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Meinung

Überlebenskampf einer Partei: Scholz bewirbt sich um SPD-Vorsitz: Olaf und die Amateure

Die SPD sucht neue Vorsitzende. Sie war auf dem besten Wege, sich endgültig lächerlich zu machen. Jetzt tritt mit Olaf Scholz doch ein Schwergewicht an – und hat auch gute Chance, von den Mitgliedern gewählt zu werden.

Finanzminister Olaf Scholz

Strebt an die Spitze der SPD: Finanzminister Olaf Scholz

DPA

Und dann war da noch der Mann, der vom Hochhaus stürzte und auf der Höhe von Etage fünf fröhlich krähte: "Bislang ist ja noch alles gut gegangen."

Und damit zur SPD. Das ist jene Partei, die gerade versucht, dem Tod von der Schippe zu springen. Die mal wieder einen neuen Vorsitzenden sucht. Nein, schon falsch, diesmal sollen es gleich zwei sein. Dann hat die sozialdemokratische Funktionärskaste einen mehr, den sie in den Monaten nach der Wahl mürbe und rücktrittsreif mobben kann. Einer geht noch, einer geht noch raus…

SPD kurz davor, sich lächerlich zu machen

Kein Wunder, das niemand aus der noch spärlich vorhandenen Führungselite der SPD bereit schien, sich den Job antun zu wollen. Bei allem Respekt vor den bisherigen Bewerberpaaren und ihrem Wagemut zur Kandidatur: Die SPD war kurz davor, sich endgültig lächerlich zu machen. 

Olaf Scholz will offenbar SPD-Chef werden

Es ist noch nicht ausgemacht, ob es ihr nicht doch gelingt. Aber immerhin hat sich jetzt einer aus der ersten Reihe erbarmt, der nach dem Rücktritt von Andrea Nahles abgewunken hatte: Olaf Scholz, politischer Bruder im Geiste und persönlicher Freund der Weggebissenen. Der Finanzminister und Vizekanzler hatte seine Sofortabsage mit dem merkwürdigen Argument begründet: "Das ist zeitlich nicht zu schaffen." Andererseits: Sätze wie "Ich bin doch nicht wahnsinnig" oder "Die Irren haben mich nicht verdient" wären der Wahrheit näher–, aber beim sozialdemokratischen Restpublikum wahrscheinlich nicht ganz so gut angekommen.

Horde von Gutwilligen, Amateuren und Hasardeuren

Nun hat sich Scholz eines – soll man sagen? - Besseren besonnen. Oder sich besinnen lassen. Während am Sonntagabend in der ARD ein "Polizeiruf" über eine reichlich sonderbare Dorfgemeinschaft lief – Ähnlichkeiten mit real existierenden Parteien sind rein zufällig und fallen nur Übelmeinenden auf –, da bearbeiteten ein paar Genossen im Hause von Heiko Maas den Finanzminister, es sich doch noch mal anders zu überlegen und die Partei nicht einer Horde von Gutwilligen, Amateuren und Hasardeuren zu überlassen.

Jetzt ist Olaf Scholz der Mann, der zwischen Etage vier und fünf verzweifelt nach dem Fallschirm fummelt. Um es mit einem anderen Mann zu sagen, der vor langer Zeit auch mal kurzzeitig als Hoffnungsträger der SPD gehandelt wurde: Und das ist auch gut so.

Dass Scholz antritt, macht die Wahl des Vorsitzenden auch zu einer Richtungsentscheidung: Will sie um ihr Überleben als ernstzunehmende Gestaltungspartei kämpfen oder mit sich im Reinen in der Opposition weiter dem nahenden Ende entgegensiechen, Motto: Raus aus der Großen Koalition und rein ins Vergnügen. Würde über diese Frage nur ein SPD-Parteitag abstimmen, wäre der Ausgang ziemlich klar. Da hat Olaf Scholz bei seinen Wahlen zum Generalsekretär oder Parteivize bisher meist erbärmlich abgeschnitten. Er ist eigentlich nie wirklich gewählt, sondern eher hingenommen worden.

Scholz' Chance sind die Mitglieder

Seine Chance ist, dass nicht die Funktionäre wählen, sondern alle Mitglieder. Und die denken offenkundig doch etwas anders. Während die gefühlte und von dem mittleren Parteiestablishment beförderte Stimmung gegen die Große Koalition war, stimmten die stillen Genossen zwei Mal für das Bündnis mit der Union – und zwar überzeugend. 2013 mit Drei-Viertel-Mehrheit, Anfang vorigen Jahren immerhin noch zu zwei Dritteln. Nicht auszuschließen, dass die Mehrheit der Mitglieder doch sieht und glaubt, was ihnen die ganze Zeit von ihrer Führung erzählt wurde: Die SPD regiert durchaus erfolgreich. Vielleicht wissen sie auch, was in Wahrheit der Grund dafür ist, dass immer weniger die SPD (wählen) mögen – es ist das permanente Gegreine und der miese Umgang untereinander.

In Hamburg ist Scholz übrigens vor vielen Jahren mit dem Satz angetreten: "Wer Führung will, kriegt sie." Das war eine Drohung – und ein Versprechen. Angeblich sucht Scholz noch eine Frau, die mit ihm zusammen kandidiert. Er sollte die Suche einstellen und den Mitgliedern reinen Wein einschenken: Alleine kann er es besser. Doppelspitzen haben in der Politik noch nie funktioniert. Nicht in der Linken, nicht bei den Grünen. Robert Habeck und Annalena Baerbock sind bislang die große Ausnahme von der Regel.

Scholz muss den Mittelbau in Schach halten

So wenig im Moment dafür zu sprechen scheint: Olaf Scholz könnte es schaffen. Und vielleicht kriegt er es sogar hin, dass irgendwann einmal nicht mehr eine ganze Republik vor Lachen auf dem Boden liegt, wenn die Worte SPD und Kanzlerkandidatur in einem Satz ausgesprochen werden. Vielleicht.

Gewiss ist allerdings etwas anderes: Falls er gewählt werden sollte, wird er seine gesamte Führungskunst und –kraft erst einmal brauchen, um den von den Mitgliedern niedergestimmten SPD-Mittelbau in Schach zu halten. Denn dessen Motto wird lauten: Fallschirm? Brauchen wir nicht! Genossen, der Krampf geht weiter!