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CDU-Vorsitz Braun, Röttgen und Merz: Wer nun wem gefährlich wird

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtsminister Helge Braun (beide CDU)
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtsminister Helge Braun (beide CDU)
© Kay Nietfeld/ / Picture Alliance
Da sind es schon zwei, bald wahrscheinlich drei: Ins Rennen um den CDU-Vorsitz kommt Schwung. Die Bewerber bringen sich in Stellung. Alle stehen vor einer kniffligen Frage: Wer nimmt wen ins Visier? 

Wer gehofft hatte, dieses Wortungetüm nach dem Bundestagswahlkampf aus seinem Sprachgebrauch tilgen zu können, muss nun bitter enttäuscht sein: Das "Triell" bekommt wieder Konjunktur, Helge Braun hat seine Hand für den CDU-Parteivorsitz gehoben.

Alle hatten ein Duell erwartet, nun wird es wohl ein Dreikampf: Während sich Norbert Röttgen und Friedrich Merz noch sortierten, trat der scheidende Kanzleramtsminister mit einem Knall aus der Kandidaten-Kulisse – und legte ein politisches Husarenstück hin. 

Denn Brauns überraschende Bewerbung hat das Potenzial, einen parteiinternen Wahlkampf mit unberechenbarem Ausgang ins Werk zu setzen – wirft ein Triell im Gegensatz zu einem Duell doch zwangsläufig die Frage auf: Wer nimmt wen ins Kreuz? Und wer wird wem gefährlich?

"Wird Braun gewählt, rundet das die Amtszeit Merkels ab"

Norbert Röttgen kam prompt aus der Deckung, als Brauns Kandidatur am Donnerstag offiziell wurde. Nur wenige Minuten später kündigte er eine Erklärung für Freitagfrüh an, in der er aus Gerüchten schließlich Fakten machte. Die Ruckzuck-Reaktion spricht Bände: Röttgen, der als selbsterklärter Vertreter "der modernen Mitte" antritt, sieht seine Positionierung im Rennen um den Parteivorsitz offenbar durch Braun bedroht.

Die "Mitte", dieser diffuse Ort zwischen den politischen Spektren, wurde lange Zeit von der Partei- und Regierungschefin Angela Merkel bestellt. Dabei treu an ihrer Seite: ihr Kanzleramtsminister und Gefolgsmann Helge Braun.

Er könnte sich den CDU-Mitgliedern, die erstmals über den Parteivorsitz abstimmen, als glaubhafte Alternative zu Röttgen und als klares Gegengewicht zu Friedrich Merz positionieren. Merz, Liebling der Konservativen und Mitgliederbasis, hat seine Kandidatur zwar nur (recht deutlich) angedeutet. Doch auch er dürfte angesichts des neuen Konkurrenten ins Grübeln kommen.

Zwar könnten sich vor allem Braun und Röttgen als zwei "liberale" Kandidaten gegenseitig Stimmen nehmen. Doch könnte der vermeintliche Favorit Merz so in eine Stichwahl gezwungen werden – die er verlieren könnte. Denn wieder einmal geht es in der CDU um einen Richtungskampf.

"Bei diesen drei Kandidaten lautet die Frage: Wie viel Einfluss hat Angela Merkel in der Partei", sagt der Politikwissenschaftler Thomas Jäger von der Universität Köln zum stern. "Wird Braun gewählt, rundet das die Amtszeit Merkels ab. Werden Merz oder Röttgen gewählt, ist das ein Bruch mit den Merkel-Jahren."

Trumpf und Hypothek

Braun steht in der Dreierkonstellation wie kein anderer für eine Fortschreibung des Mitte-Kurses in bewährter Merkel-Manier. Ein Trumpf, aber auch eine Hypothek: Für die Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet erwies sich dieser Weg nicht als gewinnbringend – die CDU-Mitglieder könnten sich folglich für einen Kursschwenk aussprechen, der ein neues Profil verspricht. 

Auftritt: Merz. Er ist unter den CDU-Anhängern äußerst beliebt, sticht als konservativer Kandidat hervor, der die Basis polarisiert. Und die bestimmt faktisch über den nächsten Vorsitzenden, auch wenn das Ergebnis noch formal auf einem Parteitag bestätigt werden muss. Merz dürfte nun zum dritten Mal den Versuch unternehmen, die Merkel-Ära als neuer Parteichef zu beenden. Wird er sich dieses Mal durchsetzen?

Dafür spricht: Die Zeichen stehen auf Neuanfang, so hat sie zumindest Jens Spahn gedeutet. Der Noch-Gesundheitsminister erklärte am Mittwoch seinen Verzicht auf eine Kandidatur, da es jetzt Zeit für einen Neuanfang in der CDU sei und "nicht für ehemalige Regierungsmitglieder". Das lässt sich auch als kleiner Seitenhieb in Richtung Braun lesen. 

Braun werden keine großen Chancen eingeräumt, aber aussichtslos ist seine Kandidatur nicht. Er ist ein Parteigewächs, das sich in der CDU vielseitig eingebracht hat: zunächst als Kreis- und Bezirksvorsitzender, später im Vorsitz der Landesgruppe Hessen und als Abgeordneter im Bundestag. Eine Erneuerung der Partei auf allen Ebenen wäre ihm zuzutrauen, weil er alle Ebenen kennt. Zudem steht der stille Machtmanager an Merkels Seite nicht im Verdacht, sich ins Rampenlicht zu drängeln – während Röttgen und Merz zum nunmehr zweiten und zum dritten Mal nach der Macht greifen.

Duell, Triell – oder Quartell?

Dazu zeichnen sich Entwicklungen ab, die für Braun von Vor- und für seine Konkurrenz von Nachteil sein könnten. Mag der Merkel-Kurs verschrien sein, Wahlen lassen sich damit immer noch gewinnen – wenn auch von anderen: Der siegreiche SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz ließ keine Gelegenheit aus, sich als ihr Erbe zu inszenieren.

Angesichts der sich zuspitzenden Coronalage in Deutschland stellt sich außerdem eine gewisse Merkel-Melancholie ein. Die Pandemiepläne der Ampel-Parteien wirken auf viele mutlos, die Rufe nach einem betont vorsichtigen Pandemiemanagment werden lauter – und Braun, der vor seiner Politiker-Laufbahn übrigens als Arzt in der Anästhesie tätig war, positioniert sich klar im "Team Vorsicht". Allein: Er war als Kanzleramtschef von Anfang an ein Teil davon.

CDU-Vorsitz: Braun, Röttgen und Merz: Wer nun wem gefährlich wird

"Die Frage wird sein, ob sich Braun und Röttgen als zwei 'liberale' Kandidaten gegenseitig Stimmen nehmen", so Politikwissenschaftler Jäger, "oder Merz und Röttgen als zwei 'weg-von-Merkel'-Kandidaten." Es komme darauf an, wie sich die Kandidaten selbst porträtieren und wie sie von den anderen in den nächsten Wochen definiert werden.

In jedem Fall werde die Abstimmung "einen tiefen Blick in die momentane Stimmung der CDU geben", meint Jäger. "So läuft alles auf die Frage zu, ob Merkels Kandidat Braun gewählt wird oder die Mitglieder in der Abstimmung auch mit der Amtzeit Merkels abrechnen."

Alle haben einen Zweikampf erwartet, ausgetragen wird wohl ein Dreikampf – auf den Merkel einen langen Schatten wirft. Duell, Triell – oder doch Quartell? 


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