Bildungsstreik Protestiert endlich richtig!


Schüler und Studenten gehen in dieser Woche auf die Straße. Na, endlich! Gründe zum Protest haben sie schließlich genug: eine überhastete G8-Reform, Unterrichtsausfall an den Schulen und unterfinanzierte Hochschulen. Doch die Initiatoren des Streiks verzetteln sich.
Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Die Schüler wissen, warum sie auf die Straße gehen: Stress am Gymnasium durch eine überhastete Schulreform (G8), zu wenig Lehrer, zu große Klassen, Unterricht, der ständig ausfällt und völlig veraltete Schulbücher, zum Beispiel Atlanten, in denen es noch zwei Deutschlands gibt.

An den Unis ist es nicht besser: Die Hochschulen sind seit Jahren chronisch unterfinanziert, auf einen Professor kommen rund 60 Studenten. Daran hat auch die Einführung von Studiengebühren nichts geändert. Dazu der neue Turbo-Abschluss Bachelor, den die Studenten nach sechs Semestern machen müssen und der sie für einen Job qualifizieren soll. Noch weiß keiner, was der Abschluss auf dem Arbeitsmarkt wert ist. Bisher hat er jedenfalls nur einen Effekt: Das Studium wird verschulter. Statt um Erkenntnis geht es um "Credit Points".

Doch alle sind gegen alles

Doch die Initiatoren des Streiks verzetteln sich: Weil alle gegen alles sind, haben sie keine klare Stoßrichtung. Die Schüler wollen gleich das dreigliedrige Schulsystem kippen, die Studenten die neuen Studienabschlüsse und -gebühren abschaffen. Nebenbei haken sie sich noch bei den Erzieherinnen unter, die auch gerade zufällig unterwegs sind und gegen ihre schlechte Bezahlung streiken. Auch irgendwie ein Bildungsthema.

So machen sie es ihren Gegnern, den Spaßbremsern von der Schüler Union, dem RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) und dem Philologenverband allzu leicht, ihre Ziele als links und radikal zu diffamieren.

Der Zeitpunkt zum Protest ist schlecht gewählt

Der angekündigte Massenprotest blieb bisher aus. Die Streikwoche begann schleppend. An vielen Unis und FHs blieben die Studenten lieber zu Hause, am Mittwoch gingen bundesweit immerhin geschätzte 100.000 Schüler und Studenten auf die Straße. Nur 100.000. Das waren 50.000 weniger, als die Veranstalter erwartet hatten. Angesichts der Bildungskatastrophe unter zwei Millionen Studenten und neun Million Schülern müssten sich eigentlich mehr Frustrierte finden lassen.

Auch der Zeitpunkt ist schlecht gewählt: Kurz vor den Sommerferien, während die einen für Prüfungen lernen und die anderen bereits die Sommerferien einleiten. So wie bei der WM 2006, als ganz Deutschland im Fußballfieber taumelte und dabei völlig den Trupp von Studenten übersah, die eine Autobahn aus Protest gegen Studiengebühren in Hessen blockierten.

Besser: klare Ziele - und dann auf die Straße

Und was ist eigentlich aus der guten alten Demo geworden? Statt sich in möglichst originellen Protestformen zu überbieten - in München wurde ein Gymnasium unter Quarantäne gestellt, morgen sollen Banken symbolisch überfallen werden, es gibt Bobbycar-Rennen und "Bildungs-Bier" - sollten die Schüler und Studenten sich lieber auf klare Ziele einigen und dann auf die Straße gehen.

Denn eines ist ja wohl klar: Gute Bildung für das 21. Jahrhundert kostet Geld. Es braucht kluge Reformen im verkrusteten deutschen Bildungssystem. Und es lohnt sich viel mehr, in Köpfe als in marode Kaufhäuser oder Autos zu investieren.


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