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Interview

Gewaltexzess im Schanzenviertel: Anwohnerin: "So stelle ich mir Bürgerkrieg vor"

Marina Klöting hat in der Schanze schon alles gesehen. Demonstrationen, Kämpfe zwischen Randalierern und Polizei, 1.-Mai-Krawalle. Doch die Szenen von der Nacht sind auch für sie neu. Klöting sagt: "So stelle ich mir Bürgerkrieg vor."

Frau Klöting, Sie wohnen direkt auf dem Schulterblatt. Wie haben Sie die Nacht auf Samstag erlebt?
Ich bin schon seit Donnerstag zu Hause, habe mich nicht mehr rausbewegt. Denn hier herrscht eigentlich schon seit diesem Tag Ausnahmezustand. Das, was dann gestern Abend passiert ist, habe ich so noch nie erlebt, und ich wohne schon ein paar Jahre in der Sternschanze. Es fing damit an, dass sich Radikale, Linksautonome hier aufgehalten haben, das taten sie schon den ganzen Tag und zunächst auch recht friedlich. Gegen 18 Uhr begann dann das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Die Polizei zog sich zurück und war dann auch stundenlang nicht mehr hier. Das mit den Feuern begann dann ganz schnell. Zuerst ein Feuer, dann zwei, dann drei - und dann hat gefühlt die ganze Straße gebrannt.

Plötzlich entwickelte sich eine unglaubliche Gruppendynamik: Die Autonomen griffen die Haspa (die Filale der Hamburger Sparkasse wurde aufgebrochen und angezündet - Die Redaktion) an - das machen die ja öfter, aber hier legten sie eine Gewaltbereitschaft an den Tag, die ich so noch nicht kannte. Läden wurden total zerstört, der Rewe, der Budni. Man sah eigentlich nur, wie die Leute da rein rannten und irgendwas holten, das gut brennt. Diese blinde Gewalt, diesen totalen Vandalismus - ich fand das alles sehr beklemmend, das hat nichts mehr mit politischen Zielen zu tun.

Sturm auf die Schanze

Besonders die Horden an Schaulustigen haben mich total irritiert: Sie haben geklatscht, gejubelt, gefilmt, die Arbeit der Helfer und Einsatzkräfte behindert. Diese Massendynamik finde ich sehr erschreckend.

Seit Jahren wohnen Sie in der Sternschanze, einen Stadtteil, der generell als linksorientiert gilt. Demonstrationen finden hier öfter statt, auch Auseinandersetzungen mit der Polizei, 1.Mai-Proteste. 

Und trotzdem sind diese Szenen neu für mich. Da ging es um keine politische Aussage mehr. Da herrschte blinde Zerstörungswut, man wollte den größtmöglichen Schaden anrichten. Soweit ich das beurteilen kann, war die Flora (die Rote Flora ist ein seit Jahren besetztes Gebäude in der Sternschanze und gilt als Autonomes Zentrum - die Redaktion) auch geschlossen, die hat sich nicht an den Krawallen beteiligt. Ich glaube auch nicht, dass das von Linken aus der Gegend ausging. Das sah für mich nicht so aus. Im Gegenteil: Ich habe einige gesehen, die versucht haben, die Barrikaden, die die Radikalen errichtet hatten, abzubauen. Die haben sich richtig mit denen angelegt und haben Zivilcourage gezeigt, sodass man manchmal dachte: Die werden jetzt auch noch verprügelt. Man hat ganz deutlich gesehen, dass die Menschen, die hier leben, die Krawalle nicht gut fanden und auch richtig wütend waren.

Die Polizei hat sich zunächst aus der Sternschanze zurückgezogen. Konnten Sie das verstehen?

Zuerst nicht. Auf Twitter habe ich dann versucht, nachzuvollziehen, was los war. Es war nicht nur bei uns schlimm, sondern auch am Pferdemarkt und auf der Reeperbahn, das habe ich von Freunden gehört, die dort wohnen. Irgendwann erklärte die Polizei auch, dass sie erst mal die Situation sichern musste, um sich selbst zu schützen. Es wurde ja vermutet, dass es eine Art Falle geben könnte. Relativ spät kam die Polizei dann von beiden Seiten mit Wasserwerfern angerückt - wurde dann auch massiv angegangen. Ich verurteile Gewalt von beiden Seiten, keine Frage. Aber die Polizei wurde gestern Abend wirklich massiv attackiert, beworfen mit Böllern und Pflastersteinen. Schlimme Szenen. So stelle ich mir Bürgerkrieg vor. Das kenne ich nicht aus Hamburg.


Wann waren die Krawalle vorbei, wann konnten Sie schlafen gehen, konnten Sie schlafen?

An Schlaf ist seit Tagen nicht zu denken, allein schon wegen der Hubschrauber, die ständig über der Stadt kreisen. Gegen 2 Uhr habe ich das Licht ausgemacht. Um 5 Uhr morgens bin ich wieder wach geworden und habe gesehen, wie die Feuerwehr, die Stadtreinigung, die Müllabfuhr mit den Aufräumarbeiten beginnt. Hier findet gerade Wiederaufbau statt, an dem sich auch sehr viele Menschen beteiligen. Das ist bewundernswert.

Nach dieser Nacht: Fühlen Sie sich noch sicher in Ihrem Zuhause?

Ja. Ich habe mich auch gestern nicht unsicher gefühlt. Ich finde die Situation sehr beklemmend und bin erschüttert. Wenn man sieht, wie alles brennt und verwüstet wird: Das macht betroffen und sehr traurig. Dieses Gefühl trägt man sicher noch ein paar Tage mit sich rum. Auch ich wusste, dass es schlimm werden würde und dass die Vorsichtsmaßnahmen wahrscheinlich zu kurz greifen würden - denn das ist ja leider oft so. Aber damit habe ich nicht gerechnet. Wütend bin ich trotzdem nicht. Eine konstruktive Lösung muss her. Gewalt auf Gewalt ist keine Lösung. 

Waren Sie heute schon in der Schanze?

Nein, noch nicht. Ich muss gleich raus. Bisher sieht's ruhig aus.

Nach Gewaltnacht in der Schanze: Hamburg räumt auf - und auch die Polizei hilft mit


Eine weitere Krawallnacht könnte noch vor Hamburg liegen. 

Ich hoffe, dass es nicht so schlimm wird wie gestern. Vielleicht gehen Kraft und Adrenalin bei allen Beteiligten zurück - und irgendwann müssen sie ja auch mal schlafen. Ich habe immer die Hoffnung, dass die nächste Nacht besser wird, dass sich alles beruhigt. Auch vor dem Hintergrund, dass der G20-Gipfel dann zu Ende ist und diese Krawalltouristen keinen Grund mehr haben, die Stadt zu zerstören. G20-Gipfel und Hamburg, das passt nicht zusammen. Aber das hatte ich ja nicht zu entscheiden.