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Gewalt in Bautzen: Angestachelt und instrumentalisiert - "Nicht wundern, wenn es dann knallt"

Ausschreitungen zwischen Rechtsextremen und Flüchtlingen gibt es im sächsischen Bautzen durchaus häufiger als öffentlich bekannt. Doch viele Maßnahmen scheiterten; Bürger und Polizei sind hilflos ob der Gewalt in der Region. Ein Flüchtlingsheimbetreiber spricht im stern Klartext.

Von Holger Witzel

Flüchtlinge und Asylbewerber stehen in Bautzen auf der "Platte", dem Kornmarkt

Brennpunkt Bautzen: Junge Asylbewerber auf dem Kornmarkt am Mittwoch, den 14. September. Auf der "Platte" war es seit dem Frühjahr immer wieder zu Pöbeleien, Handgreiflichkeiten und mehr als 70 Polizeieinsätzen gekommen.

Vor den Krawallen in Bautzen haben nach stern-Informationen nicht nur die Behörden bei der Betreuung von sogenannten unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern versagt. Offenbar solidarisierten sich auch die wohlmeinenden Unterstützer vor Ort lange mit jungen Geflüchteten, die nicht als harmlose Opfer taugen. Das hat nach Auffassung von Peter Rausch, der in Bautzen ein Wohnheim betreibt und viele der Unruhestifter vom Kornmarkt persönlich kennt, mindestens zur Zuspitzung der Situation beigetragen. Womöglich fühlten sich die jungen Araber durch den Zuspruch noch mehr angestachelt.

Nichts davon rechtfertigt auch in seinen Augen Selbstjustiz oder Menschenjagd. "Wenn man aber genau die Flüchtlinge unterstützt und als Lämmer darstellt, die seit drei Monaten Scheiße bauen, dann tut man sich und der guten Sache keinen Gefallen", sagt Rausch im Interview mit dem stern. "Oder man darf sich nicht wundern, wenn es dann knallt." In der vergangenen Woche waren in der sächsischen Stadt Auseinandersetzungen eskaliert, die seit Monaten schwelen.

Bautzen verzeichnete schon zuvor viele ähnliche Fälle

Auf dem Kornmarkt, Treffpunkt einer lokalen Szene von Trinkern, Jugendlichen und Asylbewerbern war es zwischen den verschiedenen Gruppen, aber auch mit Unbeteiligten seit April 2016 immer wieder zu Pöbeleien, Handgreiflichkeiten und mehr als 70 Polizeieinsätzen gekommen. Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vor einer Woche hatte schließlich bundesweit Empörung ausgelöst, nachdem ein fremdenfeindlicher Mob aus 80 Männern und Frauen etwa 20 Asylbewerber durch die Stadt gejagt hatte. Nach Polizeiangaben war die Gewalt - wie bereits bei Konfrontationen in den Tagen zuvor - zunächst von jungen Flüchtlingen ausgegangen. Angeblich hätten sie auch Beamte mit Flaschen und Holzlatten angegriffen.

Anders als oft berichtet, gehören nach stern-Informationen zu der Flüchtlings-Gruppe am Kornmarkt auch zahlreiche Erwachsene. Als Wort- und Anführer bei fast allen Auseinandersetzungen hatten sich vor allem ein 20-jähriger Libyer und zwei 17-jährige Syrer hervorgetan, mit denen nicht nur die Polizei einschlägige Erfahrungen hat. Mindestens einer der jungen Syrer soll bereits aus verschiedenen Heimen geflogen oder selbst ausgezogen sein, nachdem er Bewohner und Mitarbeiter massiv bedroht hatte. Versuche, ihn psychiatrisch untersuchen und betreuen zu lassen, seien ebenso gescheitert wie Verlegungen in andere Städte.

Nachdem ihn die Polizei einmal nach Dresden transportiert hatte, war er schneller mit dem Zug wieder zurück in Bautzen als die Beamten, die in einem Stau steckten. Gegen einen anderen mutmaßlichen Anführer der Gruppe liegt angeblich sogar ein richterlicher Beschluss vor, der eine verhaltensbedingte Untersuchung in einer Spezialklinik anordnet. Allerdings setzte das bisher offenbar niemand um oder durch, so Peter Rausch im stern-Interview: "Keine traut sich an dieses heiße Eisen heran." Am Mittwoch vergangener Woche soll aber genau dieser junge Mann wieder mittendrin gewesen sein.

Bei Problemfällen herrscht Ratlosigkeit

Peter Rausch, 58, wurde selbst schon von Nazis, aber auch einem der jungen Männer aus der Clique bedroht, besuchte ihn später trotzdem wieder im Krankenhaus und gilt auch sonst als unverdächtig, rassistische Vorurteile zu pflegen. "Eigentlich sehe ich mich selbst als sogenannten Gutmenschen, wenn auch nicht mehr mit einer so dunkelrosa Brille wie andere hier in der Stadt." Gerade weil Bautzen und seine Umgebung massive Probleme mit Rechtsextremismus habe, so Rausch gegenüber dem stern, sei die offenbar ohnmächtige Ratlosigkeit im Umgang mit diesen Problemfällen besonders verheerend: "Da muss ich dann doch nicht Monate warten, bis die Bombe explodiert. Da muss ich doch sensibel sein!"

Besonders fassungslos sei er gewesen, als das lokale Bündnis "Bautzen bleibt bunt" genau diese aggressiven jungen Männer kurz vor den Ausschreitungen auf ihrer monatlichen Versammlung auch noch als Opfer von übertriebener Polizei-Repression darstellte. Dabei ging es um Vorfälle auf einer Demonstration eine Woche zuvor, bei der die jungen Flüchtlinge gemeinsam mit linken Gruppen gegen rechte protestiert hatten und mit Polizisten aneinander geraten waren.

"Keine Lausejungen, sondern Intensivstraftäter"

Auf Unterstützer-Seite sieht man die Auslöser der Krawalle inzwischen auch differenzierter und macht das Jugendamt verantwortlich. "Das sind keine Lausejungen, sondern offenbar zum Teil richtige Intensivstraftäter", so Sven Scheidemantel, Vorsitzender des Vereins "Willkommen in Bautzen". Er versteht nicht, wieso in diesen Fällen so lange nichts von Seiten des staatlichen Vormunds unternommen wurden sei.

Von einer Demonstration linker Gruppen hatte man sich am Wochenende vorsorglich distanziert. "Wir möchten unsere volle Aufmerksamkeit vorrangig den Geflüchteten widmen", so die offizielle Erklärung dazu, "und nach den angespannten Tagen deeskalierend wirken." Von außerhalb wird Bautzen unterdessen weiter nach Kräften instrumentalisiert. Während Schaulustige und Fremdenfeinde tagelang ihren vermeintlichen Sieg feierten und sich prompt auch westdeutsche Hassprediger wie Tatjana Festerling oder Ester Seitz einfanden, ließen sich die frechen Rädelsführer der Clique vom Kornmarkt am Sonntag auf einer Demonstration der angereisten Antifa auf Schultern durch die Stadt tragen.

Das komplette Interview mit Peter Rausch lesen Sie im neuen stern.