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Fachleute warnen: Mehr Taten, mehr Gewalt: Antisemitismus bricht sich in Berlin Bahn

In Berlin gibt es immer mehr antisemitische Vorfälle - und die werden immer gewalttätiger. Das ist das Ergebnis eines Berichts, der nun für das Jahr 2018 veröffentlicht wurde.

Eine weiß-blaue gemusterte Broschüre "Antisemitische Vorfälle 2018" steht auf einem Tisch. Dahinter sitzt ein Mann im Anzug

Benjamin Steinitz, Projektleiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias), beantwortet Fragen zum Bericht über antisemitische Vorfälle 2018

DPA

Bedrohungen, Beschimpfungen, Beschädigungen oder Gewalt: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) beklagt eine starke Zunahme judenfeindlicher Vorfälle in Berlin. 2018 zählte die vom Senat geförderte nichtstaatliche Institution 1083 entsprechende Zwischenfälle. Das waren 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damals wurden 951 antisemitische Vorfälle gezählt.

Besonders besorgniserregend in dem Zusammenhang sei fortschreitende Gewaltbereitschaft und Verrohung, sagte Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz. "Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antijüdische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder Gewalt folgen zu lassen."

Doppelt so viele tätliche Angriffe

So habe sich die Zahl gemeldeter tätlicher Angriffe von 18 auf 46 mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der registrierten Bedrohungen sei erheblich um 77 Prozent gestiegen: von 26 auf 46. Hinzu kämen zum Beispiel 43 Sachbeschädigungen nach 42 im Jahr zuvor.

Den größten Anteil an den registrierten Taten haben solche mit verletzendem Verhalten, etwa Beleidigungen in sozialen Netzwerken, mündliche Anfeindungen, Propaganda oder Veranstaltungen. 831 davon zählte Rias (+22 Prozent), gut die Hälfte davon im Internet.

Steigender Trend bei Antisemitismus

In Berlin erheben verschiedene Institutionen nach unterschiedlichen Kriterien Statistiken zum Antisemitismus. Die 2015 gegründete und vom Senat geförderte Rias sammelt ihre Daten auf Grundlage von Meldungen via Internet, eigenen Beobachtungen, durch Zusammenarbeit mit einem Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteure wie der Opferberatung und der Polizeistatistik. Allen zuletzt veröffentlichten Statistiken gemein ist der steigende Trend bei antisemitischen Vorfällen. 

Aufgrund eines differenzierten Rasters oder unbekannter Täter geht Rias davon aus, dass bei der Hälfte der Vorfälle (49 Prozent) der politische Hintergrund unklar ist. Rechtsextremistisch motiviert waren demnach 18 Prozent, 9 Prozent gingen auf Israelfeinde zurück.

Nur wenige Täter Flüchtlinge 

7 Prozent erfolgten aus der politischen Mitte heraus, 6 Prozent aus "verschwörungs-ideologischen Kreisen". 5 Prozent der antisemitischen Vorfälle gingen auf Rechtspopulisten zurück, 4 Prozent auf "links-antiimperialistische" Kreise und 2 Prozent auf Islamisten.

Den Vorwurf, etwa von der AfD, muslimische Zuwanderer importierten Antisemitismus, wies Steinitz zurück. "Wir können das auf Grundlage der von uns registrierten Vorfälle nicht abbilden." Es gebe auch entsprechende Vorfälle mit Flüchtlingen, ihr Anteil sei aber gering.

Kollegah

Quellen: DPA, Rias, VDK.

tkr/Stefan Kruse / DPA
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