HOME

Anti-Terror-Einsatz: Terrorverdächtiger vom IS ausgebildet - Panne beim Festnahmeversuch?

Immer mehr Details zu dem Anti-Terror-Einsatz in Chemnitz werden bekannt. So soll der Terrorverdächtige Jaber Albakr vom IS ausgebildet worden sein. Und: Gab es eine Panne beim Festnahmeversuch?

Wohnung Chemnitz

Am Sonntagnachmittag stürmten Spezialkräfte der Polizei eine weitere Wohnung in Chemnitz

Der terrorverdächtige Jaber Albakr, der am Samstag bei einem Festnahmeversuch in Chemnitz entkam, soll enge Verbindungen zum Islamischen Staat gehabt haben. Die Art des gefundenen Sprengstoffes weise daraufhin, dass  der 22-Jährige vom IS ausgebildet wurde, berichtete die "Bild"-Zeitung unter Verweis auf Ermittler.

Bei dem Sprengstoff soll es sich um TATP (Azetonperoxid) handeln, das als hochexplosiv gilt. Den Sicherheitsbehörden soll schon zuvor bekannt gewesen sein, dass der Mann Kontakte zum Terrornetzwerk habe. Wieso Albakr bei dem Festnahmeversuch entkommen konnte, ist offen. Medienberichte, wonach es zu einer Panne bei der Polizei gekommen sei, dementierte das Landeskriminalamt.

TATP kann verheerende Wirkung haben

Offiziell herrscht bei den Behörden noch eisernes Schweigen. Weder die Zusammensetzung des Sprengstoffs noch Hintergründe sind bislang bestätigt. Dies geschehe aus taktischen Gründen, erläuterte eine Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen. Laut "Bild"-Zeitung befand sich ein Kilogramm Sprengstoff in der Wohnung, das LKA spricht offiziell von mehreren hundert Gramm.

"Schon 200 Gramm TATP haben eine verheerende Wirkung. Wer weiß, wie man sie richtig einsetzt, kann damit eine Halle sprengen", zitiert die "Bild-Zeitung" einen Sprengstoffexperten. Die meisten zur Herstellung nötigen Stoffe seien frei erhältlich, die Herstellung gelte aber als sehr komplex.

Unterdessen wird immer mehr über den mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr bekannt. Laut "Focus" und "Spiegel online" ist der Syrer im Februar 2015 an der deutsch-österreichischen Grenzen in Rosenheim bei der illegalen Einreise aufgegriffen worden. Im darauffolgenden Juni wurde sein Asylantrag anerkannt. Doch Albakr geriet schnell in das Visier der Geheimdienste, das Bundesamt für Verfassungsschutz übernahm die Observierung.

Albakr war in seinen Planungen sehr weit

Am vergangenen Donnerstag soll Albakr die nötigen Materialen zusammen gehabt haben, um sich auf einen Sprengstoffanschlag vorzubereiten. Am Freitag übermittelte demnach der Verfassungsschutz seine Erkenntnisse an die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt. Dort wurde der Fall auf einer Skala von eins bis acht mit zwei bewertet - also fast mit der höchsten Terrorwarnstufe. "Vor dem Hintergrund der vorliegenden Erkenntnisse ist mit einem schädigenden Ereignis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu rechnen", zitiert "Spiegel online" aus einem Dokument.

In aller Eile bereitete die Polizei die Festnahme vor. Ein MEK (Mobiles Einsatzkommando) und ein SEK (Spezialeinsatzkommando) waren an dem Einsatz beteiligt. "Focus" zitiert einen sogenannten Indsider, demzufolge es beim Zugriff zu einem "Totalausfall" in der Abstimmung zwischen den beiden Einheiten gekommen sei. 

Tatsache ist: Jaber Albakr konnte am Samstagmorgen um kurz nach sieben durch das Netz schlüpfen. Polizisten gaben noch einen Warnschuss ab. Noch steht nicht fest, ob Albakr zufällig entkam oder ob er die Polizei bemerkt hatte, die rund um die Wohnung aufgezogen war. Laut "Focus" wurde die Wohnung erst um 12.15 gestürmt. Dort fanden die Beamten mehrere hundert Gramm des Sprengstoffs TATP. Später nahmen sie den Mieter der Wohnung am Chemnitzer Hauptbahnhof fest. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.  Zwei weitere Festgenommene wurden am Sonntag wieder entlassen.

Das LKA verteidigt den Einsatz in Chemnitz

Das LKA hat sein Vorgehen mittlerweile verteidigt. Sprecher Tom Bernhardt, sagte, dass die Situation nicht eindeutig gewesen sei. Während der Vorbereitungen hätten die Beamten eine Person im Haus bemerkt. Der Gesuchte habe sich schnell bewegt und sei trotz eines Warnschusses aus dem Sichtfeld weggelaufen. Die Beamten mussten davon ausgehen, dass der Tatverdächtige möglicherweise Sprengstoff bei sich trug. Das Haus war nicht evakuiert, deshalb konnten die Beamten kein Risiko eingehen. Wie er entkam, sei unklar.

Albakr soll einen Rucksack bei seiner Flucht dabei gehabt haben. Weil sich darin explosive Materialen befinden könnten, warnte das Landeskriminalamt explizit vor dem Flüchtigen.

Zuletzt stürmte die Polizei laut "Bild" eine weitere Wohnung im Chemnitzer Stadtteil York. Der Festgenommene soll Kontakt zu Albakr gehabt haben.

Tim Schulze mit Material von DPA