine Ausbildung an der Waffe gehabt. Könnte die Zeit bei der Bundeswehr B. ebenfalls radikalisiert haben?

"Das ist sicher viel Spekulation. Was man weiß, ist, dass es rechtsextrem eingestellte Personen bei der Bundeswehr gibt und dass sich die Personen relativ schnell untereinander erkennen. Also man sozusagen mitkriegt, wer gleichgesinnt ist", so Virchow. Ob das dann zur Radikalisierung führe, hänge von vielen verschiedenen Faktoren ab. 

Christine Lambrecht

Virchow: Taten können nie ganz verhindert werden 

Laut Fabian Virchow könne man solche Taten, wie sie jetzt beispielsweise in Halle passiert sind, nie ganz verhindern. Stephan B. habe relativ isoliert gelebt "und wenn er tatsächlich diese Anschlagsplanung allein gemacht hat, dann ist das wohl sehr schwer zu verhindern", so der Politikwissenschaftler. Gleichwohl ließen sich im Internet in vielen Fällen Radikalisierungsprozesse verfolgen. "Wir wissend das aus dem Bereich des neosalafistischen und des jihadistischen Terrorismus, wo ja entsprechende Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden auch liegt. Ich glaube, es ist überfällig, dass das auch für Bereich des Rechtsextremismus so ist. Dafür bedarf es sicherlich besonders ausgebildeter Personen bei den Polizeien und den Staatsanwaltschaften, um das auf ein angemessenes Niveau zu bringen."

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will die bereits geplante Reform für eine bessere Bekämpfung des Rechtsextremismus beschleunigen. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigte an, dass sie die Mittel für die Arbeit gegen Antisemitismus aufstocken möchte.

mit Material der / DPA