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Berlin³: Europaparteitag in Riesa: "Dexit"-Stimmung in der AfD: Nur Alexander Gauland bändigt noch den "gärigen Haufen"

Auf dem AfD-Europaparteitag stand auch das politische Erbe von Konrad Adenauer und Helmut Kohl zur Abstimmung. Einzig Alexander Gauland bändigte die "Dexit"-Stimmung und erhielt viel Applaus. Doch was kommt nach ihm?

Berlin hoch 3 - Alexander Gauland bändigt noch die AfD

Alexander Gauland hält in der AfD das Erbe von Adenauer und Kohl noch hoch, doch was kommt nach ihm?

DPA

Es war eine Rede, wie man sie lange nicht mehr gehört hat bei der AfD, auch nicht von Alexander Gauland. Ruhig, eindringlich, beschwörend und in Momenten fast schon flehentlich bat der Partei- und Fraktionschef die rund 500 Delegierten in der Parteitagshalle von Riesa, sich die Sache mit dem Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union (EU) nochmal zu überlegen. Die Bundesrepublik sei, anders als Großbritannien, ein "Land der Mitte", das anderen Staaten keine "Maximalforderungen" aufzwingen dürfe. Ein "deutscher Sonderweg" würde bei europäischen Partnern stets skeptisch gesehen, die Folgen eines Dexits "wären vielleicht unberechenbar". Als Gauland endete, applaudieren fast alle Delegierten stehend. 

Der radikale Antrag, binnen fünf Jahren die EU zu verlassen, wenn nicht völlig unrealistische "Reformforderungen" der AfD durchgesetzt werden könnten, fand keine Mehrheit. Die Fristsetzung ist raus aus dem Papier, jetzt soll erst nach "angemessener Zeit" über einen "Dexit" befunden werden. Also irgendwann in ferner Zukunft.

Die AfD - die Partei des Alexander Gauland

Das gerade noch abgewendete Drama von Riesa zeigt: Mehr denn je ist die AfD die Partei des Alexander Gauland. Er ist der einzige, der in der AfD über alle Flügel hinweg unangreifbare Autorität genießt. Nur Gauland kann das rechtspopulistische Konstrukt, das er selbst gerne als "gärigen Haufen" bezeichnet, noch einigermaßen zusammenhalten. Zwar träumt auch Gauland, wie die ganze AfD, von einer anderen EU, einem eher losen Zusammenschluss in einem "Europa der Vaterländer". Und zu diesem Traum gehört auch die Abschaffung des EU-Parlaments, was zu der bizarren Situation führte, das am Wochenende die AfD-Delegierten stundenlang um jeden Listenplatz rangelten für eben jenes Parlament, das sie gerne aufgelöst sehen würden.

Alexander Gauland

Doch Gauland war eben auch jahrzehntelang in der CDU, er ist, trotz aller Altersradikalität, immer auch ein Kind der alten Bundesrepublik geblieben. Zur alten Bundesrepublik aber gehört das Erbe von Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Beide waren große Europäer, beide haben aus der historischen Katastrophe von Nazi-Herrschaft, Völkermord und Weltkrieg die Lehre gezogen, dass Deutschlands Zukunft nur im demokratischen Westen liegen kann und nur in der engen Verbindung mit Europa.

Erbe von Adenauer und Kohl stand zur Abstimmung

In Riesa stand auch dieses Erbe zur Abstimmung und für Momente musste Gauland in die Abgründe von Selbstisolation, Nationalismus und Großmachtstreben schauen, in die der völkisch-nationalistische Flügel seiner Partei Deutschland führen will. Das war sogar dem Mann im Tweed-Sakko, der die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus vor Monaten noch als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte verniedlicht hat, zu viel.

Das Zündeln, das Spielen mit Provokationen und Ressentiments, das lustvolle Brechen angeblicher Tabus und Sprechverbote – all das, woran auch Gauland selbst sich gerne beteiligt hat, kommt jetzt an sein Ende. Jetzt, wo es wirklich ernst wird, wo es um den Platz Deutschlands in der Welt der nächsten Jahrzehnte geht. Das hat Gauland erkannt.

Lange wird Gauland die AfD nicht mehr führen können

Björn Höcke und sein nationalistisch-völkischer Flügel wollen die altbösen Großmachtträume wieder zum Leben erwecken. Gauland – ungeachtet seiner immer wieder zutage tretenden, erschreckenden rhetorischen Skrupellosigkeit ein historisch hoch gebildeter Mann – zuckt davor zurück. Aber der Mann wird demnächst 78 Jahre alt. Lange wird er die AfD nicht mehr führen können.

Vor dem, was nach ihm kommt, kann man nur Angst haben.

André Poggenburg steht am Rednerpult und gestikuliert mit seiner linken Hand