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Interview

Experte zu Anschlag in Hanau: "Tobias R. verkörpert das klassische Täterprofil eines rechtsorientierten, einsamen Wolfes"

Für Extremismusforscher Florian Hartleb deutet vieles darauf hin, dass es sich beim mutmaßlichen Täter von Hanau um einen rechtsradikalen Einzeltäter handelt – um einen "einsamen Wolf". Was sind das für Menschen? 

Polizeiabsperrungen sind am am Heumarkt in Hanau zu sehen, wo mehrere Menschen ums leben gekommen waren

Polizeiabsperrungen sind am am Heumarkt in Hanau zu sehen, wo mehrere Menschen ums leben gekommen waren

DPA

Der Schock sitzt immer noch tief. Tobias R., ein 43-jähriger Deutscher, schießt am Mittwochabend im hessischen Hanau um sich. Er tötet neun Menschen mit ausländischen Wurzeln, anschließend offenbar auch seine Mutter und sich selbst. Was steckt hinter der mutmaßlich rassistischen Gewalttat? 

"Tobias R. verkörpert das klassische Täterprofil eines rechtsorientierten, einsamen Wolfes", sagt der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Florian Hartleb. "Der Täter war ein Einzeltäter in der Ausführung und vorher Teil eines ideologischen Rudels." Ein Interview.

Anschlag in Hanau: Extremismusforscher über die Gefahr rechter Einzeltäter

Herr Hartleb, viele sehen in dem mutmaßlichen Todesschützen von Hanau einen gefährlichen und rassistischen Ideologen, einen gestörten und wahnhaften Irren oder beides. Sie sehen in Tobias R. einen "einsamen Wolf". Warum?

Florian Hartleb: Tobias R. verkörpert das klassische Täterprofil eines rechtsorientierten, einsamen Wolfes. Warum? Der Täter war ein Einzeltäter in der Ausführung und vorher Teil eines ideologischen Rudels. Er hat sich im Internet stark radikalisiert, wie sein online veröffentlichtes Manifest und das Youtube-Video zeigen (lesen Sie hier mehr dazu). Beide Publikationen sind mit zahlreichen, bekannten Verschwörungstheorien gespickt. Bei Tobias R. zeigen sich aber noch weitere Auffälligkeiten, die für das Täterprofil stehen. Etwa psychischer Natur – er fühlte sich von einer anonymen Macht verfolgt. Oder ein ausgeprägter Narzissmus – er sagte, er sei ein Genie und selbst der US-Präsident Donald Trump habe seine Ideen abgekupfert. In Summe ergibt die Kombination aus psychischen Störungen, persönlichen Frustrationen und politischen Motiven genau das Täterprofil des einsamen Wolfes.

Was ist Ihnen an Tobias R. besonders aufgefallen? Was steckt hinter seinem Fanatismus?

Was stark beim Täter von Hanau auffällt, ist, dass er Frauen hasst. Von früheren Schulkameraden und Mitstudierenden wurde er als komisch und eigenartig beschrieben. Dazu kommen noch persönliche Brüche: Der Täter war arbeitslos und lebte bei seinen Eltern, obwohl er durchaus Talente hatte – er schloss ein Studium ab, in dem Youtube-Video spricht er gutes Englisch. 

Einsame Wölfe sind auch Kinder unserer Zeit. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Verschwörungstheorien grassieren und zunehmend verfangen. Die Schilderungen von Tobias R. über den Anschlag in den USA am 11. September 2001 und sein ausgeprägter Antiamerikanismus – es werde sowieso alles von den Amerikanern bestimmt, einen deutschen Staat gebe es nicht – sind daher auch Spiegel eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses.

Der mutmaßliche Täter von Hanau offenbarte ein gestörtes Verhältnis zu Frauen, war scheinbar sozial isoliert, lebte bei seinen Eltern. Welche Rolle spielt das?

Ein gestörtes Verhältnis zu Frauen ist typisch für das Täterprofil des einsamen Wolfes. In der Regel leben sie sozial isoliert und pflegen eine gewisse Hassliebe zur eigenen Mutter. Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 bei seinem rassistischen Amoklauf 77 Menschen tötete, hat sein gestörtes Verhältnis zu Frauen in seinem Manifest beschrieben. Auch der rechtsradikale Attentäter von Halle hatte bei seiner Mutter gelebt und einen ausgeprägten Hass auf Frauen.

Alle eint, dass sie nicht bei Frauen landen konnten und auch deswegen frustriert waren. Schließlich suchen sie eine ideologische Rechtfertigung. So auch Tobias R.: Er machte etwa Geheimorganisationen für sein Scheitern bei Frauen verantwortlich, benannte Frauen ausdrücklich als Problem und als einen Grund für sein Handeln.

Dieses Rudel ist anonymisiert und sehr dynamisch

"Einsame Wölfe" haben also durchaus Gemeinsamkeiten?

Ja, aber nicht nur. Das macht es schwierig, gängige Muster zu finden. Zum Beispiel schreibt der Täter von Hanau in seinem Pamphlet weder etwas über den Nationalsozialismus, noch über die AfD oder andere politische Parteien, Strömungen und Organisationen. Das war bei Breivik anders. Und auch der Mörder von Christchurch sprach etwa über die "Identitäre Bewegung". Gemein hatten sie hingegen ihren Narzissmus, ihren Geltungswahn und das Ziel, ein breites Publikum zu finden. Der Täter von Hanau verfasste sein Manifest auf Deutsch, um das deutsche Volk zu erreichen, und sprach in seinem Youtube-Video englisch, um die Amerikaner zu erreichen.

Mit seinen rassistischen Verschwörungstheorien und Vernichtungsfantasien ist Tobias R. nicht allein. Im Netz, in einschlägigen Foren, findet man entsprechendes Gedankengut zuhauf. Hat dieser Tätertypus ein digitales Rudel?

Ja, aber dieses Rudel ist anonymisiert und sehr dynamisch. Es denkt nicht in Mitgliedschaften, in der Regel ist niemand in einer Partei oder Organisation tätig. Aber sie sind Gleichgesinnte, tauschen sich im virtuellen Raum aus, bestätigen und verbreiten gegenseitig ihre Verschwörungstheorien. Insofern gibt es ein ideologisches Rudel. Auch die sogenannte Reichsbürgerbewegung in Deutschland, zu der circa 16.000 Menschen gezählt werden, ist der Überzeugung, dass alles von den USA bestimmt und kontrolliert wird. Dieser Auffassung war Tobias R. auch.

Welchen Einfluss haben das Internet, soziale Netzwerke bei der Entwicklung dieses Fanatismus?

Es ist eigentlich antiquiert, die Debatte nur über soziale Netzwerke zu führen. Es gibt auch scheinbar unverdächtige Spieleplattformen, auf denen Millionen von Menschen etwa Ego-Shooter spielen – und sich dort ebenfalls über Verschwörungstheorien austauschen. Dazu kommt, dass der Täter von Hanau eine eigene Webseite hatte, auf der er sein Manifest veröffentlichte. Man darf nicht unterschätzen, dass diese Tätertypen bis zu 20 Stunden am Tag im Internet verbringen, sich in entsprechenden Chaträumen und finsteren Foren rumtreiben – und sich dadurch auch gewisse IT-Kompetenzen aneignen, die weit über soziale Netzwerke hinausgehen. 

Die Tat von Hanau lässt sich auch als Nachahmungstat sehen

Suchte Tobias R. mit seinem Pamphlet und dem Youtube-Video nach Anschluss in der rechtsradikalen Szene, nach Bestätigung?

Man kann davon ausgehen, dass der Täter von Hanau zu gewisser Berühmtheit gelangen wollte und seine Tat andere inspirieren sollte. Tobias R. empfand sich als intelligenter als alle anderen und hielt sich für den einzigen, der die große Verschwörung durchschaut habe – er wollte im Grunde genommen zeigen, dass er auf der richtigen Seite steht. Das war auch schon bei Breivik so: Dieser Tätertyp tut alles, um sich selbst hochzustilisieren. Sie versuchen sich mit ihrem Handeln als Helden zu verkaufen und ihre eigene Rolle – sozial isoliert, privat gescheitert – weg vom Verlierer-Image zu transformieren. Der Täter von Hanau sagte, man solle endlich aufwachen und einsehen, dass alles von einer Geheimorganisation bestimmt werde. In ihrer Vorstellung verändern sie die Gesellschaft zum Guten. 

Rechnen Sie mit Nachahmern?

Dafür würden vergangene Taten sprechen. Die von Hanau lässt sich auch als Nachahmungstat sehen. Auf den rechtsradikalen Amoklauf von Anders Breivik (2011) folgte der in München (2016), darauf die rassistischen Anschläge in Christchurch (März 2019), El Paso (August 2019) und Halle (Oktober 2019). Bei allen diesen Anschlägen handelte es sich um Einzeltäter – die in rechtsradikalen Foren in Ahnengalerien verherrlicht werden. Daher halte ich es für richtig vom Bundesinnenminister Horst Seehofer, nun vor Nachahmungstätern zu warnen.

Warnen ist das eine, einen potenziellen "einsamen Wolf" zu erkennen und zu stoppen das andere …

… jeder einsame Wolf hat seine eigene Kriegsideologie, die schwer im realen Leben zu lokalisieren ist. Wie gesagt: Wir sprechen hier von sozial isolierten Menschen, die in der großen Öffentlichkeit kaum greifbar sind. Auch der Täter von Hanau war offenbar weitestgehend unauffällig, so wurde er zumindest von seinem Schützenverein beschrieben. Die Sicherheitsbehörden müssen daher im digitalen Raum ansetzen. Das ist die Lebensrealität der einsamen Wölfe.

Wie sieht eine kurzfristige und zielführende Maßnahme aus?

Kurz gesagt: eine massive technologische Aufrüstung. Wir müssen weg von der Beamtenkultur und brauchen junge Leute, die sich auf rechtsradikalen Plattformen wie "8chan" oder "4chan" bewegen und den dort verwendeten Szene-Sprech entschlüsseln können. Langfristig sollte schon in der Schule behandelt werden, wie man mit Fake News, alternativen Medien und Verschwörungstheorien umgeht.