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"Mächtige, flexible Waffe": Die Bundeswehr rüstet mit Kampfdrohnen auf

Noch hat die Bundeswehr die neuen Heron-TP nicht offiziell bestellt, doch es wird bereits über die Raketenbewaffnung verhandelt. Möglichst flexibel soll sie sein, um auch kleinere Ziele angreifen zu können.

Von Hauke Friederichs und Jan Boris Wintzenburg

Kampfdrohne Bundeswehr Heron TP

Noch hat die Bundeswehr die Kampfdrohnen des Typs Heron TP nicht offiziell bestellt

Der mächtige Propeller am Bug dreht sich, das graue Flugzeug rollt auf die Startbahn am Rand des Feldlagers Masar-i-Scharif und hebt ab. Wenige Augenblicke später gehen beim Piloten und beim  Sensorbediener im klimatisierten Container die ersten hochaufgelösten Bilder ein. Häuser und Lehmhütten, die in der Provinzhauptstadt im Norden Afghanistan stehen, tauchen auf ihren Bildschirmen auf, Autos und Menschen auf der Straße. In bis zu drei Kilometer Höhe steigt die ferngesteuerte Maschine vom Typ Heron 1 auf. "Fliegendes Auge über Afghanistan", nennt die Bundeswehr die Drohne.

Noch brechen alle unbemannten Flugzeuge der Bundeswehr ausschließlich zu Aufklärungsmissionen auf. Doch das wird sich bald ändern. Die Bundeswehr will Kampfdrohnen ordern. Spätestens 2018 sollen die deutschen Streitkräfte mit Raketen bestückte Heron TP einsetzen.

Bislang haben weder die deutsche, noch die israelische Seite Angaben zur Bewaffnung der Drohne gemacht. Nun steht fest, dass die Bundeswehr mit den neuen Heron-TP verschiedene Waffensysteme nutzen will, so dass "Munition unterschiedlicher Größe bzw. Eignung mitgeführt und ausgewählt werden kann". So steht es in einer unveröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken, die dem stern exklusiv vorliegt. Und weiter: "Der Hersteller des Heron TP sowie das israelische Verteidigungsministerium haben zugesichert, dass eine solche Skalierung mit dem Heron TP gewährleistet ist." Übersetzt heißt das: Der Pilot soll noch im Flug entscheiden können, mit welcher Sprengkraft er sein Ziel angreifen will.

Bundeswehr: Heron TP aus Israel hat sich durchgesetzt

Das Verteidigungsministerium, heißt es, beabsichtige nun, "auch Systemhersteller von Effektoren einzubinden". Mit "Effektoren" meinen deutsche Militärs Luft-Boden-Raketen und Bomben, die stark genug sind, Häuser zu zerstören und Kleinbusse von der Straße zu sprengen. Die Heron TP soll eine mächtige und vor allem flexible Waffe werden.

Der Bundeswehr ist dieser Einsatz von verschiedenen Waffen mit unterschiedlicher Sprengkraft wichtig. Heron TP aus Israel hat sich im Auswahlverfahren gegen amerikanische Kampfdrohnen vom Typ Predator und Reaper auch durchgesetzt, weil diese Maschine verschiedene Raketentypen und wohl auch Bomben tragen und abfeuern kann. Die unbemannten Flugzeuge aus den USA schießen meist Hellfire-Raketen ab. Amerikanische Killerdrohnen haben damit bei ihren Missionen in Afghanistan, Irak, Jemen, Pakistan und Somalia hunderte Unschuldige getötet, die in der Nähe eines Angriffsziels waren. Die US-Streitkräfte und der Auslandsgeheimdienst CIA nutzen ihre Predator und Reaper für das gezielte Töten von Terrorverdächtigen. Deutsche Politiker und Militärs beteuern, die eigenen Drohnen nicht für solche Todeskommandos nutzen zu wollen. Um sogenannten "Kollateralschaden", den Tod von Zivilisten, bei Luftangriffen mit Drohnen möglichst ausschließen zu können, will die Bundeswehr wohl auch Raketen mit wenig Feuerkraft haben.

Noch laufen Gespräche zwischen deutschen Experten und Vertretern des israelischen Verteidigungsministeriums sowie der israelischen Luftwaffe über die Bewaffnung der neuen deutschen Drohnen. Gekauft werden sollen anscheinend marktverfügbare Waffen, die bereits von der israelischen Armee getestet oder eingesetzt werden. Eigene Studien zu den Waffen an Bord von Heron TP haben die Deutschen zumindest nicht vorbereitet. Demnach dürfte die Vorauswahl der Waffen bereits weit vorangeschritten sein. "Die Auswahl der Bewaffnung erfolgt auf der Grundlage der operationellen Anforderungen und den zeitlichen und finanziellen Rahmenbedingungen ggf. in einem abgestuften Vorgehen", teilt die deutsche Regierung mit. "Eine Entscheidung ist derzeit 2016 zu erwarten."

Hergestellt werden Heron 1 und Heron TP von Israel Aerospace Industries (IAI). Neben den US-Rüstungskonzernen General Atomics und Boeing gehört IAI zu den erfolgreichsten Drohnenherstellern der Welt. Deutschland will die drei bis fünf benötigten israelische Drohne nicht kaufen – sondern leasen. Vertragspartner wird dabei der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus sein, der mit IAI kooperiert und dessen Drohnen in Europa vertreibt. So hat die Bundeswehr bereits den Vorgänger Heron 1 beschafft: Auch diese Drohne mieten die deutschen Streitkräfte bei Airbus. 

Die Eurodrohne soll in zehn Jahren kommen

Heron TP soll nur eine Übergangslösung sein. In gut zehn Jahren will die Bundeswehr eine mit europäischen Partnern entwickelte Kampfdrohne in Betrieb nehmen. "Das Leasing des israelischen Heron TP soll eine Lücke bis 2025 überbrücken", heißt es bei der Bundeswehr. "Bis dahin soll die – gemeinsam mit Frankreich, Italien und Spanien entwickelte – Eurodrohne verfügbar sein." Auch diese Maschine soll verschiedene Raketentypen abfeuern können.

Die Opposition kritisiert die Drohnenpläne der Bundesregierung. Die Grünen verurteilen die Beschaffung und den Einsatz von Kampfdrohnen – ebenso die Linkspartei. "Klar ist schon jetzt, dass die deutsche Killerdrohne mehrere Waffensysteme gleichzeitig befördert", sagt der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von den Linken. "Kampfdrohnen sind Offensivwaffen und senken die politische Hemmschwelle bei der Entscheidung über Militäreinsätze. Ihr Einsatz führt zur Entgrenzung des Krieges, zeitlich und räumlich. Deshalb lehnen wir die ‚Übergangslösung‘ ebenso ab wie die gleichzeitige Entwicklung einer 'Eurodrohne'."

Doch die Opposition hat nicht genügend Stimmen im Bundestag, um die Anschaffung der Kampfdrohnen zu verhindern. Und so werden in Masar-i-Sharif und in anderen Einsatzgebieten der Bundeswehr schon bald bewaffnete Drohnen auf den Startpisten abheben. Das fliegende Auge wird dann zur fliegenden Faust.

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