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Berlin³ vor den Landtagswahlen: Schrei nach Liebe: Wie mit den (voraussichtlichen) Wahlergebnissen umgegangen werden sollte

Licht aus, Spot an – am Sonntag werden die Rechtspopulisten von der AfD den beiden ostdeutschen Bundesländern Sachsen und Brandenburg satte Ergebnisse einfahren. Die Stunde der Verlierer schlägt.

AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland spricht in Dresden

AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland spricht in Dresden (Archivbild)

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Petra Köpping, Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, bewirbt sich in den nächsten Wochen gemeinsam mit dem Niedersachsen Boris Pistorius um den SPD-Vorsitz. Die beiden haben Außenseiterchancen, in etwa so hoch, wie die Möglichkeit, dass RB Leipzig in dieser Saison Deutscher Meister wird. Mit anderen Worten – eher unwahrscheinlich, aber ganz ausgeschlossen ist es nicht.

Köpping hat ein Buch geschrieben. Es trägt den vielsagenden Titel "Integriert doch erstmal uns." Wer an diesem Wochenende noch nichts vor hat und sich am Sonntagabend nicht darüber wundern will, warum bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen die rechtspopulistische AfD mit ziemlicher Sicherheit über die 20-Prozent-Marke marschieren wird, der sollte es lesen. Köpping beschreibt darin sehr detailliert die Demütigungen, die der deutsche Osten nach der Wende erfahren hat. "Die Niederlage des Staates wurde im Osten in individuelle Niederlagen umgewandelt." Mittlerweile ist klar:  So etwas geht nicht spurlos an der Politik vorbei. Am Sonntag, Schlag 18 Uhr, ist es mal wieder soweit.

Brandenburg und Sachsen vor der Unregierbarkeit?

Die kollektive Demütigung, die vielfach zu einer individuellen wurde, führte zu Verbitterung, Frust, manchmal sogar zur Abkehr von der Demokratie. Nicht bei allen, aber bei vielen. Und sie erklärt, warum es in Sachsen lange Zeit als realistisches Szenario galt, dass die AfD dort stärkste Partei werden könnte (was mit einem Wiedererstarken der CDU laut jüngsten Umfragen wohl ausgeschlossen ist), es erklärt zudem, warum eine einstmals stolze Volkspartei wie die SPD im deutschen Südosten nur noch einstellige Ergebnisse einfahren wird. Ein Parteiensystem, so wie man es im Westen kannte, ist erodiert, kaum dass man sich im Osten daran gewöhnen konnte. Lediglich 30 Jahre hat das gedauert. Eine Generation.

Um für einen Moment ungerecht zu werden – man könnte sagen: Die Stunde der Verlierer schlägt.   

Wie singen "Die Ärzte"?

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe

Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit

Du hast nie gelernt dich zu artikulieren

Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit

Ein Schrei nach Liebe. Stimmt schon, das Lied handelt von einem Skinhead. Irgendwann aber kommt die Zeile: "Weil du Probleme hast, die keinen interessieren." Die Springerstiefel mal weggelassen, dann trifft die Strophe die Befindlichkeit derer, die in den ostdeutschen Wahlkabinen ihr Kreuz bei der AfD machen, ziemlich gut. Keiner hatte Zeit für sie. Und gelernt, sich richtig zu artikulieren, hatten sie auch nicht. Jetzt wird der stumme Schrei so laut, dass sie draußen irritiert sind.

Und so erklärt sich zumindest die Aufmerksamkeit, die am Sonntag generiert wird. Die Volksparteien bzw. das, was von ihnen übrig ist, werden sich Gedanken machen müssen, wie es nun weitergeht. Mit ihnen selbst. Aber auch mit Landesteilen, die sich womöglich in eine de facto Unregierbarkeit hineinwählen.

Das alles ist nicht fair gegenüber der übergroßen Mehrheit, die sich – aus welchen Motiven auch immer – für die "system-stabilisierenden" Parteien entschieden haben. Es wäre deshalb gut, wenn man bei der Interpretation der Wahlergebnisse, auch diese Größenordnung für einen Moment berücksichtigen könnte. Sie liegt immerhin bei knapp 80 Prozent.